Grüne Häuser - das Comeback der Gartenstadt / Teil 2

7 Minuten
August 27 | 2021

Die Stadt der Zukunft wird grün sein. Denn wegen des Wärmeinsel-Effekts sind die Citys heute bis zu 10 Grad wärmer als das Umland. Die Architektin Aparna Oommen Sahlender erklärt in ihren zwei Artikeln, welche Art von Begrünung in Zukunft Sinn macht, und warum ein Grossstadtdschungel auch ein Wildtierkorridor sein kann.

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Die zwei Türme des Bosco Verticale (vertikaler Wald) in Mailand gehören zu den weltweit bekanntesten Beispielen von Fassadenbegrünung.  Bild: istock.com/Naeblys

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Der Bosco Verticale in Mailand ist international als Pionier für vertikale Gärten in Hochhäusern anerkannt. Das Verhältnis steht bei zwei Bäumen, acht Sträuchern und 40 Stauden pro Bewohner*in. Darum bezeichnen ihn die Anwohner auch als „Turm für Bäume, der von Menschen bewohnt wird“. 800 Bäume, 4500 Büsche und 15’000 kleinere Pflanzen spriessen dort. Der Architekt Stefano Boeri arbeitet an ähnlichen Projekten in Kairo, Utrecht und Shenzhen. Der Beitrag dieses „Urban Forest“ ist bemerkenswert. Er verbessert die Luftqualität, fördert die Artenvielfalt und erhöht den Wohnkomfort. Aber die Emissionen werden kritisiert. Sie entstehen durch den zusätzlichen Material-, Energie- und Wartungsaufwand für seinen Betrieb. Allein die fliegenden Gärtner machen einen spektakulären aber aufwändigen Job.

Wie grün sollte die Stadt der Zukunft aussehen?

Beliebter MFO-Park in Zürich

Auch in der Schweiz gibt es erfolgreich umgesetzte Beispiele von Fassadenbegrünung. Das bekannteste ist der  MFO-Park in Oerlikon. Am Ort der ehemaligen Maschinenfabrik entstand ein vielseitiger Park. Das Klettergerüst mit einer Mischung aus Hopfen, Efeu, Reben, Trompetenblumen und Jasmin spielt dabei die Hauptrolle. Der Ort ist heute eine Attraktion für Touristen und (Hobby)-Fotografen . Aber auch viele Jugendliche verbringen den Feierabend in luftiger Höhe im Grünen. Und Kinogänger kommen beim Open-Air-Cinema inmitten dieses Urban Jungle auf ihre Kosten.

Der MFO-Park in Zürich Oerlikon bildet eine grüne Oase im Norden der grössten Schweizer Stadt.  Bild: zvg

Grüne Fassaden waren auch Teil des Gartenstadt-Konzepts. Es wurde vor rund 120 Jahren als nachhaltige Lösung entwickelt. Denn stark verschmutzte Metropolen wie London kämpften gegen die schlechten Lebensbedingungen und suchten nach Lösungen. Lange bevor der Klimawandel und das Stadtklima zum Thema wurden, schlug die Gartenstadt grüne Städte, Wandgärten und Spalierobst vor.

Sonnenschutz und Kühlung in einem

Die Begrünung der Fassade reduziert die Fassadentemperatur. Aber auch die Wärmerückstrahlung in die direkte Umgebung. Im Gegensatz zum herkömmlichen Sonnenschutz erzeugen begrünte Fassaden auch Verdunstungskälte und kühlen auf diese Weise. Die mikroklimatischen Auswirkungen einer Fassadenbegrünung auf den Wasser- und Energiehaushalt sind vergleichbar mit denen eines Baumes. Die Begrünung bietet ausserdem eine zusätzliche Isolierschicht für Sommer und Winter. Im Vergleich zu Dächern sind ihre Auswirkungen auf die biologische Vielfalt geringer. Dennoch sind sie Ersatzlebensraum und Nahrungsquelle für Vögel, Schmetterlinge und andere Kleinlebewesen.

