Nachhaltige Naturkosmetik - "Bio ist eine gute Basis"

6 Minuten
15. Februar 2022

„In einem guten Produkt brauche ich keine Duftstoffe“, sagt Anna Mandozzi. Die Gründerin des Naturkosmetik-Portals Biomazing erklärt im Interview, was ein gutes, nachhaltiges Kosmetikprodukt ausmacht. Sie erzählt auch, warum die grösste Hürde für die Naturkosmetik unsere Gewohnheiten sind.

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nachhaltige Naturkosmetik

Naturkosmetik ist gefragt: Aber die wenigsten Kund:innen wissen, worauf sie achten müssen. Bild: istock.com

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Es gibt Naturkosmetik, die verspricht in 10 Tagen weniger Falten. Oder den Seelenfrieden. Natürlich sind solche Marketing-Mätzchen für die meisten Kund:innen leicht zu durchschauen. Schwieriger wird es bei der Frage, was denn wirklich wichtig und entscheidend ist beim Kauf.

Nachhaltige Naturkosmetik: Der Überblick ist schwierig

 

Der Biomazing-Nachhaltigkeitsstandard umfasst 56 Nachhaltigkeits-Kriterien. Was raten Sie Konsument:innen für einen möglichst einfachen Einstieg?

Wenn die Konsumenten sich das im Detail anschauen, haben sie heutzutage eigentlich fast keine Chance. Es ist wirklich so komplex geworden. Das einzige Kriterium, das Konsument:innen am meisten hilft, sind Inhaltsstoffe mit Bio-Qualiät oder bio-zertifizierte Produkte. Das erfüllt dann vielleicht nicht zu 100 Prozent alle Ansprüche, aber es ist eine gute Basis. In einer guten Bio-Zertifizierung sind schon viele Kriterien abgedeckt. Ein diversifizierter Anbau, ein gewisser fairer Handel oder die Prüfung von Belastung durch Pestizide und andere Giftstoffe.

„In einer guten Bio-Zertifizierung sind schon viele Nachhaltigkeits-Kriterien abgedeckt“

Welches sind die schlimmsten Inhaltsstoffe, die wir vermeiden können?

In einem guten Produkt brauche ich keine Duftstoffe, sie sind sogar schlecht für mich. Weiter vermeide ich alle Inhaltstoffe, die mit PEG beginnen, sowie Methicone, Silikone und Parabene. Auch Aluminiumsalze in Deos sind ganz schlecht. Nicht nur für die Natur, auch für den Körper. Wenn ich das alles meide, habe ich schon ganz viel erreicht.

Ein Produkt ist nur nachhaltig, wenn es auch wirksam ist. Wie können natürliche Produkte mit "herkömmlichen" Produkten in Sachen Wirksamkeit mithalten?

Mittlerweile definitiv gut. Das war lange nicht der Fall. Die Hersteller mussten immer sagen „Wir sind nicht nur natürlich, wir können auch ein bisschen was.“ Inzwischen ist die nachhaltige Naturkosmetik ein so grosser Markt geworden, dass sie auch gut genug finanziert ist, um in Labors entsprechend entwickelt und geprüft zu werden. Es gibt sowohl in der konventionellen als auch in der Naturkosmetik wirkstoffreiche und weniger wirksame Produkte. Wir prüfen übrigens auch das Wirkversprechen. Wenn eine Marke ihr Produkt mit „In 10 Tagen 50 Prozent weniger Falten“ bewirbt, dann finde ich das nicht in Ordnung. Das ist weder nachhaltig noch seriös.

Gibt es das bei der Naturkosmetik auch?

Diese Art von Wirkverspechen gibt es weniger. Aber das Produkt kann dann alles, auch Seelenfrieden verschaffen und die grösste Harmonie herstellen. Da muss ich dann auch sagen: Moment, ist das wirklich seriös und will ich das so an den Kunden weitergeben?

Nachhaltige Naturkosmetik: Keine Farbe hält 10 Tage auf den Nägeln

Welche Sparten der Kosmetik sind in Sachen Nachhaltigkeit heute bereits besonders gut, welche hinken noch hinterher? Haarpflege, Hautpflege, Deo, Make-up?

