Die Begeisterung der aller Teilnehmenden des Discovery Weekends ist greifbar. Bild: Mike Muggli/Arosa Tourismus
„Wo sind die Startnummern 7 und 8?“, ruft ein Helfer vom Starthäuschen direkt neben der Bergstation der Kulm-Gondel. Die Antwort kommt postwendend aus dem Pulk: „Hier, wir kommen!“
Mitten im Schneegestöber werden eifrig die Schnallen der Skischuhe nochmals angezogen, Skibrillen zurecht geschoben und die eine oder andere Startnummer, die sich beim Anziehen mit Jacke und Helm verheddert hat, richtig platziert. Hier die Konzentrierten, die kaum ein Wort über die Lippen bringen, dort diejenigen, die lachen, gelöst sind – und dabei fast den eigenen Start verpassen.
Etwas weiter hinten steht Ursula Bächtiger, Coachin der Trainingsgruppe Special Olympics Zürichsee. Sie behält den Überblick über ihre Gruppe. Rund 40 Athletinnen und Athleten sind heute am Start, 60 Leute sind für die Betreuung dabei.
„Wieviel Hilfe sie benötigen ist sehr individuell“, sagt sie. Die einen brauchen kaum Hilfe, andere dagegen schon. „Aber zwei Betreuer pro Gruppe sind Pflicht.“
Ein Rennen, bei dem es nicht um Tempo geht
Was auf den ersten Blick wie ein klassisches Skirennen wirkt, folgt eigenen Regeln. „Es geht nicht darum, wer am schnellsten ist“, sagt Ursula Bächtiger. „Das Ziel ist es, zwei Läufe möglichst in der gleichen Zeit zu fahren.“
Wie die Profis: nicht nur die Einrichtung am Starthäuschen ist professionell, manche haben auch eine entsprechend gute Ausrüstung samt Skianzug. Bild: Mike Muggli/Arosa Tourismus
Ein Konzept, das den ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und Altersklassen gerecht wird. Es verlangt Konzentration und Körpergefühl – und ist oft schwieriger ist als reine Geschwindigkeit.
„Die Erwartungen und die Selbsteinschätzung stimmen nicht immer mit dem überein, was dann passiert“, sagt sie. Einige wollen einfach schnell fahren – gehen in den Sportladen und wollen den schnellsten Rennski. „Manchmal überschätzt man sich – und ist danach enttäuscht.“ Aber das gehöre auch zum Lernprozess dazu.
Inklusion, die funktioniert – weil alle mitziehen
Damit ein Wochenende wie dieses gelingt, braucht es mehr als eine gute Piste. „Man muss wissen, wo was ist – Unterkunft, Essen, Treffpunkte“, sagt Bächtiger. „Klare Kommunikation ist entscheidend.“
Ebenso wichtig ist das Verständnis im Umgang miteinander. „Es braucht Geduld. Nicht alles läuft gleich schnell wie bei anderen – und das muss man verstehen.“
Unterschiedliche Stile und Qualitäten, aber fast immer dieselbe ansteckende positive Energie gibt’s im Rennen zu sehen. Bild: Mike Muggli/Arosa Tourismus
Die Athletinnen und Athleten bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit. Viele sind erstaunlich selbstständig, organisieren ihren Alltag grösstenteils eigenständig und gehen einer Arbeit nach – etwa in einer Gärtnerei, in der Küche, im Haushalt oder im kreativen Bereich. Auch hier in Arosa zeigt sich das: Sie teilen sich Zimmer zu zweit, finden sich im Tagesablauf zurecht und stehen am nächsten Morgen pünktlich am vereinbarten Treffpunkt – mitsamt der Ausrüstung.
Andere wiederum brauchen mehr Unterstützung – im Alltag, bei organisatorischen Dingen. „Die Unterschiede sind gross“, sagt Bächtiger. „Bei manchen Wohngruppen kommt täglich jemand vorbei, bei anderen nur zwei- bis dreimal pro Woche.“
Arosa als Bühne für gelebte Inklusion
Das Discovery Weekend ist Teil einer grösseren Vision: Auf dem Weg zu den Special Olympics World Winter Games 2029 in Arosa sollen Athletinnen und Athleten den Ort früh kennenlernen können.
