Lützerath und
die Kohle -
die Klimafakten
nach dem Aufschrei

5 Minuten
23. Januar 2023

Das Dörfchen Lützerath in Nordrhein-Westfalen wurde trotz massiven Protesten geräumt, die Kohle darunter wird bald abgebaut und verstromt. Macht das Sinn? Der ETH-Klimaforscher Cyril Brunner nennt die Fakten und sagt im Interview: «Kohle wird nach 2030 sowieso nicht mehr konkurrenzfähig sein.»

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Lützerath Kohle

Auch die Klimaaktivistin Greta Thunberg war bei den Protesten in Lützerath vor Ort und sagte: „Es ist entsetzlich zu sehen, was hier passiert.“  Bild: Keystone/Federico Gambarini

Das Medienecho war gewaltig. Denn zehntausende Menschen – darunter auch die weltbekannte Klimaaktivistin Greta Thunberg – protestierten an der Abbruchkante zum gigantischen Tagebau Garzweiler. Weil das Signal, dass mitten in der Klimakrise Dörfer für den klimaschädlichen Kohleabbau weichen müssen, viele verstört. Das Argument, die Kohle brauche es für die Versorgungssicherheit, wird kontrovers diskutiert.

Brauchts die Kohle von Lützerath? Zwei Studien – unterschiedliche Schlüsse

Forscher zweier Berliner Universitäten und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kamen zum Schluss, dass der Kohlebedarf auch ohne die Kohle unter Lützerath gedeckt werden kann. Bei maximaler Auslastung im Zeitraum 2022 bis 2030 verbrauchten die Kraftwerke 271 Millionen Tonnen Braunkohle. Diesen Bedarf würde aber der Vorrat von 301 Mio. Tonnen aus dem bereits genehmigten Bereich des Tagebaukomplexes Hambach und Garzweiler II decken. Eine Studie, welche der Energieversorger RWE in Auftrag gab, sah es anders. Selbst beim niedrigsten angenommenen Bedarf fehlten mindestens 17 Millionen Tonnen Braunkohle. 2023 werde es infolge der Gasknappheit zu einer noch grösseren Differenz kommen.

Cyril Brunner, welchen Reim machen Sie sich aus dem Streit um den Kohleabbau?

Um eines vorweg zu nehmen: Wenn es uns in Europa ernst wäre mit dem 1,5-Grad-Ziel oder dem 2-Grad-Ziel, dann würden wir so rasch als möglich versuchen, die Kohlekraftwerke durch eine treibhausgasarme Stromproduktion zu ersetzen. Und diese Kraftwerke nicht noch bis 2038 weiter betreiben, wie es beispielsweise Deutschland plant. Zu den Studien: Ich kenne ein paar Autoren der ersten Studie. Ob die Zahlen der zweiten Studie, die vom Energiekonzern RWE in Auftrag gegeben wurde, richtig sind, ist schwierig zu sagen.

Wenn wir die Frage der Versorgungssicherheit weglassen: Es hiess, durch den Emissionshandel entstünden keine zusätzlichen CO2-Emissionen. Können Sie das vereinfacht erklären?

Der Europäische Emissionshandel erfasst und steuert europaweit die CO2-, Lachgas- und PFKW-Emissionen der Energiewirtschaft sowie der energieintensiven Industrie. Eine immer kleiner werdende Obergrenze legt fest, wie viele Emissionszertifikate jährlich ausgestellt werden, die sich alle teilnehmenden Unternehmen untereinander aufteilen müssen.

„Die zusätzlich verfügbare Kohle führt dazu, dass der Rohstoff und Kohlestrom billiger werden“

Was heisst das in diesem Fall?

Gibt es nun zusätzlich verfügbare Kohle, zum Beispiel durch den Abbau bei Lützerath, heisst das vereinfacht gesagt, dass es im Energiesektor mehr Emissionen geben könnte. Gleichzeitig jedoch würden dann weniger CO2-Zertifikate für die anderen Unternehmen übrig bleiben, bis die Obergrenze erreicht wird. Der Preis der CO2-Zertifikate, die gehandelt werden, wird teurer. Die nun zusätzlich verfügbare Kohle bringt also nicht direkt grössere Gesamtemissionen. Aber sie führt vor allem dazu, dass Kohle als Rohstoff und somit Kohlestrom billiger werden.

