COP15 in Montreal: Warum die Biodiversität uns kümmern sollte

5 Minuten
6. Dezember 2022

Die UN-Biodiversitätskonferenz COP15 in Montreal ist wichtig. Die Kurzfassung für pressierte Zeitgenoss:innen: Weil es um unser Überleben geht. Um die Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Um die Sicherung unseres Wohlstands. Weil langfristiger Klimaschutz nicht ohne intakte Lebensräume geht. Und weil wir uns um ein prachtvolles Leben betrügen würden.

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COP15 Biodiversitaet

Wär doch schade, den Alpensalamander auf verregneten Wanderungen nicht mehr anzutreffen.   Bild: Plan Biodivers

Die gute Nachricht: Wir können selbst etwas für den Erhalt der Artenvielfalt tun, unabhängig davon, ob und wie sich die Staaten an der UNO-Biodiversitätskonferenz einigen werden. Bevor es zu konkreten Lösungsideen geht, ein kleiner Exkurs zu Dringlichkeit und Notwendigkeit, dass wir in die Gänge kommen.

COP15 und die Biodiversität: 30 Prozent der Erdoberfläche sollen geschützt werden

An der COP15, der 15. UNO-Biodiversitätskonferenz in Montreal, werden griffige Ziele und Instrumente definiert, wie wir das globale Artensterben aufhalten können und eine Trendumkehr schaffen. Dies zumindest die Hoffnung. Montreal soll für die Biodiversität werden, was Paris für den Klimaschutz war: Eine rechtlich verbindliche Übereinkunft klar gesteckter Ziele und konkreter Abmachungen. Auch wenn’s beim Umsetzen harzt – das Pariser Abkommen mit seinem 1,5 Grad-Ziel war ein globaler Weckruf. Die intakte Artenvielfalt ist schwierig zu bemessen, dennoch gibt es auch für die aktuelle COP15 ein klar definiertes Ziel. «30 by 30», lautet die Losung.

Die Schweiz auf dem letzten Platz punkto Naturschutzgebiete

Bis zum Jahr 2030 sollen 30 Prozent der Erdoberfläche geschützt werden. Als Zwischenetappe zu «50 by 50», also dass 50 Prozent unserer natürlichen Umgebung zu Land und zu Wasser sorgfältig beansprucht werden sollen. Dies fordern Wissenschafter inzwischen aufgrund des fortschreitenden Klimawandels. Die offizielle Schweiz unterstützt diese Forderung – global. Innerhalb unseres Landes sei das aus Platzgründen nicht möglich. Hier werden 17 Prozent angestrebt, sagt das Bundesamt für Umwelt, Bafu. Dabei sind wir heute schon auf dem letzten Platz, wenn es um Naturschutzgebiete geht, im Vergleich mit den 38 OECD-Mitgliedstaaten.

Identität und Heimatgefühl dank der Landschaft

Die Natur ist unsere wichtigste Verbündete im Umgang mit dem Klimawandel. Je gesünder unsere Lebensräume sind, desto stabiler funktionieren deren Gratisleistungen. Die sogenannten Ökosystemleistungen, von denen wir tagtäglich profitieren. Wie frisch gefilterte, saubere Luft und Wasser, Nahrungsmittel, Medizin, Schutz vor Naturkatastrophen, nachwachsende Ressourcen etc. Je reicher die Artenvielfalt, desto anpassungsfähiger und widerstandsfähiger sind wir. Sie ist das «Reservoir der Zukunft», wie das Forum Biodiversität festhält. Unsere Identität und Heimatgefühl verdanken wir der einzigartigen Landschaft vor der Haustüre. Wir schöpfen Lebensqualität und -freude aus dem Erleben mit und in der Natur. Das SECO schätzt den Wert unserer intakten Landschaft auf 2,5 Milliarden Franken jährlich allein für den Tourismus.

