Interview zur Klimakrise mit Philosoph Sommer: "Wir sollten unserer Freiheit Schranken setzen."

10 Minuten
Oktober 15 | 2021

Andreas Urs Sommer im Interview zur Klimakrise: Der 49-jährige Schweizer Philosoph und Professor an der Universität Freiburg im Breisgau stellt unser Freiheitsverständnis infrage. Er sagt auch, wir sollten uns nicht verstecken, sondern Verantwortung übernehmen.

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Junge Klimaaktivistinnen an einer Demo in London: Wo hört unsere Freiheit für ihre Zukunft auf?  Bild: istock.com

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Herr Sommer, Sie haben das Buch «Die Kunst des Zweifelns. Anleitung zum skeptischen Denken.» verfasst. Würden Sie sich selbst als Klimaskeptiker bezeichnen?

Sicher nicht. Wir sind schlecht beraten, die überwältigenden Beweise im Hinblick auf die menschengemachte Klimakrise anzuzweifeln. Die philosophische Skepsis ist die Bereitschaft, sich selbst in Frage zu stellen. Damit hat die sogenannte Klimaskepsis nichts zu tun.

Womit hat sie zu tun?

Sich starken wissenschaftlichen Beweisen zu verweigern. Und das zu tun, scheint mir unklug. Wenn jemand Skepsis als Argument anbringt, etwas zu bezweifeln, was er bloss bezweifelt, um seine eigene Bequemlichkeit zu erhalten. Das scheint mir ein Missbrauch der edlen Idee der Skepsis zu sein.

Etwas zu glauben oder anzuzweifeln hat viel mit Wertvorstellungen zu tun. Sind daher die Herausforderungen wie Klimakrise, Überwachungsstaat oder Entsolidarisierung auch Wertekrisen?

Es gibt eine Vielzahl möglicher Lebensorientierungen. Viele Kulturpessimisten behaupten, dass wir uns heute in einer Krise befinden und wir unsere Werte verraten oder gar verloren hätten. Das glaube ich nicht. Wir befinden uns vielmehr in einer Zeit, in welcher wir aktiv mitwirken wollen. Das bedeutet, dass wir uns immer wieder klar darüber werden müssen, was uns wichtig und weniger wichtig ist.

Dennoch sind unsere Wertvorstellungen ähnlich mit denen der Unternehmen, die sich die beste Werbezeit leisten können.

Ich habe eher den Eindruck, dass die Unternehmen gezwungen sind, gesellschaftliche Entwicklungen aufzunehmen, statt diese vorzugeben. Ökologische und soziale Gesichtspunkte innerhalb der Firmen werden immer selbstverständlicher. Ob diese Werte dann innerhalb der Betriebe auch gelebt werden ist eine ganz andere Frage. Die Wahrnehmung dessen, was von einer anständig agierenden Firma verlangt wird, hat sich in den letzten 50 Jahren stark verändert. Dass zum Beispiel die ökologische Bewegung in den vergangenen Jahrzehnten so stark geworden ist, ist nicht etwa der gewinnorientierten Wirtschaft geschuldet, sondern einer starken Graswurzelbewegung.

Nehmen Sie mit dieser Argumentation nicht den Kapitalismus aus der Pflicht?

Ich sehe das anders als der sozialwissenschaftliche Mainstream. Die Bedeutung des kapitalistischen Wirtschaftens hat in den letzten 150 Jahren kontinuierlich abgenommen. Die Ausbeutungsverhältnisse im Frühkapitalismus sind nicht zu vergleichen mit dem heutigen Mitteleuropa und dessen ausgebauten Sozialversicherungssystemen. Dass das heutige System noch viel stärker auf Nachhaltigkeit umgebaut werden muss, ist klar. Mir scheint das Wirtschaftssystem jedoch im Hinblick auf mehr Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit anpassungsfähig zu sein.

Ein breit akzeptierter Grundwert ist die Gleichheit aller Menschen. Wie soll Gleichheit in Zeiten der Klimakatastrophe verstanden werden?

Gleichheit ist ein komplexer Grundwert, der seit der französischen Revolution hoch firmiert und unterschiedlich verstanden werden kann. Geht es darum, die gleichen Rechte zu haben, wobei jeder bei deren Ausübung frei ist? Oder sind damit die gleichen ökonomischen Grundvoraussetzungen für alle gemeint? Die Gleichheit gerät rasch mit der Freiheit ins Gehege. Dabei muss jede Gesellschaft immer wieder aushandeln, welchen Rahmen sie setzen beziehungsweise vorgeben will.