Finanziert wird das Wochenende über den Arosa Fonds – ermöglicht durch Spenden. Für die Teilnehmenden bedeutet das: Unterkunft, Verpflegung und Organisation werden übernommen. Untergebracht sind sie in Viersterne-Hotels – für viele ein echtes Highlight. „Da haben sie natürlich grosse Augen gemacht, weil wir so toll untergebracht wurden“, sagt Ursula Bächtiger. Der Wow-Effekt ist gross. Gleichzeitig zeigt sich: Mit der richtigen Organisation funktioniert vieles erstaunlich unkompliziert. Gibt es auch negative Erfahrungen? „Wir haben auch schon einmal erlebt, dass sich Hotelgäste gestört fühlten, weil unsere Leute beim Essen vielleicht etwas lauter waren. Aber das sind die absoluten Ausnahmen. Meistens gibt es ein schönes Miteinander.“
Ein Vater fiebert mit
Während oben die nächsten Startnummern aufgerufen werden, stehen in der Mitte der Piste die Eltern des zwölfjährigen Niculin. „Er ist sehr nervös“, sagt sein Vater Andreas Muoth. „Er hat sich extrem darauf gefreut und redet eigentlich fast nur noch darüber.“
Zu Hause verfolgt Niculin gerne die Skirennen der Stars wie Marco Odermatt oder Franjo von Allmen im Fernsehen – heute steht er selbst im Start. Als er losfährt, feuern ihn die Eltern an. Dass er daheim in Brigels oft mit den Ski unterwegs ist, zeigt sich hier. Elegant zieht er im doch sehr steilen Hang eine Linie um die Tore. Ganz zur Freude von Mama und Papa. Doch was für den Vater zählt, ist klar: „Das Wichtigste ist, andere Leute kennenzulernen – und die schönen Emotionen mit den Kindern.“
Die Teilnehmerin Barbara Sigrist: „Als ich durchs Ziel fuhr, war ich mega glücklich.“ Bild: Mike Muggli/Arosa Tourismus
„Gewinnen muss ich nicht“
Später, vor dem Mittagessen in der gut gefüllten Tschuggenhütte, treffen sich die Teilnehmenden wieder. Die Anspannung ist gewichen, die Stimmung gelöst. Barbara Sigrist strahlt. „Ich bin mega happy und fahre sehr gerne Skirennen“, sagt die 51-Jährige. „Skifahren tue ich seit meiner Kindheit.“ Was ihr wichtig ist? „Schnell und schön runterzukommen.“
Ihre Cousine und deren Sohn haben sie angefeuert. „Das gibt es sehr selten, dass jemand zuschauen kommt“, sagt sie. „Aber sie waren dort im Ziel. Und als ich sie sah, habe ich gejubelt und war mega-glücklich.»“ Sie fährt auch Skirennen in einem normalen Skiclub, sagt sie stolz. Was gefällt ihr am Event in Arosa besonders? „Das Hotel ist hammermässig“, sagt sie begeistert. „Ich bin im dritten Stock. Und die Aussicht ist super.“
Cyrill von Mentlen gewann an den World Winter Games 2013 zwei Goldmedaillen, weiss aber, worauf es ankommt: „Ich sage immer: Gewinnen muss ich nicht! Hauptsache, ich habe Spass.“ Bild: Mike Muggli/Arosa Tourismus
Auch Cyrill von Mentlen, 55, blickt zufrieden auf seinen Lauf zurück, auch wenn die Zeit schwer einzuschätzen war. „Das ist schwierig zu treffen“, sagt er. „Die erste Fahrt und die zweite müssen ja möglichst gleich schnell sein.“
Was am Ende zählt, bringt er einfach auf den Punkt: „Ich bin jetzt auch schon oft Rennen gefahren. Manchmal landete ich auf dem Podest, manchmal neben dem Podest. Ich sage immer: gewinnen muss ich nicht! Hauptsache, ich habe Spass.“ Dass er ein erfolgreicher Sportler ist, merkt man erst später im Gespräch. Ganz nebenbei sagt er, dass er «ja in Südkorea mal zwei Goldmedaillen gewonnen habe». Bei den World Winter Games 2013 in Pyeongchang holte er sich zwei Goldmedaillen und eine Bronzemedaille im Snowboard. Er ist ein Bewegungstalent und freut sich schon auf die Wettkämpfe ohne Schnee: „Für mich kommen noch die Sommergames. Velofahren, Boccia, Schwimmen. Leichtathletik. Da bin ich nicht so gut, aber Hauptsache, es macht mir Freude.“ Auch in Arosa steht für ihn nicht der Sieg im Vordergrund: „Wir haben es gut zusammen im Team.“
Ein Wochenende, das bleibt
Zurück bleibt ein Bild von einem Rennen, bei dem es um weit mehr geht als um Zeiten und Ranglisten. Es geht um Gemeinschaft. Um Vertrauen. Und um die Freude, dabei zu sein. Oder, wie es hier oben im Schneegestöber so treffend klingt: „Hier, wir kommen!“
Die Special Olympics World Winter Games und der Arosa Fonds
Als Austragungsort der World Winter Games 2029 gründete Arosa zusammen mit Special Olympics Switzerland einen Fonds für Spendengelder. Gemeinsam unterstützen beide geistig beeinträchtige Personen auf ihrem Weg zu den Special Olympics World Winter Games Switzerland 2029.
Die Special Olympics World Winter Games sind die weltweit grösste Sportveranstaltung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Beeinträchtigung im Winter. Sie finden alle vier Jahre statt, ähnlich wie die Olympischen Winterspiele oder die Paralympischen Spiele, sind aber speziell auf Athletinnen und Athleten mit geistigen Behinderungen oder Merhfachbehinderungen ausgerichtet. 2029 finden die Special Olympics World Winter Games vom 10. bis 17. März in der Schweiz statt. Neben Chur und der Lenzerheide ist Arosa ein Austragungsort, wo die Disziplinen Skifahren und Snowboarden ausgetragen werden. 2’500 Athleten aus mehr als 100 Ländern werden alle Regionen der Schweiz kennenlernen, in neun Sportarten antreten und so für das gleichberechtigte Zusammenleben aller Menschen in unserer Gesellschaft werben.
Auch in Arosa werden die Teilnehmenden ihren Sportarten nachgehen können. Arosa möchte die Menschen auf ihrem Weg bis zum Jahr 2029 mit der Gründung des Arosa Fonds unterstützen.
Diesen Beitrag erstellte Go Green im Rahmen der Kooperation mit Arosa Tourismus. Er entspricht den Nachhaltigkeitsanforderungen von Go Green. Mehr nachhaltige Storys zu Arosa gibt es hier!