Göscheneralp

Bergseeidylle auf der Göscheneralp, über der manchmal auch der Steinadler kreist und wo die Autorin letztes Jahr ein zu gut getarntes Rebhuhn erschreckte.  Bild: Plan Biodivers

Darum sollten wir bei der Energiediskussion aufhören, Naturschutz gegen Klimaschutz auszuspielen. Die Welt ist komplexer, als es uns teils Politiker:innen weismachen wollen. Es ist ein einzigartiges Geflecht verschiedener Ökosysteme, entwickelt in Millionen von Jahren. Ist eine Tier- oder Pflanzenart ausgestorben, wissen wir nicht, was dies für einen Einfluss auf dieses Netzwerk und damit auf unsere Lebensgrundlage hat. Schon im Jahr 2000 hielt die Millenniumsstudie der UNO fest, dass zwei Drittel dieser Ökosystemleistungen beschädigt oder nicht nachhaltig genutzt sind.

Schweiz – ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten bedroht

Auch bei uns in der Schweiz sind ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten bedroht, die Hälfte all unserer Lebensräume steht unter Druck. Auf Dauer wird das teuer. Die Schweiz verteilt jährlich 40 Milliarden umweltschädigende Subventionen. Zum Beispiel für den Strassenbau, für Kleinwasserkraftwerke, vor allem aber für die intensive Landwirtschaft. Dies hält die WSL, die eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, fest.

Weil wir wissen, woran es liegt, dass unsere Lebensräume verschwinden und mit ihnen die Arten und damit auch unsere Lebensqualität, wissen wir auch, was wir dagegen unternehmen können.

1. Wir zerstören Lebensräume für die intensive Landwirtschaft

Hier findet kaum ein Insekt Nahrung und damit auch kein Vogel, der auf Insekten angewiesen ist. Das Forum Biodiversität schätzt, dass ungefähr 60 Prozent der Insekten in der Schweiz gefährdet sind. Sie gelten jedoch als die «Ingenieure unserer Ökosysteme». Denn sie machen 70 Prozent aller Tierarten aus. Die Mehrzahl der Pflanzen müssen bestäubt werden. Insekten sorgen für Bodenfruchtbarkeit, verbreiten Samen und bekämpfen Schädlinge. Agroscope berechnet den Wert der Bestäubung auf jährlich 350 Millionen Franken. Die Landwirtschaft ist also direkt abhängig von Insekten und Kleinlebewesen und tötet sie gleichzeitig mit Pestiziden, bzw. nimmt ihnen den Lebensraum.

Was wir tun können? Unsere Ernährung anpassen

Bio, lokal und saisonal einkaufen. Viel weniger Fleisch und überhaupt tierische Produkte konsumieren. Laut NZZ beansprucht ein Veganer 730 Quadratmeter Fläche pro Jahr für seine Ernährung, beim Fleischesser seien es 2’350 Quadratmeter. Ein gutes Drittel, nämlich 36 Prozent unserer Schweizer Böden, waren laut Bundesamt für Statistik Landwirtschaftsfläche. Doch nur gerade 5,7 Prozent davon werden nach Bio-Kriterien bewirtschaftet. Der Rest sind Agrarwüsten, gesäumt durch ein paar wenige Biodiversitäts-Förderflächen.

Kornblume

Kornblume als sogenannte Ackerbegleitflora im Getreidefeld, dank der Insekten auch auf Landwirtschaftsflächen Nahrung finden.   Bild: Plan Biodivers.

2. Wir zerstören Lebensräume, weil wir uns immer mehr in ihnen ausbreiten.

Das Siedlungsgebiet ist zu 62 Prozent versiegelt. Hier wächst kein Gras, da lebt kein Regenwurm, da findet kein Lebewesen ein Zuhause oder etwas zu Essen. Was nicht versiegelt worden ist für unsere Häuser, Strassen und sonstige Infrastruktur, sind robotergemähte Rasen, zurechtgestutzte Hecken und Bäume, exotische Pflanzen oder Zierpflanzen und Schottergärten. Auch dies sind aus Sicht der Natur reine Wüsten, auch hier findet kaum ein Tier Kost und Logis.

