Die Innauen bei Bever im Engadin gelten als Vorzeigeprojekt der Auen-Revitalisierungen in der Schweiz. Bild: Gemeinde Bever / Fabian Scheeder
Eisvogel, Biber, Fischotter, Gelbbauchunke, Flussregenpfeifer: Die Liste der Tiere, die im Einzugsgebiet wilder, unverbauter Flüsse leben, lässt sich kaum unterschätzen. Die Hälfte aller heimischen Pflanzen und fast 85 Prozent aller heimischen Tierarten finden hier ein Zuhause. Auen sind die artenreichsten Lebensräume der Schweiz.
Ursprünglich aus dem althochdeutschen Wort „ouwa“, was „Land am/im Wasser“ oder auch „Insel“, „Niederung“ bedeutet entstand der Begriff Aue. Diese Überflutungsflächen bilden sich an Fliessgewässern, Mündungsdeltas sowie im alpinen Raum an den Gletscherrändern.
Flussauen – wie hier jene der Magliasina im Tessin – können die Wasserqualität erheblich verbessern. Bild: : E. Soteras / WWF Schweiz
Auengebiete: Wandernetz und natürlicher Trinkwasserfilter
Als „Regenwälder der Schweiz“ bezeichnen Umweltschutzorganisationen wie der WWF oder Pro Natura diese Landschaften. «Auen bilden für unzählige Tiere ein überlebenswichtiges Wandernetz. Ganz abgesehen davon filtern sie Regenwasser zu Trinkwasser», erklärt der profilierte Biologe Urs Tester. Er leitete 33 Jahre lang die Abteilung Biotope und Arten bei Pro Natura. Ende 2024 ist sein Buch «Welche Schutzgebiete braucht die Schweiz?» im Haupt Verlag erschienen.
Hochwasserschutz und Klimafolgen abmildern
Flussauen bilden einen idealen Hochwasserschutz. „Die überschwemmte Aue verringert die Höhe und Kraft der Wassermengen“, erklärt Tester und fügt an: „Auen erhöhen den Grundwasserspiegel und sind dadurch Wasserspeicher in trockenen und heissen Zeiten. Zudem sorgen Auenwälder für angenehme Kühlung.“
Die Thurauen bieten nicht nur eine vielfältige Flusslandschaft sondern auch viel Platz zum Verweilen. Bild: PanEco
1. Thurauen: die grössten im Mittelland
Bei Flaach (ZH), wo die Thur in den Rhein mündet eröffnet sich den Besucherinnen und Besuchern eine eindrückliche Auenlandschaft. Die Thurauen sind von nationaler Bedeutung und wurden bis 2017 schrittweise revitalisiert. Das Naturzentrum Thurauen bietet nebst Ausstellungen, Erlebnispfad, Abenteuerweg und Lernspielplatz auch verschiedenste Führungen für Gross und Klein. Wer tiefer in die Auen eintaucht, erlebt die charakteristische Vielfalt dieser Landschaft: Auenwald, Kiesbänke, lichte Orchideenwiesen und kleine Tümpel. Von mehreren Beobachtungspunkten, darunter der neue Beobachtungsturm, lassen sich Eisvogel, Kiebitz und Biber beobachten. Erholungszonen mit Brätelstellen und Picknickplätzen laden zum Verweilen ein und im seichten Wasser darf geplantscht werden.
Anreise öV: Zug bis Henggart oder Rafz, Bus 675 bis Flaach Ziegelhütte, 10 Gehminuten zum Naturzentrum.
So beeindruckend diese Landschaften sind – sie sind heute alles andere als selbstverständlich. Seit den 1850er Jahren sind rund 90 Prozent der Auen verschwunden. Flüsse wurden begradigt, verbaut und ihrer natürlichen Dynamik beraubt. Heute stehen Auen in der Schweiz auf der Roten Liste der bedrohten Lebensräume.
Revitalisierung von 4000 Kilometern Gewässer
Mit dem revidierten Gewässerschutzgesetz will die Schweiz bis 2090 rund 4000 Kilometer Gewässer revitalisieren. Doch der Fortschritt ist langsamer als geplant: Statt der angestrebten 50 Kilometer pro Jahr werden aktuell nur rund 20 Kilometer umgesetzt.
Gründe dafür gibt es viele – von aufwändigen Planungsverfahren über Einsprachen bis hin zu schwierigen Landverhandlungen. Auch die Finanzierung bleibt eine Herausforderung: Obwohl Bund und Kantone bis zu 90 Prozent der Kosten tragen, scheitern Projekte immer wieder auf Gemeindeebene.
Die Auen kehren zurück
Trotz der schwierigen Umstände gibt es inzwischen schweizweit gelungene Revitalisierungs-Projekte. Sie zeigen, welchen Gewinn für Natur und Mensch Flussauen mit sich bringen. Ob Thur, Inn oder Limmat, die «Regenwälder» liegen teils praktisch vor unserer Haustür.
Limmatspitz: An diesem traumhaften Fleck fliessen die Limmat und die Aare zusammen. Bild: Pro Natura Aargau
2. Naturschutz und Landwirtschaft am Limmatspitz im Wasserschloss
Wo Limmat und Aare zusammenfliessen, beim Limmatspitz mitten im berühmten Aargauer Wasserschloss, hat Pro Natura Aargau das umliegende Gebiet bereits 1998 erworben und 2003 renaturiert. Heute hat diese Auenlandschaft von nationaler Bedeutung wieder Platz, sich laufend zu wandeln. Die Aue liegt mitten im dichtbesiedelten Gebiet von Gebenstorf und Untersiggenthal und gehört zum Aargauer Auenschutzpark, der mehrere Auengebiete umfasst und für bedrohte Tierarten ein wertvolles Wandernetz darstellt.
Statt eines zementierten Frachthafens, wie er noch 1960 geplant war, können Ruhesuchende und Naturfans hier Schottische Hochlandrinder beobachten – nebst den Wildtieren versteht sich. Denn ein Teil des Limmatspitzes dient als extensives Weideland. Eine knapp zweistündige Wanderung vom Bahnhof Brugg (AG) der Aare entlang zum Limmatspitz und weiter zum Bahnhof Turgi bietet einen Rundumblick auf den Limmatspitz und das Wasserschloss. Hier gibt es Infos zum Gebiet und zur Wanderung
öV: Vom Bahnhof Brugg wie auch vom Bahnhof Turgi ist das Auengebiet ca. 20 Gehminuten entfernt.
Im Sommer laden die Murg-Auen zum Baden ein. Bild: Stadt Frauenfeld
3. Murg-Auen mitten in der Stadt Frauenfeld
Eine Auenlandschaft wie diese gibt es in der Schweiz kein zweites Mal. Mitten in der Stadt Frauenfeld (TG) fünf Gehminuten vom Bahnhof liegt der Murg-Auen-Park. Hier wurde bis 2015 ein ehemaliger Truppenübungsplatz renaturiert und in einen 5 Hektar grossen Lebensraum für zahlreiche bedrohte Tierarten umgestaltet. Eine Naturperle mitten im Siedlungsraum. Das Flussufer lädt zum Spielen und Baden ein und für Hungrige steht ein Picknickplatz mit Feuerstelle bereit.
öV: Zug bis Frauenfeld, 5 Gehminuten.
Die ungezähmte Wildnis der Innauen bei Bever. Bild: Gemeinde Bever / Fabian Scheeder
4. Innauen – das Vorzeigeprojekt der Schweiz
Wo früher ein schnurgerader Kanal war, schlängelt sich der Inn heute wieder frei durch Kiesbänke, Sandbänke und Auenwälder. Seit September 2020 ist in Bever eines der schönsten Revitalisierungsprojekte der Schweiz zu besichtigen. Die Innauen bei Bever sind Teil eines der grössten Auen-Renaturierungsprojekte der Schweiz. Wobei weitere Abschnitte in den angrenzenden Gemeinden in den kommenden Jahren renaturiert werden sollen. Am wilden Inn in Bever sind inzwischen Äschen und Bachforellen zurückgekehrt, Flussregenpfeifer und Flussuferläufer brüten erfolgreich. Biber, Fischotter und Eisvogel wurden gesichtet.