Billigere Kohle-Verstromung am einen Ort verteuert den CO2-Ausstoss an andern Orten.

Ein zweiter Punkt ist, dass es doch nur die bestehenden Kohlekraftwerke gibt, die es verbrennen können. Solange kein neues Kohlekraftwerk gebaut wird, wird vorerst auch nicht mehr Kohle verbraucht. Erst wenn sich im grösseren Reservoir auch günstigere Kohle befindet – was vermutlich der Fall ist, denn sonst würde RWE die Kohle bei Lützerath kaum abbauen wollen –  kann Kohlestrom günstiger erzeugt werden. So kann phasenweise Kohlestrom verkauft werden, wenn er ohne grösseres Reservoir nicht konkurrenzfähig gewesen wäre. Dafür müssen aber auch wieder mehr CO2-Zertifikate zugekauft werden. Und dies verknappt die restlichen CO2-Zertifikate und macht sie teurer. Aber ändert nichts an der Gesamtmenge an CO2-Zertifikaten.

„Kohlestrom wird in Deutschland nach 2030 ohnehin nicht mehr konkurrenzfähig sein“

Lützerath Kohle

Mit gigantischen Baggern wird in verschiedenen Gebieten Deutschlands derzeit noch Braunkohle abgebaut und in den Kohlekraftwerken verstromt.  Bild:istock.com

Die Idee war ja, die beiden RWE-Kraftwerke bis Ende 2022 abzustellen. Dann hiess es, der Kohleausstieg würde statt 2038 in dieser Region bereits um 2030 stattfinden. Dafür dürften zwei dieser Reaktoren weiterlaufen. Der Ausstieg kommt insgesamt früher in dem Revier, dafür laufen die Reaktoren noch 15 Monate länger, bis im Frühling 2024. Sind die Emissionen unter dem Strich nun grösser oder kleiner?

Meine persönliche Einschätzung ist, dass Kohlestrom in Deutschland nach 2030 ohnehin nicht mehr konkurrenzfähig sein wird. Denn Strom aus Kohle mit ungefähr 90 Euro pro Megawattstunde ist schon heute eine der teureren Arten, um Strom zu erzeugen. Weiter ist Kohlestrom mit rund 900 kg CO2 pro Megawattstunde der Strom mit den meisten CO2-Emissionen pro gewonnener elektrischer Energie. Somit führt bereits ein tatsächlicher CO2-Preis von 100 Euro pro Tonne CO2 auf dem Europäischen Zertifikathandel dazu, dass sich Kohlestrom in den Kosten verdoppelt. Die CO2-Zertifikate werden mit der Zeit wegen der schrumpfenden Obergrenze knapper und daher tendenziell teuer.

„Der frühere Kohle-Ausstieg wäre wohl so oder so geschehen“

Und um 2030 wohl zu teuer?

Ja, irgendwann – vermutlich vor 2030 – zu teuer, damit sich ein Weiterbetrieb von Kohlekraftwerken in Europa noch lohnt. Darum ist die Argumentation – wir lassen die zwei Kohlekraftwerke 15 Monate länger laufen, steigen in der Region aber schon 2030 statt 2038 aus der Kohle aus uns sparen unter dem Strich Emissionen ein – nicht ganz schlüssig. Die Emissionen der Kohleverstromung werden wohl grösser sein. Denn jetzt wird etwas zusätzlich betrieben. Der frühere Ausstieg wäre aber wohl so oder so geschehen, weil es nicht wirtschaftlich ist.

Haben diese zusätzlichen Emissionen letztlich einen Klima-Effekt?

