"Der Klimawandel ist
eben kein Schockrisiko"

10 Minuten
26. Januar 2022

„Der Klimawandel ist eben kein Schockrisiko“, sagt der weltweit renommierte Psychologe Gerd Gigerenzer. Im Interview mit Go Green redet er über den Einfluss von Risikokompetenz beim Thema Klimawandel. Er sagt auch: 90 Prozent der Digital Natives können Fake News nicht von Fakten unterscheiden.

figure
Der Klimawandel Risiken gogreen

Der Klimawandel bringt Dürren und Hitze mit sich – aber er kommt schleichend. Bild: istock.com

base iframe
Herr Gigerenzer, in Ihrem neusten Buch «Klick. Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen» schildern Sie die Entwicklung der menschlichen Intelligenz zur Bewältigung von Ungewissheit. Wieso können wir heutzutage immer weniger gut mit Ungewissheit umgehen?

Die Ungewissheiten des Savannenmenschen unterschieden sich nicht so grundlegend von den heutigen. Denn Nahrungsbeschaffung, Austausch und Konflikt mit anderen Menschen, Naturkatastrophen sind auch heute aktuell. Die Umwelt des Menschen hat sich jedoch drastisch verändert. Um mit den neuen Gefahren umgehen zu lernen, sollten wir das Bewusstsein der Jugendlichen und Erwachsenen besser schärfen. Intuitive Psychologie – warum man sich vor bestimmten Dingen fürchtet und vor anderen nicht – und statistisches Denkvermögen – Fakten bewerten und Fake News erkennen – werden zu wenig geschult. Studien zeigen, dass über 90 Prozent der Digital Natives nicht wissen, wie man die Vertrauenswürdigkeit einer Webseite herausfindet. Und auch nicht, wie man Fakten von Fakes unterscheiden kann. In der heutigen komplexen Welt reicht es nicht, einfach nur Bundesliga-Tabellen lesen zu können.

Die Intuition scheint ein Auslaufmodell zu sein. Bei genügend Daten sprechen die Zahlen für sich. Die Evidenz menschengemachter Klimastörungen ist gegeben. Aber es ändert an unserem Verhalten nichts.

Es tut sich schon einiges punkto Nachhaltigkeit. Beispielsweise kenne ich kleine Dörfer in der Nähe von Bregenz, die sich im Wesentlichen selbst mit Energie versorgen. Das kommt jedoch nicht gross in die Presse. Ich war gerade in den USA und die Wegwerfkultur hat sich dort leider kaum geändert. In den Supermärkten bekam ich immer noch Plastiktüten angeboten, und die Getränke waren in Plastikflaschen. Die Corona-Pandemie hat auch bei uns eine Wegwerfkultur von Versandkartons mit sich gebracht. Ohne dass viel gegen die damit verbundenen Umweltschäden unternommen wurde.

Der Klimawandel – es braucht Szenarien

In Ihrem Buch «Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft» sprechen Sie sich für den Einsatz von Heuristiken (einfachen Faustregeln) aus. Was halten Sie im Klimakontext von der Wiederbelebung der «Heuristik der Furcht»? Was heisst, wir sollten uns die schlimmsten Konsequenzen einer Entscheidung vorstellen und unser Handeln danach orientieren?

Das kann sicher nützlich sein. Aber nicht alle Menschen können sich das vorstellen. Da kommt wieder die Bildung ins Spiel. Heuristiken sind wesentlich, um das eigene Verhalten zu steuern. Und so einen individuellen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Bestimmte Verhaltensweisen sollten zur Regel gemacht und bereits früh erlernt werden. Beispielsweise Energieeinsparung durch Lichtausschalten. Im Grunde ist ein Klimaziel von 2 oder 1.5 Grad auch eine Heuristik, der man sich zu nähern versucht. Bei Ungewissheiten wie dem Klimawandel können Risiken nicht berechnet werden. Daher braucht es Szenarien. Was ist das Worst-Case-Szenario? Wann ist der Kipp-Punkt erreicht?

Staaten und Unternehmen - insbesondere Finanzinstitutionen - investieren Milliarden in Risikoanalysen und -prävention. Gleichzeitig geschieht im Risiko «Klimakatastrophe» trotz all der Beweislage herzlich wenig. Wie kommt es zu diesem Paradoxon?