Sie haben die Freiheit angesprochen. Müssen wir die Freiheit begraben, damit wir die Klimakrise meistern können?

Wenn wir aus der Perspektive der künftigen Generationen heraus argumentieren, dann ist etwas dran. Wir beschränken die mögliche Freiheit kommender Generationen. Indem wir unsere heutige Freiheit exzessiv ausleben und Raubbau an unserem Planeten betreiben. Solche Überlegungen sind Kernbestandteil der heutigen politischen Philosophie. Dazu muss unser heutiges Freiheitsverständnis jedoch nicht öko-diktatorisch eingeschränkt werden. Wir alle sollten uns davon überzeugen, uns in der Ausübung unserer Freiheit Schranken zu setzen.

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Freiheit auch bei der Feriendestination?  Philosoph Andreas Urs Sommer sagt im Interview zur Klimakrise: „Wir beschränken die mögliche Freiheit kommender Generationen, indem wir unsere heutige Freiheit exzessiv ausleben.“ Bild: istock.com

Solche ökologischen Einschränkungen haben schnell auch ökonomische Einschränkungen zur Folge, welche insbesondere für finanzschwache Haushalte schwierig zu stemmen sind.

Das ist ein grundsätzliches Problem, dass politisch grüne oder ökologisch orientierte Parteien besonders beschäftigt. Das Image der «Verbotspartei» hatte die Grünen in Deutschland vor vier Jahren zahlreiche Wähler gekostet. Es geht letzten Endes immer um eine Abfederung der Massnahmen. Damit nicht nur diejenigen darunter leiden, die ohnehin in sozial schwierigen Verhältnissen leben. Das ist immer mit einem politischen Ringen verbunden. Beispielsweise könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen Abhilfe schaffen.

Sie haben vorhin gesagt, dass eine nachhaltige Zukunft nur über Instrumente der direkten Demokratie und nicht über eine Öko-Diktatur zu erreichen ist. Können Sie das erklären?

Das schweizerische Modell der direkten Demokratie ist eines, das nicht nur für die Schweiz, sondern für alle Demokratien denkbar ist. Wir müssen weltweit mit der alten Vorstellung der Repräsentation aufräumen und die Bürger mitentscheiden lassen. Dadurch entsteht im positiven Sinne eine Politisierung der Gesellschaft. Familien- und Stammtischdebatten wie in der Schweiz tragen wesentlich zum Bewusstseinswandel bei. Dieser kann nicht von oben herab wie in China oder Nordkorea initiiert werden. Das wäre nicht kompatibel mit den Werten der Aufklärung.

Das Individuum sollte sich nicht länger hinter seinesgleichen verstecken, sondern für sich selbst und die Welt Verantwortung übernehmen.

Haben wir denn überhaupt noch ausreichend Zeit, um darauf zu warten, bis die direkte Demokratie greift?

Klar gibt es Frustration, wenn Abstimmungen trotz eigenem Engagement an der Urne scheitern. Bei der Einführung des Frauenstimmrechts hat es auch Überzeugungsarbeit und mehrere Anläufe gebraucht. Die Idee einer starken ökologischen Hand kann in einer Gesellschaft mündiger Bürger aber nicht das Ziel sein. Ökologie kann es nicht auf Kosten der Entmündigung geben.

In einem Interview sprechen Sie von Selbstverantwortung und dem Gestaltungsauftrag des Menschen für die Welt. Was meinen Sie damit?

Das Individuum sollte sich nicht länger hinter seinesgleichen verstecken. Es sollte für sich selbst und die Welt Verantwortung übernehmen. Eine solche Einstellung heisst, nicht mehr ausschliesslich für sich das beste Leben anzustreben, sondern etwas zum Ganzen beitragen zu wollen. Die Fähigkeit zu einem selbstbestimmten und eigenmächtigen Leben mündet nicht in Egoismus. Vielmehr bietet es die Möglichkeit, die Welt auf eine Weise mitzugestalten, die dem Planeten und dem Lebendigen zuträglich ist.

 

Interview zur Klimakrise/ zur Person: Andreas Urs Sommer ist Philosoph und Professor an der Universität Freiburg im Breisgau und Leiter der Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. 

Ausgestattet mit einem MBA der Uni Fribourg ist Michel Dumauthioz Intrapreneur bei einem grossen Versicherer. Vor allem hat er aber einen besonderen Blick aufs Thema Nachhaltigkeit.

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