"Nachhaltiges Anlegen ist eigentlich ein Muss"

5 Minuten
10. November 2025

Obwohl die Schweizer Bevölkerung in vielen Bereichen – wie beispielsweise beim Fliegen – nicht nachhaltig konsumiert, haben nachhaltige Geldanlagen einen ungebrochen starken Zuspruch. Ivo Mugglin leitet die Fachstelle Sustainable Investing bei PostFinance und erklärt, welche grossen Missverständnisse es beim nachhaltigen Anlegen gibt, wie wir nicht in die Greenwashing-Falle tappen und was wir mit unserem Geld Positives bewirken können.

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nachhaltiges Anlegen

Wer nachhaltig anlegen will, sollte sich gut beraten lassen und unbedingt auch Fragen stellen.  Bild: istock.com

Ivo Mugglin, PostFinance vermittelt auf ihrer Website, dass eine Geldanlage mit Verantwortung einhergeht. Welche konkreten Hebel haben Kundinnen und Kunden diesbezüglich?

Eine Entscheidung vorneweg, die zentral ist: Wir müssen zuerst wissen, ob eine Kundin oder ein Kunde eher interessiert ist an verantwortungsbewussten oder nachhaltigen Anlagen – oder ob er oder sie keine besonderen Präferenzen hat.

Verantwortungsbewusst oder nachhaltig? Da würden die meisten Leute wohl sagen: Das ist doch das Gleiche!

Ist es aber nicht. Seit Anfang 2024 wird unterschieden zwischen verantwortungsbewussten und nachhaltigen Geldanlagen. Erstere zielen darauf, finanzielle Risiken zu reduzieren, die sich aus Umwelt-, Sozial- oder Governance-Faktoren (ESG) ergeben. Bei nachhaltigen Anlagen steht dagegen im Vordergrund, eine positive Wirkung auf Umwelt oder Gesellschaft zu erzielen.

Was ist damit gemeint?

Bei nachhaltigen Anlagen steht das Erreichen eines positiven Effekts im Vordergrund. Die Investition soll mit ökologischen oder sozialen Zielen vereinbar sein oder aktiv zu deren Erreichung beitragen.

Können Sie ein Beispiel für verantwortungsbewusstes Anlegen geben?

Wenn wir überlegen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf Firmen wie Nestlé hat – etwa auf die Kaffeeproduktion –, ist das finanziell relevant. Es geht dabei nicht um die Wirkung der Firma auf die Umwelt, sondern um die Finanzrisiken für das Unternehmen, wie Hitzewellen oder Überschwemmungen. Bei nachhaltigen Anlagen hingegen geht es darum, was meine Investition fürs Klima bewirkt.

Inwiefern können Kleinanlegerinnen und Kleinanleger überhaupt etwas bewirken? Sind es nicht exklusiv die Schwergewichte wie die Pensionskassen, die Veränderung ermöglichen?

Jede Person hat einen Einfluss dadurch, wie sie ihr Geld investiert. Der Einfluss ist für Einzelpersonen kleiner, als jener einer Pensionskasse. Die Summe aller Menschen hat aber einen spürbaren Einfluss. Es bleibt jedoch schwierig zurückzuverfolgen, wie viel CO2 dank einer einzelnen Investition eingespart wurde. Oder welchen Anteil ich hatte, dass das Kohleunternehmen nicht mehr zum Kredit gekommen ist. Aber in der Summe aller Kleinanlegerinnen und Kleinanleger hat es immer eine Wirkung.

Werden die Finanzanlagen in unserem Klima-Fussabdruck generell unterschätzt?

Der WWF hat ein Ranking der Top-Hebel für Privatpersonen gemacht. Neben Wahlen und Abstimmungen gehören demnach auch Finanzanlagen zu den wirksamsten Möglichkeiten, das Klima zu beeinflussen.

