16-jährige
Klimaaktivistin:
„Die Politik ignoriert
uns komplett!“

5 min
August 12 | 2021

Leandra Breu ist Mitglied der Bewegung Rise Up for Change. Sie besetzte vergangene Woche den Paradeplatz. Im Interview mit Go Green redet sie über ihren Ansporn, ihre Frustration, ihre Wut.

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Leandra Breu (rechts) mit ihrer Mitstreiterin Mathilda Osterwalder beim Rise Up for Change 2020.      Bild: zvg

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Die Bewegung Rise Up for Change besetzte im Rahmen ihrer Aktionswoche die Eingänge der Banken UBS und Crédit Suisse. Klarer hätte sie ihre Forderungen nicht formulieren können. Mit dem Slogan „Defund fossil fuels“ nahm sie den Schweizer Finanzplatz in die Pflicht. Investitionen in CO2-intensive Branchen und Unternehmen sollen gestoppt und Finanzflüsse transparent gemacht werden.

Leandra, du warst am 2. August bei der Besetzung des Paradeplatzes dabei. Warum?

Wir wollten ein Verständnis dafür schaffen, dass der Schweizer Finanzplatz mitverantwortlich für die Klimakrise ist. Obwohl wir mit dem Thema einen Grossteil der Bevölkerung erreichen konnten, macht uns die Politik immer noch oft klein oder ignoriert uns komplett. Sie nimmt uns nicht als gesellschaftliche Bewegung wahr, die Druck auf sie ausübt. Ich weiss nicht, wie es uns gelingen soll, das zu ändern.

Muss Aktivismus mittlerweile über Demonstrationen hinausgehen, um etwas zu bewirken?

Es braucht beides. Zum einen grosse Streiks, wie den Strike for Future, an denen neben Gewerkschaften wie der Unia oder der VPOD so viele Menschen wie möglich teilnehmen. Daneben brauchen wir aber immer wieder auch Menschen, die beispielsweise Blockaden durchführen und das Risiko einer Strafverfolgung eingehen. Die Verbindung von beidem ist meiner Meinung nach am wirkungsvollsten.

Wie hast du den Tag erlebt?

Tatsächlich hatte ich eine eher spezielle Rolle. Ich war Teil von einer der sogenannten Fingerspitzen. Das bedeutet, dass ich auf dem Weg zum Paradeplatz in der ersten Reihe mitgelaufen bin. Um ungefähr 5.30 Uhr sind wir von verschiedenen Standpunkten aus losgelaufen, die alle etwa eine halbe Stunde vom Paradeplatz entfernt liegen. Wie ein Morgenspaziergang, nur, dass die Strassen komplett leer waren. Es war alles noch dunkel und ich mit Adrenalin vollgepumpt. Der Polizei sind wir auf dem Weg kein einziges Mal begegnet.

Überraschte dich das?

Ich hätte erwartet, dass die Stadt Zürich sich besser auf uns vorbereitet. Kurz sassen wir dann vor dem Seiteneingang der UBS, bis wir die Nachricht bekamen, dass unser Transporter da ist. Dann musste alles sehr schnell gehen: Ein Sicherheitsverantwortlicher der UBS war schon dabei, das Gitter vor dem Eingang herunterzulassen. Mitarbeitende der UBS, die während der Blockade an uns vorbeikamen, machten auf mich nicht den Eindruck, ihr Verhalten reflektieren oder verbessern zu wollen. Stattdessen ernteten wir Blicke von oben herab. Sie sagten auch ohne Worte: „Die schon wieder.“

Die Aktivisten von Rise up for Change während der Aktionswoche im Herbst 2020 in Bern.  Bild: zvg

Und trotzdem würdest du dich wieder vor die UBS setzen?

Auf jeden Fall. Wir hatten eine gute Atmosphäre vor der Bank. Trotz mitunter schlechten Erfahrungen. Einmal hat ein Passant uns beleidigt, uns gedroht und sogar geschlagen. Wir haben es aber geschafft, ein Zeichen zu setzen. Auch in der Kommunikation haben wir Fortschritte gemacht: Der Fokus lag auf dem Finanzplatz und dessen Rolle in der Klimakrise. Die Politik und andere Institutionen haben diesmal nicht nur über die Illegalität unserer Aktion geredet. So wie 2020 bei der Besetzung des Bundesplatzes.