Die Finanzindustrie hatte auch ihre «Klimakatastrophe». Die Finanzkrise von 2008, unter der wir immer noch leiden. Aber nachher wurde wenig getan, um die nächste Krise zu verhindern, die jederzeit kommen kann. Das Vorhaben, grosse Firmen – «too big to fail» – zu verkleinern, wurde beispielsweise nicht umgesetzt. Vielmehr sind viele noch grösser geworden. In der Finanzwelt haben wir es mit einer vermeintlichen Planbarkeit zu tun. Und setzen hoffungsvoll auf Risikoanalysen. Beim Klima hingegen sind wir uns der Rückkoppelungseffekte bewusster. Deswegen sollten wir eigentlich zutiefst beunruhigt sein. Hinzu kommt, dass wir als Gesellschaft schneller vergessen und verzeihen, als wir eigentlich sollten.

„Wir brauchen Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung“

Bleiben wir noch kurz beim Klimaschutz. Was müsste diesbezüglich in der Risikokommunikation verbessert werden?

Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung. Indem wir beispielsweise jungen Menschen Bilder zeigen, wie die Gletscher Jahr für Jahr zurückgehen. Oder wie sich Tornados und Fluten in Europa über die Jahre hin entwickeln. Dabei geht es geht darum, die Menschen über die sichtbaren Veränderungen zu sensibilisieren. Und bereits sehr früh damit anzufangen. Aufzeigen, welche Interessen umweltschädigende Firmen verfolgen. Und erklären, was man selbst punkto Nachhaltigkeit und Klima konkret tun kann.

Gerd Gigerenzer gogreen

Psychologe Gerd Gigerenzer: „Wir müssen die Menschen aufklären und sensibilisieren.“ Bild: MPI

Medien machen sich immer wieder die Furcht vor Schockrisiken - die Angst vor COVID-19, Ebola, SARS - zu Nutzen. Mit erheblichen Auswirkungen auf die Leserschaft. Wieso erzeugt die Klima-Berichterstattung nicht einen vergleichbaren Effekt?

Der Klimawandel ist eben kein Schockrisiko. Der 11. September 2001 ist ein Beispiel für einen solchen Schock. Ein Ereignis, das plötzlich und unerwartet auftrat und viele Opfer zur Folge hatte. Das löst Vermeidungsverhalten aus. Und viele Menschen benutzten aus Angst vor dem Fliegen lieber das Auto. Das führte in den USA dazu, dass bei dem Versuch, das Risiko des Fliegens zu vermeiden, es etwa 1600 Verkehrstote mehr gab. Bei COVID-19 zeigt sich, dass es auch in die andere Richtung kippen kann. Durch die Dauerberichterstattung stumpfen viele ab und nehmen das Thema mit der Zeit nicht mehr ernst. Oder durch falsche Prognosen trauen die Menschen den Institutionen nicht mehr. In Sachen Klimaschutz wird hingegen ein glaubwürdiger Weg gefahren. Es kommt eine junge Generation nach, die ein moralisches Bewusstsein hat und denen das Thema am Herzen liegt.

Das Risiko eines Krieges wird unterschätzt

Nebst der drohenden Klimaapokalypse – wo sehen Sie weitere Risiken, die wir heute krass unterschätzen?

Als erstes das Risiko eines Krieges. Daran wird heute wenig gedacht. Nur wenn die USA, Putin oder Xi Jinping die Muskeln spielen lassen, dann flackert das Bewusstsein auf. Atomkrieg und Cyberkrieg sind ein grosses Risiko. Ein weiteres ist die zunehmende Kontrolle und Steuerung unseres Verhaltens durch kommerzielle und staatliche Überwachung. Viele Menschen geben heute, ohne mit der Wimper zu zucken, ihre Daten weiter. Sie realisieren kaum, dass die Verknüpfung von Staat und Wirtschaft nicht nur in China, sondern auch in Westeuropa und den USA vorhanden ist. China experimentiert derzeit mit einem Sozialkredit-System, das jedem Bürger einen Wert zuteilt, der dessen Vertrauenswürdigkeit misst. Also nicht nur die finanzielle Glaubwürdigkeit. Sondern ein sozialer Kreditwert für jedes messbare Verhalten. Etwa, welche Webseiten Sie ansehen. Welche Meinungen Sie vertreten. Und welche Freunde Sie haben.

