Bier vom Berg - der Gerstenzüchter im Alpengarten

4 Minuten
7. Juli 2025

Alljährlich finden in Arosa die Biodiversitätstage statt. Bei einem Besuch im Alpengarten, bewundern wir die genügsame alpine Flora und lernen über das filigrane Handwerk eines Braugerstenzüchters. Denn die feinen Zutaten fürs Bier vom Berg gibts nicht ohne Wissen – und noch mehr Geduld.

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Alpengarten

Philipp Streckeisen zeigt die Ähren der Gerstensorte Alpetta.  Bild: Bernard van Dierendonck

Pippau, Wiesen-Salbei, Löwenzahn, Margerite – die Wiesen auf der hundert Meter über Arosa gelegenen Hochebene von Maran stehen Mitte Juni in voller Blüte. Es ist beeindruckend, welche Blumenpracht entsteht, wenn die Weiden nicht bei erstbester Gelegenheit gemäht oder beweidet werden. Wir wandern weiter und folgen den verwitterten Wegweisern zum Alpengarten. Hier findet im Rahmen der Botanica  und der ArosaAkademie eine Führung durch das Areal und ein Referat zur Pflanzenzucht statt.

Alpengarten Arosa

Der Alpengarten Arosa mit einer Fläche von über 1000 Quadratmetern ist ein Paradies für Naturliebhaber.  Bild: Bernard van Dierendonck

Fünfhundert verschiedene Pflanzenarten

Nach den farbenfrohen Wiesen muss sich das Auge umgewöhnen: Anstelle der dichten Blütenpracht haben die Gärtnerinnen und Gärtner nebst Trockenwiesen und einem Feuchtgebiet fünf Gesteinsbeete angelegt. Dolomit, Schiefer, Paragneis, Orthogneis und der für Arosas Gipfel charakteristische Serpentin bilden die kargen Nährböden für die genügsamen, oft unscheinbaren Gebirgsspezialistinnen unter den Pflanzen.

Gärtnerinnen wie die Bäuerin Corina Jäger aus dem Aroser Dorf Peist hegen und pflegen auf einer 1000 Quadratmeter grossen Fläche fünfhundert verschiedene Pflanzenarten. Corina Jäger erzählt, wie schwierig das Jäten zwischen den Alpenpflanzen ist, wie stark wachsende Arten die seltenen Arten stark bedrängen: „Es braucht viel Übung, die Pflanzen im vegetativen Zustand, also ohne Blüte, zu erkennen und nicht die falschen auszureissen“, sagt sie. Doch ihre Arbeit zahlt sich aus, und wir bewundern die kugeligen Teufelskrallen, die grossen Straussglockenblumen und die violett-gelben Alpenastern. Besonders gefällt der weisse Alpenmohn mit seinen schönen, zarten Blüten. Dank einer tiefen Pfahlwurzel trotzt die Pflanze den unwirtlichen Kalkfelsen.

Alpenmohn

Der wunderschöne weisse Alpenmohn – eine von über fünfhundert Pflanzenarten im Alpengarten Arosa.  Bild: Bernard van Dierendonck

Die älteste Getreidesorte

Der weitaus grössere Teil des Alpengartens wird von Agroscope bewirtschaftet. Das Kompetenzzentrum des Bundes für die Forschung in der Land- und Ernährungswissenschaft baut hier auf 1800 Metern über Meer mehr als hundert verschiedene Kartoffelsorten an. In dieser Kartoffelsammlung finden sich Fastfoodkartoffeln ebenso wie eine grosse Anzahl von farbigen und historischen Pro Specia Rara Arten. Auf anderen Parzellen unternehmen die Forscherinnen und Forscher Pflanzversuche mit klimatauglichen Futterwiesenmischungen und beinahe in Vergessenheit geratenen Getreidesorten.

Wie sinnvoll es ist, dass man altbewährten Sorten nicht einfach aufgibt, erzählt uns der pensionierte Pflanzenzüchter Philipp Streckeisen. Im Schatten des Gartenhauses hält der Mann mit dem schönen Strohhut ein leidenschaftliches Referat zur Zucht einer bergtauglichen Braugerstensorte. Wir erfahren, dass Gerste nicht nur die älteste Getreidesorte ist, welche der Mensch nutzt – in der Schweiz seit 8’000 Jahren –, sondern auch, dass sich nicht jede Gerste zum Brauen von Bier eignet. Wird das Getreide für Tierfutter oder für uns Menschen als Nahrungsmittel angepflanzt, dann interessiert einen hoher Proteingehalt. Eine Eigenschaft, welche bei der Braugerste unerwünscht ist. Denn zu viel Protein trübt das Bier und lässt es beim Einschenken übermässig schäumen.