Wie hat sich der Polizeieinsatz abgespielt?

Nach drei oder vier Stunden hat sie mit der Räumung angefangen. Ich gehe davon aus, dass das auch auf Druck der Crédit Suisse hin so schnell gegangen ist. Erschreckend fand ich, dass dabei kaum Rücksicht auf die Gesundheit mancher Personen genommen wurde. Einige Aktivisten hatten ihre Arme zum Beispiel in Ölfässern aneinander gekettet. Diese 800 kg schweren Fässer sollte man natürlich nicht einfach bewegen, sondern aufbrechen, um die angeketteten Personen nicht zu gefährden.

Wie bist du ursprünglich dazu gekommen, dich als Aktivistin zu engagieren?

Als ich das erste Mal mit dem Klimastreik in Berührung kam und angefangen habe, mich zu engagieren, wusste ich nicht das Geringste zu dem Thema. Als der erste Klimastreik in St.Gallen stattfand, muss ich um die vierzehn Jahre alt gewesen sein. Da habe ich angefangen, beim Znacht mit meiner Familie darüber zu diskutieren. Politische Diskussionen hatten dort immer schon einen festen Platz. Das schätze ich sehr. Ich fing an, mich zu informieren und zu recherchieren und hatte dabei das Glück, in meinen Eltern als ehemalige Greenpeace – und WWF-Mitarbeitende gute Gesprächspartner zu finden. An meinem ersten Streik bin ich ganz hinten mitgelaufen und traute mich erst kaum, laut mitzuschreien. Am Ende der Demo habe ich mit einer fremden Frau neben mir die Parolen gerufen. Das hat mir unglaublich viel Kraft gegeben.

Vor ein paar Tagen ist ein neuer IPCC Bericht des Weltklimarats IPCC erschienen. Was machen solche düsteren Aussichten mit dir?

Es ist paradox. Einerseits bin ich umso motivierter, je negativer die Nachrichten sind. Natürlich zieht es mich runter, die Szenarien der Klimaforschenden wahr werden zu sehen. Gleichzeitig könnte mein Aktivismus keine bessere Legitimation bekommen. Ich weiss, dass ich das Richtige tue! Die Inhalte solcher Berichte müssen aber noch viel mehr in die breite Gesellschaft getragen werden. Und sie müssen sich zum Beispiel im Schulstoff widerspiegeln.

Die Bewegung Rise up for Change an der Besetzung des Bundesplatzes 2020.  Bild: zvg

Wie wollt ihr weiter Druck auf Politik und Finanzinstitutionen aufbauen?

Als nächstes sind die internationalen Streiktage im September und der Strike for Future dran. Die nächste Aktion von Rise up for Change findet wahrscheinlich in einem Jahr statt. Bis dahin wollen wir unbedingt noch mehr Menschen mobilisieren.

Macht die Schweizer Bevölkerung noch zu wenig für die Bekämpfung der Klimakrise?

Im Gegensatz zu vielen anderen sehe ich Eigeninitiative nicht als ultimatives Mittel zur Bewältigung der Klimakrise. Es geht nicht darum, dass niemand mehr Auto fährt. Effektiver ist es, im eigenen Umfeld über das Thema zu sprechen und an Demonstrationen zu teilzunehmen, damit sich im System selbst grundlegend Dinge verändern. Das Ziel muss eine Welt sein, in der es gar keine Eigeninitiative mehr braucht.

Leandra Breu besucht derzeit die Fachmittelschule in St.Gallen mit dem Schwerpunkt Kommunikation und Information. Sie ist Aktivistin und Mediensprecherin bei der Bewegung Rise up for Change.

Die Autorin studiert Umweltwissenschaften an der Uni Fribourg und beschäftigt sich mit Fragen zur klimaverträglichen Gesellschaft.

Kommentare

  • wieso:

    Ich bin mir nicht immer so sicher, ob demonstrieren hilft. Es wäre doch besser, einfach zu handeln, zu ändern, zu machen!

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