Die Fassadenbegrünung lässt sich in bodengebundene und wandgebundene Begrünung unterteilen. Eine bodengebundene Begrünung schont die Ressourcen und ist die kostengünstigste und zuverlässigste Art der Fassadenbegrünung. Den geringsten Aufwand bietet eine Begrünung mit flächigem Direktbewuchs. Es sind keine zusätzlichen Installationen nötig. Und die Pflanzen halten sich selbst an der Wand.  Am bekanntesten ist der Wilde Efeu. Er bereichert im Herbst mit seinen Orange- und Rottönen die Farbpalette der Städte. Ein bodengebundenes System funktioniert nur bis zu einer bestimmten Gebäudehöhe. Natürlich nicht die ideale Wahl für ein Hochhaus.

Beim Garden Tower in Bern, wurde ein Vertikalgarten mit Ranknetz als Ersatzbetonbrüstung eingesetzt. Direkt aus den bodenbündigen Trögen wächst das Grün in die Höhe. Es wird so zur zweiten Fassadenhaut und zum Schattenspender für die Wohnbereiche.

 

Der „Garden Tower“ in Wabern bei Bern: Ein Vertikalgarten mit Ranknetz als Ersatzbetonbrüstung.  Bild: zvg

Bei einer wandgebundenen Begrünung werden an der Hauswand, an Balkonen oder Gerüsten Substratträger angebracht, die bepflanzt werden. Wie an der Fassade der Avenue Ernest Pictet in Genf. Die Bewässerung der Fassade geschieht automatisch. Und durch eine spezielle Samenmischung ist eine ganzjährige Begrünung möglich.

Eine Art Grossstadt-Dschungel

Im Rahmen der ökologischen Infrastruktur bieten Kerngebiete qualitative Lebensräume für Tiere. Wenn eine Autobahn oder eine Bahnstrecke ein Waldgebiet durchschneidet, wird eine Grünbrücke gebaut. So stellt man den Wildtierkorridor wieder her. Ähnlich funktioniert es in der Stadt. Über begrünte Dächer und Fassaden können auch wenig mobile Arten von benachbarten Grünflächen einwandern. Vögel, Fledermäuse, Insekten oder Pflanzen mit Flugsamen schaffen es ohnehin, zu wandern.

Das Forschungsprojekt Urban Pergola von Studenten aus Bremerhaven ist eine innovative Lösung, die mit Low Tech Massnahmen solch grüne Korridore im Grossstadtdschungel schafft.

Natürlich gibt es Herausforderungen auf dem Weg zur grünen Stadt. Denn Dachbegrünung reduziert den Platz für technische Aufbauten. Sie kann auch im Widerspruch zu Ortsbildschutz und Denkmalschutz stehen und führt zu höheren Investitions- und Unterhaltskosten. Dennoch: Es bewegt sich etwas!

 

Quellen:

  • Grün am Bau: Magazin zur Ausstellung (Grün Stadt Zürich) Mai 2018
  • Stadtentwicklungsplan Klima KONKRET: Klimaanpassung in der Wachsenden Stadt (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Kommunikation, Berlin) Juni 2016
  • Stadtklimatische Anliegen in der Projektentwicklung von städtischen Hochbauten (Fachstelle nachhaltiges Bauen, Stadt Zürich) August 2020
  • Fassadenbegrünung Machbarkeitsstudie: Begrünung Südfassade Hochhaus, Triemli Zürich (Fachstelle nachhaltiges Bauen, Stadt Zürich) Mai 2020
  • Gartenstadt und Heimatstil (fassadengruen.de)
  • Fassadenbegrünung- Vorteile, Wissenwertes und praktische Beispiele (Janine Eberle, Mare Communication and Care AG) Juni 2017
  • Forest, Tower, City: Rethinking the Green Machine Aesthetic (Barber & Putalik, Harvard Design Magazine) 2018
Die Architektin schreibt über Themen wie Stadtklima, Kreislaufwirtschaft in der Baubranche und klimaneutrales Bauen und will so Dialoge anregen.

Kommentare

  • Luzius:

    Bald wohnen wir im Wald…

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