Der Fussabdruck der Ferien: So wird das Reisen nachhaltig

4 Minuten
21. Juli 2021

Befinden wir uns nicht gerade in einer Pandemie, wächst der Tourismussektor stetig an. Und der ökologische Fussabdruck wird grösser. Schweiz Tourismus hat deshalb ein Nachhaltigkeitsprogramm gestartet. Entscheidend fürs Reisen: Das Transportmittel.

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Der Bernina-Express in der Schweiz: Mit dem Zug auf die Reise ist im Vergleich sehr nachhaltig.  Bild: A.Stutz

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Tourismus hinterlässt einen grösseren CO2-Fussabdruck als lange angenommen. Insgesamt ist der Wirtschaftszweig für rund acht Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Das haben Forschende aus Sydney 2018 in einer Studie belegt. Sie versuchten erstmals, alle wichtigen Faktoren in ihre Berechnungen übers nachhaltige Reisen einzubeziehen. Von der Anreise an den Ferienort über Restaurantbesuche bis zu Gängen in den Souvenirshop. Interessant an den Funden der Wissenschaftler: Touristinnen und Touristen aus den reichen Industrieländern verursachen nicht nur daheim mehr Emissionen. In den Ferien verhalten sie sich ebensowenig nachhaltig. Die Studie überprüfte auch die Lieferketten, die dem Tourismus zugrunde liegen. Ausschlaggebend ist hier unter anderem die Produktion und der Import westlicher Lebensmittel an abgelegene Feriendestinationen.

Lokale Produkte sind nachhaltig

Klar ist: Die Branche hat Potenzial, ihre Nachhaltigkeitsstrategie auszubauen. Anfang dieses Jahres lancierte Schweiz Tourismus sein neues Programm Swisstainable. Das Konzept Nachhaltigkeit kommt darin zwar auch als hübsche Dekoration und Marketingtool für das «Reiseland Schweiz» daher – aber nicht nur. In Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern hat der Dachverband definiert, wie nachhaltiges Ferien-machen aussehen soll: Abfall und Ressourcenverbrauch minimieren, auf Langsamverkehr umsteigen und Naturräume schützen. Zur sozialen Nachhaltigkeit gehört die Rücksichtnahme auf die lokale Bevölkerung, der Erhalt von Kulturgütern sowie Barrierefreiheit. Wirtschaftliche Nachhaltigkeit erreicht man dadurch, lokale Produkte zu bevorzugen und bleibende Arbeitsplätze zu schaffen.

Drei Stufen für nachhaltiges Reisen

Für diese Ziele stattet das Programm nachhaltige Anbieter mit dem Swisstainable-Logo aus. Die so zertifizierten Anbieter sind in drei Level unterteilt. Je nachdem, welche und wie viele Nachhaltigkeitslabels sie schon vorweisen. Zu den Labels des dritten und höchsten Levels  gehören zum Beispiel Green Globe, Earth Check oder Ibex Fairstay. Die meisten Schweizer Jugendherbergen befinden sich auf dem höchsten Level des Nachhaltigkeitsprogramms.

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Die Reise zu planen ist die halbe Miete, um auch nachhaltig sinnvolle Ferien zu machen.       Bild: pixabay/Dariusz Sankowski

Neben den Anbietern können aber auch Konsumierende durch ihre Entscheidungen dazu beitragen, ihre Ferien möglichst ressourcenschonend zu gestalten. Reisende sollten sich grundsätzlich fragen, welche Geschäftskonzepte, Technologien und Destinationen sie unterstützen möchten.

Campingurlaub statt Hotel

Der WWF betont, sich bei der Entscheidung für eine Unterkunft am landestypischen Komfort zu orientieren. Reisende sollen durch Baubooms entstandene Hotels und Resorts meiden. Überdimensionierte bauliche Infrastrukturen, die allein für touristische Zwecke geschaffen wurden, tragen nur unnötig zu Bodendegradation und -versiegelung bei. Eines der UN-Nachhaltigkeitsziele möchte genau diese Bodenverluste bekämpfen. Umgehen kann man diese Herausforderung beispielsweise mit Couchsurfing. Die Plattform bietet die Möglichkeit, direkt mit Einheimischen in Kontakt zu treten oder sogar bei ihnen zu übernachten.