Was ist der konkrete Effekt?

Durch Bestrafung derjenigen mit niedrigem Wert und Belohnung jener mit hohem Wert werden die Menschen zu besserem Verhalten erzogen. China hat so mit radikalen Massnahmen auch die Corona-Pandemie in den Griff bekommen. Und stellt dies der eigenen Bevölkerung als Sieg des autokratischen Systems über langsame, ineffektive Demokratien dar, die Hunderttausende an Covid-19 sterben lassen. In Sachen Klimaschutz könnten autokratische Regierungen auch wesentlich effektiver sein. Eine weitere Herausforderung und Gefahr für unsere Demokratie, welche ständig Kompromisse machen muss.

„Wir brauchen risikokompetente Bürger. Sonst werden wir kurzsichtige Nutzer und Konsumenten“

Als Gegenpol dazu sehen Sie in mutigen und risikokompetenten Bürgern das Potenzial einer Gesellschaft.

Ich glaube, dass eine Demokratie nur funktioniert, wenn sie risikokompetente Bürger hat. Ansonsten werden wir zu einem Land von kurzsichtigen Nutzern und Konsumenten. Solche, die bereitwillig ihre Daten weitergeben und schlafwandelnd in die Überwachung gehen. Die Voraussetzungen dazu sind bereits da. In repräsentativen Umfragen in Deutschland waren 2018 zehn Prozent der Meinung, dass ein Sozialkredit-System wie in China auch in Deutschland eingeführt werden sollte. Und im Jahr 2019 waren es dann bereits 20 Prozent. Dies bedeutet: immer mehr sind bereit, die Steuerung des eigenen Verhaltens aus der Hand zu geben. Und einem autoritären Staat zu überlassen. Stattdessen brauchen wir mehr Bürger, die informiert entscheiden können. Dazu bräuchte man mehr Risikokompetenz.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Wir sollten bereits in den Schulen statistisches denken lehren. Stattdessen lehren wir unseren Kindern meist nur die Mathematik der Gewissheit. Etwa Algebra und Trigonometrie. Nicht aber die Kunst mit Risiken umzugehen. Selbst Mediziner lernen auch noch heute im Studium kaum, statistische Daten über Tests oder Impfungen zu verstehen. Oder wissenschaftliche Artikel im eigenen Fach kritisch zu bewerten.

„Wir brauchen punkto Klimawandel ein Gefühl der Verantwortung“

Wo müssten wir denn ganz konkret ansetzen?

Risikokompetenz ist heute so wichtig wie lesen und schreiben lernen vor 150 Jahren. Darum versuche ich mein Bestes zu tun, indem ich Menschen helfe und ihnen Mut mache, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Auf der Webseite des Harding-Zentrums für Risikokompetenz klären wir Menschen über Gesundheitsinformationen auf. Einschliesslich des Nutzens und Schadens von Covid-19 Impfungen. Ich verfasse mit drei Kollegen auch die «Unstatistik des Monats», wo wir irreführende Zahlen in den Medien erklären.

Als Bildungsforscher sehnen Sie sich nach einer Reformation der Schule und sprechen sich unter anderem für einen Lehrplan mit Risikokompetenz zu Gesundheit, Finanzen und Digitalisierung aus. Brauchen wir nicht auch eine Schulung, in der Klimawandel und Naturkompetenz zentral sind?

Ja, wir brauchen mehr Aufklärung, aber auch ein Gefühl der Verantwortung. Und eine Gesellschaft, die den Mut hat, zu wissen.

 

Zur Person: Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe, Direktor Emeritus am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz an der Universität Potsdam. Vor kurzem erschien sein neustes Buch «Klick. Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen.»

Ausgestattet mit einem MBA der Uni Fribourg ist Michel Dumauthioz Intrapreneur bei einem grossen Versicherer. Vor allem hat er aber einen besonderen Blick aufs Thema Nachhaltigkeit.

Kommentare

Bewertungen

Bewertungen: