«Die ÖV-Anreise soll
in Arosa im Preis
drin sein!»

8 Minuten
24. Juni 2022

Arosa ist eine Top-Destination im Schweizer Tourismus. Jetzt hat sie grosse Ziele in Sachen Umwelt. Der Nachhaltigkeitsverantwortliche Claudio Föhn spricht im Interview über die ÖV-Anreise, das Projekt KlimDest und die Idee einer Green Line am Skilift.

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ÖV-Anreise

Claudio Föhn, Projektleiter Nachhaltigkeit bei Arosa Tourismus: „Wie wärs, ein Bike-Wochenende bei uns vor der eigenen Haustüre zu starten? Das wäre langsamer und nachhaltiger.“  Bild: Bernard van Dierendonck

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Claudio Föhn, die Vision 2030 sagt, Arosa wird die nachhaltigste Destination der Alpen. Wieviel muss da noch passieren?

Claudio Föhn: Arosa ist noch nicht nachhaltiger als andere Destinationen. Aber, wir haben die besten Voraussetzungen, es zu werden. Hier am Talende beginnt die Nachhaltigkeit direkter und offensichtlicher als woanders. Mit dem Bekenntnis zum Tierschutz hat Arosa bereits einen grossen, konkreten Schritt in Richtung ganzheitlicher Nachhaltigkeit gemacht. Dank Arosa Energie wird der Strom mit Wasserkraft lokal produziert. Und natürlich setzen wir auf den ÖV. Mit der Arosa Bahn wird bereits die Anreise zum Erlebnis.

Andere Destinationen sind schon weiter. Was schaut Arosa von anderen ab? Was will Arosa besser machen?

Im Bereich Nachhaltigkeit gibt es keine Konkurrenz. Alle müssen mitmachen. Wenn andere Destinationen etwas umsetzen können, freut uns das. Wir können uns gegenseitig unterstützen und Erfahrungen austauschen. Nachhaltigkeit setzt Kooperation voraus.

Der Klima-Fussabdruck von Arosa wird ausgemessen

Ein grosses erstes Projekt in diesem und dem nächsten Jahr heisst «klimaneutrale Destination». Inwiefern ist der touristische Fussabdruck der Destination schon bekannt?

Im Projekt KlimDest arbeiten die Destinationen Val Poschiavo, Davos und Arosa gemeinsam mit der Fachhochschule Graubünden und myclimate daran, erstmals den CO2-Fussabdruck einer Tourismusdestination zu messen. Es wird die erste Berechnung eines CO2-Fussabdrucks auf Destinationsebene sein. Aktuell kennt keine Destination ihre Gesamtemissionen. Es gibt Erfahrungswerte bei der Anreise, Hotels und einzelner Betriebe. Aber, diese Emissionen wurden noch nie kumuliert. Der Vorteil ist, dass wir den Gesamtausstoss durch die Logiernächte dividieren können und so dem Gast zeigen können, wie viel CO2-Ausstoss seine Reise verursacht. Dies bietet dem Gast eine Entscheidungsgrundlage für die Planung seiner Reise. Er weiss dann, welche Aktivität wie viel CO2 verursacht. Und kann gezielt kompensieren.

Kompensation ist ein willkommenes Mittel, schiebt das Problem aber vor allem gegen Geld an andere weiter. Wie schnell kann Arosa mit Massnahmen aufwarten, um eine effektive Reduktion vor Ort aufzuzeigen?

Kompensation ist nicht die Lösung des Problems. Kompensation kann helfen, Ziele schneller zu erreichen. Ein Teil der Kompensationsgelder setzen wir direkt in Arosa ein. Dass können natürliche Wege der CO2-Reduktion sein: Wie die Renaturierung von Mooren oder pflege von Wäldern. Aber auch technische Lösungen, wie der Ersatz von Ölheizungen oder den Ausbau von umweltschonenden Transportmitteln. Über die Jahre wird der Kompensationsbeitrag kleiner, da der CO2 Ausstoss an sich kleiner wird.

Ab 7 Nächten soll die ÖV-Anreise inbegriffen sein

Wie wird der Klimafussabdruck sonst konkret reduziert?

Wir planen beispielsweise Pauschalen, die ab sieben Nächten die ÖV-Anreise bereits beinhalten. Mit der ÖV Anreise wird ein grosser Teil des Ausstosses reduziert. Und durch den längeren Aufenthalt verringert sich der Ausstoss pro Ferientag. Bei einer Zugfahrt von Zürich nach Arosa spart ein Gast im Durchschnitt pro Weg fasst 30 kg CO2, was rund 12 Litern Benzin entspricht.

Werden Touristen, die mit ÖV anreisen, beispielsweise in Zukunft belohnt? Mit reduzierten Preisen?

Auch über Anreize zur ÖV-Nutzung denken wir nach. Gemeinsam mit der Hochschule Luzern untersuchen wir diesen Sommer, welche Anreize zu einer Verlagerung auf den ÖV motivieren. Da bin ich gespannt.

Ist Arosa Tourismus mit den Bergbahnen im Gespräch für beispielsweise eine Green Line, wo ÖV-Fahrer eine schnelle Sonderspur für die Gondel oder den Sessellift nehmen können?

Über die Idee einer Green Line, welche öV-Fahrer bevorzugt, haben wir noch nicht gesprochen. Wir sind eng im Gespräch mit den Arosa Bergbahnen, dort werde ich diese Idee gerne einbringen. Interessant ist der Ansatz allemal.

„Das Bike-Wochenende vor der Haustüre zu starten wäre etwas“

Arosa will die Touristen länger hier haben, die Aufenthaltsdauer verlängern – das reduziert den CO2-Footprint auf den einzelnen Tag. Sollen die Wochenend-Biker und Skiausflügler der Vergangenheit angehören?

Grundsätzlich ist jeder Gast willkommen. Auch haben nicht alle die Möglichkeit, ein Wochenende zu verlängern. Ein entscheidender Faktor ist hierbei sicherlich die Art der Anreise. Nach dem Prinzip: Länger, näher, langsamer. Wer nur kurz Zeit hat, sollte in der Nähe bleiben, und wer weiter will, sollte länger bleiben. Wie wäre es, ein Bike-Wochenende vor der Haustüre zu starten? Das wäre dann der Punkt langsamer reisen.

Einer der grössten Klima-Hebel ist das Heizen. Was kann diesbezüglich in Arosa erreicht werden?

Über die gesamte Gemeinde gesehen hat Arosa bereits 50 Prozent der Heizsysteme aus erneuerbarer Energie. Gemeinsam mit Energie Schweiz sensibilisieren wir Zweitwohnungsbesitzer zum Thema erneuerbares Heizen. Eine wichtige und verhältnismässig einfache Massnahme ist die Installation einer Fernsteuerung. Die Installation ist bei jedem System möglich und die Reduktion der Heizkosten amortisiert die Initialkosten in kürzester Zeit. Ein weiteres wichtiges Projekt für Arosa ist ein Fernheizsystem. Dieses würde von einer Biogasanlage gespiesen, ergänzt mit Holzschnitzel. So kann Bio-Abfall der in Arosa anfällt, vor Ort in Energie umgewandelt werden, statt zur Entsorgung aus dem Tal hinaus gefahren zu werden.

Ein Auto-Festival und Nachhaltigkeit – die ÖV-Frage stellt sich generell

Tönt interessant. Gleichzeitig führt Arosa den Anlass Arosa Classic Car durch. Wie können Sie eine klimaneutrale Destination anstreben und gleichzeitig alte Verbrenner feiern, die auch noch eine Menge Verkehr anziehen?

Arosa Classic Car ist ein traditioneller Anlass mit grosser Bedeutung für Arosa. Im Bereich der sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeit. In Bezug auf die ökologische Nachhaltigkeit muss man den Anlass differenziert betrachten. Es handelt sich um Oldtimer. Wenn man den Lebenszyklus dieser Fahrzeuge betrachtet, ist zum Beispiel die CO2 Bilanz eines Smartphones schlechter. Beim Classic Car geht es auch um die Werte. Reparieren statt ersetzen, erhalten statt wegwerfen. Wir werden dieses Jahr auch den CO2-Fussabdruck des Arosa Classic Cars berechnen. Von vergleichbaren Anlässen wissen wir, dass die Autos an sich nur etwa 3 Prozent des Ausstosses verursachen. Das Publikum hingegen über 60 Prozent. Stellen wir uns einmal vor, das Arosa-Classic-Car-Weekend wäre das einzige Wochenende, an dem Autos die Talstrasse hochfahren. Wäre dies wirklich ein Problem? Sollten wir nicht den motorisierten Verkehr angehen, der das ganze Jahr, täglich hoch- und runterfährt? Dass wäre ein echter Impact.

Pflanzliche Menüs sind im Kommen

Unser Fleischkonsum schadet dem Klima. In der Vision von Arosa 2030 steht unter dem Punkt Nahrungsmittel auch: weniger Fleisch. Ist Arosa bereit, Fleischmenüs - teilweise - zugunsten pflanzlicher Menüs zu streichen? Inwiefern bieten da die Restaurants Hand?

Wir könne die Veränderungen auf der Speisekarte beobachten. Es werden viel mehr pflanzliche Alternativen angeboten. In Arosa kann genussvoll auf Pflanzenbasis gegessen werden. Diesen Sommer setzen wir das interdisziplinäre Projekt «Schpensa» um. Dieses zeigt auf, welches Potential darin liegt, Nahrungsmittelsysteme im alpinen Raum stärker lokal zu denken. Am Beispiel der Kartoffel thematisiert das Projekt das Verhältnis der Aroser Bevölkerung zu Kulturpflanzen. Ergänzend dazu untersucht das Projekt «Funghi» die Möglichkeit, aus Aroser Klärschlamm essbare Pilze zu züchten. Das Projekt bietet eine Perspektive dafür, wie der Mensch Teil der Lebensmittelproduktionskreisläufe werden könnte, anstatt „bloss“ Konsument zu sein.

Foodwaste Arosa

Einzelne Davoser Gastronomie-Betriebe haben sich Too Good to go angeschlossen, um Foodwaste zu vermeiden.  Bild: Too Good to go

Inwiefern sind die Restaurants bereit, beim Thema Foodwaste neue Wege zu gehen? Gibt es konkrete Beispiele?

Foodwaste zu reduzieren gehört bei jedem Gastronom zu den betriebswirtschaftlichen Themen. Denn Lebensmittel wegzuwerfen sind Kosten, die reduziert werden können. Einzelne Betriebe haben sich bei To Good to go angeschlossen und können so überzählige Menüs noch verkaufen, statt wegzuwerfen.

Arosa will eine Kreislaufwirtschaft

Sind schon konkrete Projekte bezüglich Abfallmanagement geplant?

Genau genommen gibt es keinen Abfall. Abfälle sind Ressourcen, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind. Wir streben nach einer Kreislaufwirtschaft. Dazu gehört einerseits, dass Plastik separat entsorgt werden kann. Das gesammelte Plastik kann so wieder in den Stoffkreislauf geführt werden, ähnlich wie wir es bereits vom Papier und Karton kennen. Zudem gibt eine Art Mühle von BioGreenline, die den Restmüll separieren kann. Eine Zentrifuge teilt feuchten von trockenem Abfall. Der trockene wird wie üblich mit der Bahn abtransportiert. Den feuchten, biologischen Abfall können wir, mit einer Biogasanlage vor Ort in Energie umwandeln.

Die Reduktion von Plastik geschieht in der Regel nur, wenn es verboten wird. Will Arosa Einwegplastik künftig verbieten?

Ein Verbot ist aktuell nicht vorgesehen. Es ist vielmehr wichtig Alternativen anzubieten. Mit reCIRCLE können Gastronomen in Arosa dem Gast ein Mehrweggeschirr auf dem Weg geben, das einfach wieder verwendet oder retourniert werden kann.

Mehrwegbehälter und kein Einweggeschirr

Es gibt viele Clean-up-Initiativen. Die sind gut. Aber der Abfall soll auch weniger werden, gar nicht erst entstehen. Wie?

Auch mit den Detailhändlern treten wir in den Dialog und besprechen, wie ein unverpacktes Angebot realisiert werden kann. Hierbei sind wir auch auf die Kooperation mit Lebensmittellieferanten angewiesen. Wir fordern Mehrwegbehälter, die nach Lieferung retourniert und wieder verwendet werden können. Als Ersatz für die Einwegverpackung.

Wir haben das Arosa Natur Labor gesehen, das Nachhaltigkeits-Entdeckungszentrum. Müssen die Menschen zuerst geschult werden, bevor sie zu Veränderung bereit sind?