Familien und Schulklassen können auf Vorbestellung einen Forscherrucksack zum Ausleihen bei der Bever Tourist Information abholen und auf Exkursion am Inn gehen. Direkt bei den Innauen liegt der Camping Gravatscha. Verpflegen lässt man sich im Restaurant Piste 21 oder im Bistro «Innscunter». Wer mehr erfahren möchte, macht eine der beliebten Führungen.
öV: Vom Bahnhof Bever sind es rund 15 Minuten zu Fuss bis zu den Auen.
Die Magliasina im Tessin prägt diese märchenhafte Landschaft. Bild: E. Soteras / WWF Schweiz
5. Die ungezähmte Magliasina im Tessin
Entlang alter Mühlen, Burgen und Kastanienhainen fliesst die Magliasina durch die Region Malcantone, bis sie schliesslich im Lago die Lugano mündet. Die Auenlandschaft entlang der Magliasina unterscheidet sich nicht nur im Erscheinungsbild, das vom Gebirgsbach geformt wird, im Gegensatz zu den anderen Auenschutzgebieten von nationaler Bedeutung, ist die Magliasina ein ursprünglicher Fluss. An der Mündung in den Lago die Lugano lässt sich zudem eines der letzten Binnendeltas der Schweiz erkunden. Allerdings ist ein Grossteil des Deltas von einem Golfplatz bedeckt. Der WWF Schweiz hat die Magliasina nebst Flüssen wie dem Inn oder der Thur in seine Liste der Gewässerperlen der Schweiz aufgenommen. Dort findet sich auch eine familienfreundliche Rundwanderung ab Navaggio entlang des Flusses.
Anreise: Mit dem Zug bis Lugano, umsteigen nach Magliaso und von hier mit dem Postauto bis Navaggio, Posta.
Die Sense gilt als der natürlichste Fluss des gesamten nördlichen Alpenraums. Bild: E. Soteras / WWF Schweiz
6. Wie es einmal war: Die ursprüngliche Sense
Auch die Sense zwischen den Kantonen Bern und Freiburg wurde nie verbaut – zumindest in weiten Teilen, je näher man sich der Gemeinde Thörishaus nähert, desto verbauter wirkt der Fluss. Und doch gilt die Sense laut WWF als der natürlichste Fluss des gesamten nördlichen Alpenraums. Der Fluss gibt deshalb einen besonders authentischen Blick auf Auenlandschaften, wie sie einst waren. Die 15 Kilometer lange Senseschlucht ist nur schwer zugänglich. Als wichtigster Zufluss gilt das Schwarzwasser und so wurde 1975 die Senseschlucht als Naturschutzgebiet Sense und Schwarzwasser ausgewiesen und bildet heute ein wertvolles und beliebtes Naherholungsgebiet zum Wandern und Kanufahren
Kiesbänke laden zum Baden und Bräteln ein – nur auf den Bänken selbst, nicht im Wald. Wichtig: Das Gebiet ist bei Gewittergefahr gesperrt. Trittsicherheit wird vorausgesetzt.
Der Naturpark Gantrisch bietet beispielsweise ein geführtes Sense-Trekking an einem besonders schönen Abschnitt der Sense an. Ein weiterer kurzer Wandervorschlag führt von der Guggersbachbrücke nach Plaffeien. Eine weitere schöne Sense-Wanderung mit Karte hat der WWF im Steckbrief Gewässerperlen ausgewiesen.
Anreise: Zum Beispiel mit dem Zug ab Bern bis Haltestelle Schwarzwasserbrücke. Dann dem Schwarzwasser entlanglaufen bis zur Mündung in die Sense.
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