Mythen auf dem Prüfstand: "Bier aus der Aludose ist besser als Einwegglas"

5 Minuten
August 9 | 2021

Wie lebe und konsumiere ich nachhaltig? Ist Alu wirklich besser als Glas? Kann ich Soja bedenkenlos kaufen? Und welchen? Die Umweltingenieurin und Nachhaltigkeitsexpertin Martina Wyrsch entzaubert ein paar Mythen und klärt auf.

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Die Energie für die Produktion einer Aludose ist viel geringer als für eine Einweg-Glasflasche.  Bild: istock.com

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Eine Glasflasche ist nachhaltiger als eine Plastikflasche.

Nein. Beziehungsweise: es kommt drauf an. Eine Mehrwegflasche kann gleich gut abschneiden. Aber die Einwegflasche bildet meist das Schlusslicht, wenn der gesamte Lebensweg betrachtet wird. Der ganze Schmelzprozess beim Recycling ist sehr energieintensiv. Das hohe Gewicht von Glas ist auch ein Problem. Denn im Transport wird mehr CO2 ausgestossen. Je nach Inhalt (Milch, Bier, Süssgetränke) sind Getränkekartons, PE- oder PET-Flaschen oder beim Bier teilweise sogar Alu am ökologischsten. Mehrweg-Glas ist meistens die beste Wahl, aber auch nicht in jedem Fall. Der  Transportweg ist hier mitentscheidend. Grundsätzlich gilt: Was leicht und mehrmals wiederverwendbar ist, hat geringere Umweltauswirkungen.

„Die Heizung runterzuschrauben kostet ja nichts“

Nachhaltig zu leben oder zu wirtschaften ist teuer.

Nein. Gerade im Bereich des Energieverbrauchs können Kosten gespart werden. Und das ohne Investitionen. Die Heizung ein paar Grad runterzuschrauben oder richtig zu lüften kostet ja nichts. Natürlich sind manchmal auch Investitionen nötig. Wenn zum Beispiel auf erneuerbare Energiequellen umgestellt wird. Aber das rechnet sich relativ schnell. Man muss dabei immer im Hinterkopf haben, dass fossile Energiequellen dem Untergang geweiht sind. Insbesondere auch politische Rahmenbedingungen führen dazu, dass sie immer weniger konkurrenzfähig sind. Ich rate Unternehmen, regelmässig zurückzuzoomen. Der Betrieb und alles, was damit verbunden ist, muss kontinuierlich nachhaltig ausgerichtet werden. So kann es glaubwürdig bleiben und das ist sehr nötig, weil die Konsument*innen immer mehr hinterfragen, fordern und mitdenken.

Brandrodung des Urwalds für die Sojaproduktion: Dreiviertel des Sojas wird für die Herstellung von Futtermitteln verwendet.   Bild: istock.com/Paralaxis

Wer Soja-Produkte isst, zerstört den Regenwald.

Nein, so einfach ist das nicht. Über Dreiviertel der Sojaproduktion werden für die Herstellung von Futtermitteln verwendet, fliessen also in die Fleischproduktion. Soja, welches wir in Form von Sojadrinks, Sojasauce und Tofu verzehren, macht nur etwa 6 Prozent der gesamten weltweiten Soja-Produktion aus. Wenn alle Soja-Produkte anstelle von Fleisch essen würden, hätten wir das Problem nicht. Sojaprodukte aus dem Bioladen kommen ausserdem zu einem grossen Teil aus Europa, es wird dafür also kein Regenwald abgeholzt.

„Für ein Kilo Rindfleisch werden 15 000 Liter Wasser verbraucht“

Wasser sparen hilft der Umwelt gar nicht.

Stimmt selbstverständlich nicht. In der Schweiz glauben zwar viele, dass wir genügend Wasser haben. Aber grundsätzlich handelt es sich bei Wasser um eine natürliche Ressource, mit der wir sorgsam umgehen müssen. In den vergangenen Jahren gab es im Sommer immer wieder Regionen, die von Wasserknappheit betroffen waren. Aufgrund des Klimawandels wird sich dies in Zukunft noch verschärfen. Eng gekoppelt mit dem Wasserverbrauch ist ausserdem der Energie- und Materialverbrauch. Jeder Liter Wasser, den wir verbrauchen, geht irgendwo hin. Wir reinigen ihn, bereiten ihn wieder auf. Unter grossem Einsatz von Material und Energie. Jeder Mensch verbraucht in der Schweiz durchschnittlich 130 Liter Wasser am Tag. Eine Sparbrause hilft beispielsweise, das nochmal zu drücken. Aber spannend – und entscheidend – ist etwas anderes: Das Wasser, das für all die Produkte benötigt wird, die wir kaufen. Man spricht da von virtuellem Wasser. Das ist enorm viel mehr als unser täglicher Wasserverbrauch. Wenn wir hier – also beim Konsum – ansetzen würden, wäre die Hebelwirkung um einiges grösser. Nur ein Beispiel: Für die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch verbrauchen wir 15 000 Liter Wasser.