Im Grossen und Ganzen hinkt die Naturkosmetik überhaupt nicht hinterher. Gerade bei Gesicht, Haarpflege, Hautpflege und Deos ist sie sehr stark. Beim Make-up sieht es bei manchen speziellen Sachen noch anders aus, zum Beispiel beim Nagellack. Wo gibt es denn eine Farbe in der Natur, die zehn Tage auf den Fingernägeln hält? Das ist immer synthetisch fixiert. Ein Beispiel ist auch ein Lippenstift mit „Superstay für 12 Stunden“-Effekt oder Neonfarben. Diese Effekte finde ich in der Natur einfach nicht und sind nur schwer natürlich zu erzielen.

Welches sind die grossen Herausforderungen für Hersteller von nachhaltigen Kosmetik-Produkten?

Die grosse Herausforderung ist, den Konsument:innen eine andere Art von Produkten zu zeigen. Denn Sie sind sehr gewöhnt an eine bestimmte Art, wie ein Textur sein oder wie etwas angewendet werden muss. Als Beispiel: Ich habe vor zwölf Jahren das erste Cremedeo nach Europa gebracht. Dieses Deo trägst du mit dem Finger auf die Achsel auf. Die Leute haben mir damals den Vogel gezeigt. Sie fanden das eklig. Und jetzt hat jede bessere Brand, die was von sich hält, ein Cremedeo. Ein anderes Beispiel sind Öle für das Gesicht. Es hat Jahre gedauert, bis Kund:innen vermittelt werden konnte, dass Öle nicht per se schlecht sind. Auch nicht bei öliger Haut oder Aknehaut. Wir sind uns das anders gewohnt von der Lobby. Da braucht es echt noch wahnsinnig viel Überzeugungskraft.

„Inzwischen können Naturprodukte genau so viel, wie konventionelle Kosmetik“

Welche Trends beobachten Sie?

Spannend ist: Im Moment kaufen viele grosse Firmen kleine Naturkosmetikbrands auf. Viele finden das schwierig und befürchten, dass die Qualität immer schlechter wird. Aber ich bin nicht sicher, ob es wirklich so schlecht ist. Denn grosse Firmen haben viel mehr Möglichkeiten, Anbauprojekte zu machen und nachhaltig zu wirtschaften. Mit der Grösse kommen auch mehr Möglichkeiten. Ich finde das sehr spannend.

 

Von selbstgemachten Produkten am Marktstand bis zu den grünen Linien von grossen Marken finde ich überall nachhaltige Produkte. Wie erkenne ich als Laie ein gutes, nachhaltiges Kosmetik-Produkt?

Ganz ehrlich? Die Laiin hat keine Chance. Das Problem ist oft, dass schon die Verkäufer:innen keine Ahnung haben. Die haben die Marketing-Schulungen von den Brands bekommen. Und reimen sich dann selbst etwas zusammen. Auch wenn jemand zuhause Seife von Hand macht und auf dem Marktstand verkauft, heisst das noch nichts. Darin befinden sich oft synthetische Parfümöle und Haltbarmacher. Auch auf dem kleinen Marktstand müssen wir also nachfragen, ob es nur natürliche, zertifizierte Rohstoffe sind. Ich glaube, wenn es sie wirklich interessiert, kommt die Laiin nicht darum herum, sich eine Stelle zu suchen, die sich damit auskennt und das einordnet.

Viele kleine Schweizer Marken

Wie beurteilen Sie das Angebot von Schweizer Kosmetikherstellern in Bezug auf Nachhaltigkeit?

Es gibt viele Schweizer Brands. Neben den Grossen gibt es auch viele tolle kleine Hersteller. Vor allem bei Pflegeprodukten, weniger beim Make-Up, gibt es tolle Sachen. Es ist aber nicht ein sehr innovativer Markt. Das liegt an der Grösse des Landes. Der Markt ist einfach klein und das schränkt die Hersteller ein.

Naturkosmetik Anna Mandozzi

Anna Mandozzi, die Gründerin des Naturkosmetik-Portals Biomazing: „Die Laiin hat keine Chance, ein nachhaltiges Produkt zu erkennen.“

Welche Brand fasziniert Sie aktuell besonders und warum?

Leider aktuell gerade keine Schweizer Brand, dafür kann ich Ihnen gleich zwei nennen. Lina Hanson, eine kleine Nischenbrand, hat es geschafft, mit quasi null Mitteln das Nonplusultra auf die Beine zu stellen. Die Rohstoffe sind alle von Bioherstellern und nachhaltig bezogen. Die Rohstoffe werden von Hand verarbeitet. Dabei wird auch das traditionelle Wissen über diese Rohstoffe berücksichtigt. Ich kenne keine Brand am Markt, die auf dieser Ebene mit Lina Hanson mithalten kann. Sie ist für mich ein „Unicorn“ in dem Bereich.