Was wir tun können? Naturnahe Flächen schaffen

Wer einen Garten oder Balkon hat, kann heimische Pflanzen setzen und jetzt im Winter die abgestorbenen Pflanzenstängel stehenlassen, denn hier überwintern Insekten sowie ihre Eier und Larven. Als schönen Nebeneffekt gibt es wieder mehr Wildbienen, Schmetterlinge und Vögel vor der Haustüre. Bei den Exoten oder auch bei extra gezüchteten Zierpflanzen finden unsere Insekten oft keine Nahrung, da sie auf die ursprünglichen Wildpflanzen angewiesen sind. Folglich verhungern und verschwinden sie und damit auch unsere Vögel, Fledermäuse und Co. Etwas aufwändiger, doch dafür genauso lustvoll: Entsiegeln. Es macht Spass, den Boden von seiner toten Asphalt- oder Betonkruste zu befreien und neues Leben zuzulassen. Parkplätze, Innenhöfe, wenig genutzte Strassen – hier könnten wir zuerst anpacken und den Boden naturnah bepflanzen. Dabei leisten wir gleichzeitig einen Beitrag zu Hitzeminderung und Wasserspeicherung – eine ideale Methode zur Klimaanpassung.

Biodiversität entsiegeln

Die Asphaltknackerinnen im Einsatz: Bettina Walch, Isabella Sedivy und Sabrina Stettler (v.l.).  Bild: Plan Biodivers

3. Invasive Neophyten und Neozoen breiten sich aus

Von den 350 bekannten Neophyten verhalten sich laut Infoflora um die 60 Arten invasiv. Das heisst, sie breiten sich unkontrolliert aus und verdrängen die heimischen Arten. Die Amsel frisst im Herbst die Beeren vom Kirschlorbeer, scheidet sie woanders wieder aus, weil der daraus wachsende neue Kirschlorbeer immergrün ist, wächst kein heimischer Strauch oder Baum mehr. Mittelfristig kostet uns das laut Infoflora jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag.

Was wir tun können? Weg damit!

Je konsequenter wir Berufkraut, kanadische Goldrute auf wilder Flur ausreissen und Kirschlorbeer, Sommerflieder oder Armenische Brombeere vernichten, desto günstiger. Je mehr wir sie mit heimischen Sträuchern, Stauden und Blumen ersetzen, desto vielfältiger wird unsere Umgebung.

Henrys Geissblatt

Asiatischer Dschungel? Nein, asiatische Kletterpflanze namens «Henrys Geissblatt», die sich im Zolliker Wald invasiv ausbreitet und alles Einheimische erstickt.  Bild: Plan Biodivers

Dies ein paar Ideen, was wir selbst unternehmen, wo wir bei Gemeinden oder unseren Arbeitgebern mit Firmenarealen oder Vermieter:innen vorstellig werden können.

Es wäre ja nicht nur schade für uns, es wäre vor allem schade um all diese Variationen von Farben, Formen und auch Gerüchen, die es im Reich der Säugetiere oder Amphibien oder auch der Schlingpflanzen und Nadelbäume, der Moose, Pilze und Flechten gibt.

Gehen wir Klimaschutz, Klimaanpassung und die Förderung der Biodiversität ganzheitlich an. Nutzen wir die Synergien zur Sicherung unserer Lebensgrundlage.

 

Dies ist ein Gastbeitrag von Bettina Walch. Die ehemalige SRF-Kaderfrau leitete zwei Jahre lang das SRF-Projekt «Mission B» für mehr Biodiversität und setzt sich heute mit ihrer Geschäftspartnerin Isabella Sedivy und ihrem Team bei Plan Biodivers für naturnahe Lebensräume ein.

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Autor:in: Bettina
Walch
Die ehemalige SRF-Kaderfrau Bettina Walch leitete zwei Jahre lang das SRF-Projekt «Mission B» für mehr Biodiversität und setzt sich heute mit ihrer Geschäftspartnerin Isabella Sedivy und ihrem Team bei Plan Biodivers für naturnahe Lebensräume ein.
planbiodivers.ch
Kommentare
  • Isabella Sedivy:

    Es wäre doch eigentlich alles gar nicht so schwierig. Wir müssen uns nur endlich bewegen.

    • Bettina Walch:

      …und es wäre sogar schöner, bunter, reicher direkt vor unserer Haustüre.

    • Sven Keller:

      Solange der Tagi den Menschen sogar erzählt, wir sollten doch nicht aufhören Fleisch zu essen, weil doch dann unsere Kinder keine Kühe und Schweine mehr sehen würden, ist diese Aufklärung ein langer Weg. Menschen müssen erst mal begreifen, wieviele tausend verschiedene andere Lebewesen auf diesen Flächen existieren könnten. Das Tierlexikon in der Schweiz geht nicht allzu weit über Hund, Katze, Maus, Kuh, Schwein. Leider. Trotzdem: Steter Tropfen….

      • Bettina Walch:

        …höhlt den Stein und vielleicht auch das eine oder andere Althergebrachte, das so alt noch gar nicht ist. Es ist ja noch nicht so lange her, da war unsere Ernährung im Einklang mit den natürlichen Ressourcen. Danke für dein Feedback, Bettina

  • Simon:

    vielen Dank für den grossartigen Artikel! Genau, es geht ums Überleben. Wer sich öfters in der Natur bewegt und Augen und Ohren offen hält, der spürt und sieht den Rückgang. Zum Beispiel den Rückgang von Kleintieren und Kleinlebewesen in Gewässern. Der einfache Test: einfach Steine umdrehen im Fluss oder im Bach. Wo es früher noch krabbelte, findet man entweder gar nichts mehr oder nur noch wenige Lebewesen. Oder im eigenen Quartier dominieren Gärten, die eher an Kunstwerke, Bunker, Steinwüsten erinnern – alles immer sauber aufgeräumt, aber die grösste Katastrophe für die Natur. Also für uns. Es gibt immer weniger Vögel, selbst die Population der Spatzen ist rückläufig… 🙁 Oft frage ich mich, warum die Menschen nicht sehen, erkennen, was hier abläuft, was wir seit Jahrzehnten zerstören und falsch machen… schwierig, damit umzugehen. Schwierig.

    • Bettina Walch:

      Danke, lieber Simon, dein Feedback zum Text freut mich sehr. Ich glaube, dass wir die verschiedenen Zusammenhänge vergessen habe. Ich hab das ja an mir selbst gemerkt, obwohl ich in einem „bewussten“ Haushalt aufgewachsen bin, wir Igel überwintert, Kröten gerettet und für Schmetterlinge gebremst haben, und ich heute noch jeden Regenwurm vom Asphalt klaube und ins Gras lege. Wie alles eng miteinander verknüpft und verhängt ist und dass jede Handlung im Alltag schliesslich auch einen Einfluss aufs grosse Ganze in der Natur hat, das war mir bis vor wenigen Jahren tatsächlich so nicht bewusst.

  • Simon 2:

    …und ja, Kleinwasserkraftwerke sind, äxgüsi, Bullshit!

    • Bettina Walch:

      Ja, die kann man sich nur partikularinteressenmotiviert schönreden.

  • Conny Kipfer:

    Sehr informativ, habe einige neue Informationen und Anregungen bekommen. Macht neugierig, mehr über Biodiversität in meiner Umgebung zu erfahren und zu tun.

  • Bettina Walch:

    Liebe Conny, das freut mich sehr! Viel Spass beim Entdecken, herzlich, Bettina

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