Die Umweltingenieurin Martina Wyrsch: „Der Wasserverbrauch für die Produkte, die wir kaufen, ist entscheidend grösser als unser täglicher Verbrauch.“  Bild: zvg

Carsharing ist gar nicht umweltfreundlich.

Da muss man unterscheiden. Wenn sich beispielsweise zwei Familien, die zuvor nur mit ÖV unterwegs waren, ein Auto teilen und es dann oft nutzen, ist das natürlich nicht umweltfreundlich. Bei stationärem Carsharing wie Mobility verhält es sich anders. Viele Menschen kaufen kein eigenes Auto mehr und greifen dann spontan einmal auf ein Auto zurück. Das ist nachhaltig und sinnvoll.

„Gemüse und Früchte aus Bio-Anbau schneidet meistens besser ab“

Bio ist nicht nachhaltiger.

Das stimmt nicht. Bio hat viele ökologische und soziale Vorteile. Zum Beispiel dürfen keine chemisch-synthetischen Pestizide und Dünger zum Einsatz kommen. Diese sind für die Ökosysteme an Land und im Wasser ein grosses Problem. Ausserdem dürfen die Produzenten die Gewächshäuser nicht beheizen (ausser bei der Anzucht von Jung- und Zierpflanzen). Und Flugtransporte sind auch nicht erlaubt. Diese beiden Prozesse, also Beheizung und Transport, spielen in der CO2-Bilanz von Gemüse und Früchten eine wichtige Rolle. Deshalb schneiden jene aus biologischem Anbau in den meisten Fällen besser ab. Die CO2-Betrachtungsweise greift aber eigentlich zu kurz. Besser ist es, eine komplette Ökobilanz über ein Produkt zu machen, denn da werden noch andere Umweltauswirkungen unter die Lupe genommen.

Die lokalen Gegebenheiten bei der Produktion sind ausserdem auch zu berücksichtigen. Bio-Erdbeeren kommen oft aus Spanien aus Gebieten mit Wasserknappheit. Ihr Anbau, auch wenn biologisch, bedeutet für die Grundwasserreserven einen Stress und kann daher nicht als nachhaltig eingestuft werden. Hier ist es sicher besser, auf einheimische, saisonale Bio-Früchte zurückzugreifen.

 

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Avocados haben ein ganz schlechtes Image: Es gibt aber Produzenten, die sie nachhaltig anbauen.     Bild: istock.com/Yastrebova

Es spielt keine Rolle, wieviel ich esse, sondern nur was ich esse.

Nein. Beim Konsum ist allgemein matchentscheidend, wieviel von etwas und wie oft wir konsumieren – das gilt sowohl für Kleider als auch für Bananen. Und wieviel Abfall in Zusammenhang mit dem Konsum entsteht. Gerade im Bereich der Ernährung ist Foodwaste ein riesiges Problem. Zum Vergleich: Wäre Foodwaste ein Land, wäre er mit mehr als 3 Gigatonnen Treibhausgasen der drittgrösste Emittent nach den USA und China!

„Der grösste Teil des Avocado-Anbaus ist eine ökologische Katastrophe“

Avocados schaden der Umwelt gar nicht.

Jein. Der grösste Teil der weltweit angebauten Avocados stammt aus Mexiko und ist tatsächlich eine ökologische und soziale Katastrophe, weil das organisierte Verbrechen involviert ist. Es gibt aber auch gute Beispiele von kleinen, nachhaltig produzierenden Betrieben in Peru, welche über Gebana bezogen werden können.

Das Problem sind bei diesem Thema auch wieder die grossen Mengen, die wir nachfragen. Und der Hype darum, Avocado als Superfood zu konsumieren. Das wiederum führt dazu, dass wir den Anbau so ankurbeln und intensivieren. Zur Gesamtsicht gehört aber ganz klar der gesamte Nahrungsmittelkonsum. Beziehungsweise, was wir tagtäglich essen. Wenn da ab und zu eine Avocado dabei ist, heisst das nicht, dass man sich deswegen gleich schämen muss.

Ein paar grundsätzliche Regeln für nachhaltigen Konsum

  • Bewusst konsumieren: Darauf achten, wie nachhaltig ein Produkt hergestellt wurde. Dabei auf Qualität statt auf Quantität achten.
  • Den Fleischkonsum reduzieren.
  • Flüge reduzieren – sowohl eigene als auch solche, die beim Produkttransport (Flugware) anfallen.
  • Beim Einkauf aufs Auto verzichten.
  • Secondhand einkaufen, Dinge wiederverwenden oder wieder in Umlauf bringen.
  • Sich engagieren und das Thema Nachhaltigkeit in die Schulen, in den Sportverein, ins Büro oder einfach in den Alltag einfliessen lassen.

 

Martina Wyrsch ist diplomierte Umweltingenieurin ETH und Geschäftsführerin der Tiefgrün GmbH tiefgruen.ch. Die Nachhaltigkeitsexpertin bietet auf ihrer Plattform Beratung, Prozessbegleitung, Workshops und Moderation sowie Kommunikation an.

Der Journalist ist Co-Founder und Chefredaktor des Magazins
Go Green.
www.christianbuerge.com

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