In der Regel schneiden Camping-Urlaube mit Wohnmobilen besser ab als Hotelreisen mit PkWs. Die höheren Emissionen bei der An- und Abreise werden hierbei mit geringeren Übernachtungsemissionen kompensiert. Je länger Reisende am Ferienort bleiben und je kürzer die Anfahrt, desto höher die Einsparungen. Anders sieht das bei langen Anfahrtswegen wie Auslandsreisen, oder bei Aufenthalten von weniger als vierzehn Tagen aus. Hier kann sich ein Urlaub mit Hotelübernachtung als bessere Option herausstellen. Gerade in Ländern mit einer verhältnismässig emissionsarmen Strombereitstellung wie Frankreich oder in den skandinavischen Ländern.

Keine Importware bei Lebensmitteln

Des Weiteren sollte vor Ort auf importierte, abgepackte Ware verzichtet werden. Je komplexer die Lieferketten, desto höher der CO2-Ausstoss. Eine nachhaltige Ernährung besteht auch an jedem Ferienort aus regionalen, saisonalen und vorwiegend pflanzlichen Produkten.

Der wichtigste Aspekt von nachhaltigem Tourismus ist und bleibt aber das gewählte Transportmittel. Niemand hört es gern, aber eigentlich ist es allen klar: Das Flugzeug ist das Verkehrsmittel, das die Umwelt pro Passagierkilometer mit Abstand am meisten belastet. Beim Fliegen wird nicht nur CO2 in die Luft gestossen, sondern zum Beispiel auch ähnlich schädliche Stickoxide und Wasserdampf, der in Form von Zirruswolken ebenfalls zum Treibhauseffekt beiträgt. Wer seine Reisen nachhaltig verbringen will, sollte auf das Fliegen also verzichten.

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Flugreisen haben eine miserable CO2-Bilanz – vor allem für Kurzurlaube.   Bild: pixabay/Roland Mey

Der Geschäftsführer der Klimaschutzorganisation Atmosfair, Dietrich Brockhagen, rät dazu, mehrere Reisen zu einer zu bündeln. Konkret kann die bedeuten, nur alle paar Jahre eine Flugreise zu unternehmen, dafür aber länger am Ferienziel zu bleiben. Denn, so Brockhagen, ein Flug nach Teneriffa brauche das jährliche CO2-Budget von zwei Tonnen pro Person schon fast vollständig auf. Sollte man doch einmal in den Flieger steigen, empfiehlt sich die Kompensation der CO2-Belastung bei einem entsprechenden Anbieter.

Nach dem Flugzeug ist übrigens das Kreuzfahrtschiff in diesem Bereich der grösste Klimasünder. Wer seine Reisen nachhaltig gestalten will, ist besser mit Fahrrad, Zug, Reisecar oder einem vollbepackten PkW unterwegs.

Mit dem Zug durch Europa

Dass die Entscheidung gegen eine Flugreise nicht nur Verzicht bedeuten muss, demonstriert das Schweizer Unternehmen Simple Train. Im Jahr 2019 von Zürcher Studierenden gegründet, sucht Simple Train für seine Kundinnen und Kunden die günstigsten und praktischsten Zugverbindungen innerhalb Europas. «Es stimmt nicht, dass Zugfahren per se teurer ist als Fliegen. Man muss nur wissen, wo man suchen muss», sagt Austin Widmer, Mitgründer von Simple Train. Dieses Wissen möchte das Unternehmen zugänglich machen. Die Motivation dahinter: Reisen Stück für Stück nachhaltig gestalten. «In öffentlichen Diskussionen wird oft von Zielen geredet, die bis 2030 oder noch später erreicht werden sollen. Ich will jetzt etwas machen.»

Der gesamte Prozess von der Buchungsanfrage, über die kostenlose Offerte bis zur Zahlung und allfälligen Rückfragen spielt sich auf Simple Trains Website ab. Finanziell unterstützt wird Simple Train ausserdem vom Pionierfonds der Migros. Das Erfolgsrezept ist der Zusammenhalt im Team: «Simple Train fühlt sich an wie eine Gruppenarbeit. Der einzige Unterschied ist, dass sie tatsächlich funktioniert.»

Die Autorin studiert Umweltwissenschaften an der Uni Fribourg und beschäftigt sich mit Fragen zur klimaverträglichen Gesellschaft.

Kommentare

  • Leonardo Gomez Mariaca:

    Super Artikel!

  • Célestine:

    Danke für die tollen Tipps! Wenn jeder sich daran halten würde, hätte man eindeutig weniger Probleme…

  • Bernard:

    Hilfreicher Artikel – Nun habe ich das erste mal von Simple Train gelesen. Das werde ich bei meiner nächsten Reise gerne ausprobieren!

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