Alpengarten Bier

Philipp Streckeisen hat mit viel Geduld eine neue Gerstensorte gezüchtet.   Bild: Bernard van Dierendonck

Auch die Brauerei Locher ist Abnehmerin

Die beiden Graubündner Kleinbrauereien Bieraria Tschlin SA und BierVision Monstein AG sowie die Appenzeller Brauerei Locher AG sind die grossen Abnehmerinnen von Bio-Braugerste aus dem Berggebiet. Lange säten die Bäuerinnen und Bauern die Sorte Quench an. Diese Gerste ist kurz und standfest. Zwei Eigenschaften, welche gut zu den rauen alpinen Bedingungen passen. Leider benötigt sie aber ein bis zwei Wochen zu lange bis zur Reife. Immer wieder kam es vor, dass früher Schneefall die Ernte zerstörte. «So erhielt ich den Auftrag, eine frühreifere Sorte zu züchten», erzählt Philipp Streckeisen.

Er begann, die bisherige Braugerste mit einer alten Sorte aus der Unterengadiner Gemeinde Ardez zu kreuzen. Anhand einer Weizenähre demonstriert er das filigrane Züchterhandwerk. Sorgfältig legt er die winzigen Blüten frei. «Dann muss man mit einer Pinzette die männlichen Staubbeutel auf der ganzen Ähre entfernen. Als Nächstes wird der entmannte Blütenstand mit den Pollen der anderen Sorte bestäubt.» Dieser Vorgang wird Jahr für Jahr wiederholt, bis dann hoffentlich eine Pflanze mit den gewünschten Eigenschaften entsteht. Für Philipp Streckeisen und seine Mitarbeitenden war es zehn Jahre später so weit, und die neue schnellwüchsige Sorte Alpetta spriesst seither auf Graubündens Feldern.

Corina Jäger

Corina Jäger verteilt die Sirupsorte Oxymel, welche aus Essig und Honig zubereitet wird.  Bild: Bernard van Dierendonck

Antik und isotonisch

Eigentlich hätte man als Abschluss der Veranstaltung ein Schluck Alpenbier erwartet. Doch die Bäuerin Corina Jäger hält eine andere Überraschung bereit. Sie verteilt selbstgemachten Gersten-Randensalat und zum Trinken gibt es die Sirupsorte Oxymel, welche aus Essig und Honig zubereitet wird. Dieses süss-saure Getränk verwendet man seit der Antike auch als Heilmittel und ist sehr lange haltbar. Versetzt mit pürierten Fichtennadeln und Ingwer hilft es gegen Husten und Erkältung. Besonders erfrischend ist die Mischung mit Sanddornsaft. „Oxymel wirkt wie ein isotonisches Getränk“, sagt Jäger, „und es ist heute an diesem warmen Tag bestimmt eine prima Stärkung für den Heimweg.“

Veranstaltungen im Alpengarten

Im Rahmen der ArosaAkademie werden die Referate im Alpengarten während den Sommerferien nochmals angeboten.

Jeweils an einem Donnerstag von 14:30h – 15.30 h.

  • 10. 7.2025: Kartoffelsorten aus den Bündner Bergen für unsere Landwirtschaft. (Eintritt frei, Kollekte)

Kosten für die folgenden Führungen CHF 15.- pro Person, Kinder bis 16 gratis

  • 17.7.2025: Neue Braugerstensorte für das Bündner Berggebiet
  • 24.7.2025: Buchweizen – ein modernes Getreide?
  • 31.7.2025: Der Hanf im Fokus
  • 7.8.2025: Die Kartoffel im Fokus

Schau dir die vielseitigen Angebote der ArosaAkademie an, wo ganzheitliches Wissen zum Thema Nachhaltigkeit vermittelt wird.

In Kooperation

Diesen Beitrag erstellte Go Green im Rahmen der Kooperation mit Arosa Tourismus. Er entspricht den Nachhaltigkeitsanforderungen von Go Green. Mehr nachhaltige Storys zu Arosa gibt es hier!

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Autor:in: Go
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gogreen.ch
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