Weil die Gesamtmenge an CO2-Emissionen unter dem Europäischen Emissionshandel gleich bleibt, ist der Effekt aufs Klima erst einmal gleich wie ohne den Kohleabbau in Lützerath. Die eigentliche Frage ist aber, ob in der Folge die Obergrenze für die kommenden Jahre angepasst wird. Beispielsweise weil die CO2-Zertifikate zu teuer für die anderen Unternehmen werden. Ich weiss es schlicht nicht. Es ist so verwoben, dass es für mich zu viele mögliche Entwicklungen gibt.

„Kohlestrom ist extrem dreckig – ergo ist es ein mächtiger Hebel“

Wie gross sind die Emissionen, welche aus der deutschen Kohleverstromung entstehen?

Insgesamt hat Deutschland seit 1850 die neuntgrösste Emissionsmenge aller Länder. Denn der Klimawandel ist ja nicht da, weil wir heute etwas ausstossen. Dies treibt den Klimawandel nur weiter an. Der Klimawandel ist da, weil wir über einen langen Zeitraum bis heute etwas ausgestossen haben. Das hat sich akkumuliert. Und für die Bilanz Deutschlands hat die Kohle in den vergangenen Jahren cirka 17 bis 20 Prozent ausgemacht, im Jahr 1990 sogar ein Viertel. Sehr viel. Kohlestrom ist extrem dreckig. Ergo hätten wir da aber auch einen mächtigen Hebel. Das merken wir am Beispiel Grossbritannien. Seit sie die Energieversorgung umgestellt haben, sind sie mit den CO2-Emissionen sehr stark runtergekommen.

Deutschland sagt, dass das Land bis 2030 total 65 Prozent weniger Treibhausgase emittieren will als 1990. Ist das realistisch? Und in welchen Sektoren kommen sie am schnellsten voran?

Bis 2021 hat Deutschland seine Treibhausgasemissionen im Inland um rund 39 Prozent gesenkt. Somit müssen in den nächsten sieben Jahren für das Ziel weitere 26 Prozent der Emissionen von 1990 verringert werden. Zugpferde waren hier der Gebäudesektor, das heisst wie Gebäude und Warmwasser geheizt wurden und auch der Energiesektor. Indem beispielsweise die Emissionen aus der Kohlenutzung um mehr als die Hälfte zurückgingen. Für das Ziel bis 2030 stellen sich zwei Fragen. Erstens: Haben wir das Wissen und die Mittel, um die Treibhausgasemissionen in diesem Umfang zu reduzieren? Und zweitens: Bekommen wir das auch in dieser Zeit hin?

„Wir wissen, wie wir mehr als 90 Prozent der Emissionen reduzieren können“

Am Wissen und den MItteln dürfte es nicht scheitern, oder?

Genau. Verschiedene Studien zeigen, dass wir heute wissen, wie wir mehr als 90 Prozent unserer Emissionen reduzieren könnten. Zudem haben wir eine gute Ahnung darüber, wie wir die restlichen 10 Prozent auf Netto-Null ausgleichen können. Indem wir eine gleichwertige Menge CO2 aus der Luft entfernen. Schwierig wird es bei der zweiten Frage, weil sehr viele Faktoren mit hineinspielen. Beispielsweise die Rahmenbedingungen im In- und Ausland, Verhaltensmuster, Investitionen, Produktionsvolumen oder Fachkräfte und solche, die Fachkräfte ausbilden können. Würde sich Deutschland konsistent entsprechend seinen Zielen ausrichten, lägen die Ziele in Reichweite. Gerade ein Energiesektor, der noch viel Stromerzeugung aus Kohle beinhaltet, wäre einer der einfachsten und mittelfristig lukrativsten Sektoren, um die Reduktion voranzubringen.

 

Cyril Brunner ist Klimaforscher an der ETH Zürich und schreibt als Gastautor auch Beiträge für das Go Green Magazin – zuletzt über die Klimawirkung von Methan. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Klimaschutzmassnahmen, Emissionsreduktionspfaden, Netto-Null sowie mit der Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre.

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Autor:in: Christian
Bürge
Der Journalist ist Co-Founder und Chefredaktor des Magazins
Go Green.
www.christianbuerge.com
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