„Für 30 Franken bekommst du eine tolle Gesichtscreme“

Und welches ist die andere?

Die andere Brand, Evolve, ist das totale Gegenteil. Die stellen ihre Produkte in einem selbstbetriebenen Öko-Atelier her. Und trotzdem hat die Marke alles, was es braucht, um ein richtig grosser Player zu sein. Sie haben alle Zertifizierungen, von bio und vegan bis plastic-negativ, carbon-neutral und planet-positiv. Sie machen Produkte mit nachgewiesener Wirksamkeit und trendigen Wirkstoffen, wie Goldmasken, Bio-Retinol und Rosenquarzpuder. Dazu kommt ein super Preis, den sich jede:r mit mittlerem Einkommen leisten kann. Für 30 Franken bekommst du eine tolle Gesichtscreme. Evolve ist der Beweis, dass zertifizierte Naturprodukte möglich sind, die alles können und trotzdem nicht Kopf und Kragen kosten. Es wird immer gesagt, das geht nicht. Evolve macht es, und das ist einfach inspirierend.

Produkte sind übers Ablaufdatum haltbar

Wir haben viel über Produkte geredet. Mal abgesehen vom Produkt: Wie wende ich Kosmetikprodukte möglichst nachhaltig an? Haben Sie Tipps?

Erstens sollten wir immer mit sauberen Händen oder einem sauberen Spatel arbeiten. So gibt es weniger Kontaminierung. Zweitens: Je kühler, dunkler und trockener wir Produkte lagern, umso länger halten sie. Ich weiss, das ist im Badezimmer nicht immer einfach. Der dritte Punkt ist ganz wichtig und wird oft missverstanden: Nach dem Ablaufdatum muss ein Produkt nicht weggeworfen werden. Rechtlich gesehen ist ein Mindesthaltbarkeitsdatum die Zeitspanne, in der der Hersteller garantiert, dass das Produkt die komplette Wirksamkeit entfaltet. Danach kann es sein, dass es langsam beginnt, Wirksamkeit abzubauen. Das muss aber nicht sein. Wenn der Hersteller unsicher ist oder wenig Geld hat, gibt er zur Sicherheit oft eine kürzere Zeitspanne an. Das heisst, Produkte sind oft noch viel länger wirksam. Vielleicht doppelt oder dreimal so lange.

Nachhaltige Naturkosmetik mit vernünftigen Preisen

Wie merke ich, ob das Produkt noch gut ist?

Ob ein Produkt noch gut ist, können wir mit einem einfachen Test selbst überprüfen. Geruch, Farbe und Textur müssen stimmen. Sobald sich eines der drei Merkmale ändert, kippt das Produkt. Wenn sich nichts ändert, kann ich es bedenkenlos weiterverwenden. Wasserfreie und ölbasierte Produkte halten übrigens länger. Und zu guter Letzt: Es gibt sehr viele überteuerte Produkte am Markt, um die wir einen Bogen machen können. Es gibt genug Brands mit vernünftigen Preisen, die top wirken. Das ist für Konsument*innen auch wirtschaftlich nachhaltiger.

Nach der Harvard Business School kam Dr. Anna Mandozzi nach Europa zurück, um in einer Kanzlei zu arbeiten. Gegen ihre starken Hautprobleme halfen nur Naturkosmetikprodukte. Sie kannte diese aus den USA, waren aber in Europa nicht erhältlich. Also gab sie ihre Tätigkeit als Juristin auf. Stattdessen gründete sie den Online-Shop Biomazing. Heute nutzt sie ihren juristischen Spürsinn für die Produktentwicklung und Beratung im Bereich nachhaltige Naturkosmetik.

Autor:in: Marlen
Stalder
Marlen Stalder ist Kommunikationsspezialistin. Sie entdeckt gerne spannende Möglichkeiten für ein umweltbewusstes Leben.

Kommentare

  • Ria:

    Das mit dem Ablaufdatum ist gut! Ganz ehrlich wärs ja ein Wahnsinn, die teuren Crémes alle wegzuwerfen. Und: Ich frage mich aber bei der Naturkosmetik oft, warum die Verpackungen nicht nachhaltiger sind.

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