Goethe hat einst gesagt: „Man sieht nur, was man weiss.“ Veränderung setzt Wissen voraus. Das Arosa Natur Labor ist mehr als nur ein Schulungsraum. Es ist der Begegnungsort für Nachhaltigkeit im Dorf Arosa. Hier finden Einheimische und Gäste Inspiration und können eigene Ideen einbringen. In der Ausstellung zeigen Kooperationspartner vorbildliche nationale und regionale Beispiele. Die Kurse, Führungen und Workshops der ArosaAkademie sind ebenfalls hier zu Hause. Auch fürs Arbeiten gibt es hier Möglichkeiten. Das inspirierende Umfeld ist zudem ein idealer Co-Workingspace für individuelles Arbeiten oder Gruppenworkshops.

„Arosa funktioniert nicht ohne Tourismus“

Arosa will die Wirtschaft stärken, also auch wachsen. Noch mehr Übernachtungen. Ist wirtschaftliches Wachstum vereinbar mit klimagerechter Nachhaltigkeit?

Ja, denn entscheidend ist, wie die zusätzlichen Übernachtungen zu Stande kommen. Ziel ist, dass Gäste länger bleiben und in dieser Zeit mehr ausgeben. Wir wollen die Qualität steigern und nicht die Quantität. So wird die Wirtschaftlichkeit auf verschiedenen Ebenen optimiert. Arosa funktioniert nicht ohne Tourismus. Um die Gesellschaft in Arosa zu erhalten, müssen wir den Tourismus stärken und zukunftsfähig gestalten. Der Tourismus der Zukunft muss für Natur und Menschen verträglich sein.

Nachhaltige Ferien haben auch einen Preis

Wie will Arosa für Familien – und Arbeitnehmer generell - attraktiv bleiben bei den vergleichsweise hohen Lebenshaltungskosten und eher mittelmässigen Löhnen?

Wir kennen von vielen Produkten den Preis, aber nicht ihren Wert. Hier ist die Kostenwahrheit ein wichtiger Punkt. Wenn ich weiss, wie ein Preis zu Stande kommt, bin ich eher bereit ihn zu bezahlen. Der Tourismus ist eine Dienstleistung und die Qualität hat ihren Preis. Gute Arbeit muss fair entlöhnt werden. Dies setzt entsprechende Einnahmen voraus. Einmal mehr stellt sich die Frage, ob der Gast bereit ist, höhere Preise zu bezahlen. Gemäss der Best Sommer Resort Studie ist ein Drittel der Gäste bereit mehr für Nachhaltigkeit auszugeben. Soziale und Wirtschaftliche Nachhaltigkeit kommen hier zum Tragen. Auch sollte überlegt werden, dass Fairness auch bedeutet, dass jeder Gast gleich viel bezahlt für eine Leistung. Rabatte zu jagen ist keine nachhaltige Lösung.

Arosa 2030 hat anspruchsvolle Ziele. Spüren Sie, dass der Wille zur Veränderung wirklich da ist?

In Arosa sind wir uns steile Aufstiege und lange Wege jedenfalls gewohnt. Nachhaltigkeit ist kein Tagesausflug und kein Sprint. Das wissen wir. Das Leben in den Bergen erfordert spezielle Strategien. Wir leben nicht mit oder in der Natur. Sondern die Menschen sind Teil der Natur und prägen die Landschaft seit Jahrhunderten. Arosa 2030 legt den Grundstein für die Zukunft im Schanfigg. Nachhaltigkeit heisst dabei: Bewusster Umgang mit den vorhandenen Ressourcen und gleichzeitiger Fokus auf Natur, Gesellschaft und Wirtschaft. Auch zukünftige Generationen sollen die notwendigen Ressourcen zur Verfügung haben und die beeindruckende Naturvierfalt erleben können.

Dieser Beitrag wurde von Go Green im Auftrag des Kunden erstellt. Er entspricht den Nachhaltigkeits-Anforderungen von Go Green.

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Autor:in: Go
Green
gogreen.ch

Kommentare

  • Toni Bürge:

    Guter Artikel ich hoffe für Arosa dass die vorgesehenen Massnahmen ihre Wirkung zeigen

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