Nachhaltige Investitionen

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die Kaffeeproduktion und damit Firmen wie Nestlé? Bei verantwortungsbewusstem Anlegen geht es um solche Fragen.  Bild: istock.com

Die Klima-Allianz Schweiz hat mit Daten des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) berechnet, dass die in der Schweiz finanzierten Emissionen 20-mal höher liegen als die direkt verursachten Emissionen unseres Landes. Der Klima-Fussabdruck des Schweizer Finanzplatzes ist also gigantisch.

Der Schweizer Finanzplatz ist gross und international relevant. Die investierten Gelder haben weltweite Auswirkungen – und damit einhergehend kommt auch Verantwortung.

Was macht denn eine Geldanlage per Definition nachhaltig?

Seit September 2024 gilt laut der Schweizerischen Bankiervereinigung: Eine nachhaltige Geldanlage muss eine messbare Wirkung auf Nachhaltigkeitsziele haben. Wie das gemessen wird, hängt vom Finanzinstitut ab – und genau darin liegt die Herausforderung.

Wie setzt PostFinance diese Neuerungen um?

PostFinance bietet derzeit noch keine Anlage mit Wirkung an, arbeitet aber an einem nachhaltigen Vermögensverwaltungsmandat mit Klima-Netto-Null-Ziel. Wir fokussieren uns auf das Klima, weil sich dieses Ziel messen und nachvollziehen lässt.

Was bedeutet diese Mandatslösung "nachhaltig Klima" konkret?

Wir verfolgen das Klima-Netto-Null-Ziel. Innerhalb dieses Ziels heisst das für uns: Wir wollen nicht in klimaschädliche Industrien, sondern in klimafreundliche Lösungen investieren und die Transformation der Wirtschaft fördern. Dabei wählen wir Fonds aus, die das Klima-Netto-Null-Ziel glaubwürdig umsetzen. Wir deklarieren eine Verträglichkeitswirkung. Gemäss Bundesrat soll man zwischen «Verträglichkeit» und «Beitrag» unterscheiden.

Wo liegt der Unterschied?

Verträglichkeit heisst, dass man indirekt wirkt, etwa durch Investitionen in Unternehmen, die sich auf den Weg zu Netto-Null begeben. Ein Beitrag bedeutet, dass dank der Investition nachweislich CO₂ reduziert wird. Unser Mandat ist ein Verträglichkeitsprodukt, kein Beitragsprodukt.

Die Anlegerinnen und Anleger wollen nicht in die Greenwashing-Falle tappen. Wie sollen sie vorgehen?

Greenwashing ist meist ein Kommunikationsproblem – die Diskrepanz zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was tatsächlich passiert. Wenn du jemandem sagst, dieses Finanzprodukt kompensiere drei Flüge nach New York und spare so viele Tonnen CO₂, aber das nicht effektiv bemessen kannst. Oft beruhen fragwürdige Nachhaltigkeitsversprechen auf übertriebenen oder unpräzisen Aussagen. Wichtig ist, dass Kundinnen und Kunden kritisch nachfragen.

Viele sind bei all den Labels überfordert. Welche Standards sind relevant, wenn ich klimafreundlich investieren will?

Die Labels decken meist mehrere Nachhaltigkeitsthemen ab. Die Kundenberatung spielt deshalb eine zentrale Rolle: Kundinnen und Kunden sollten nachfragen, was die Bank unter nachhaltigen und verantwortungsbewussten Anlagen versteht – und was nicht.

Es gibt nachhaltige Fonds, in denen Firmen wie Shell oder Exxon enthalten sind. Wie lässt sich das erklären?

Es kommt darauf an, wie das Institut Nachhaltigkeit definiert. In unserem neuen Mandat wäre es möglich, dass wir in Unternehmen mit höheren Emissionen investieren – etwa in der Zementindustrie –, wenn sie klare, wissenschaftlich basierte Klimaziele verfolgen und sich auf einem Transformationspfad befinden.

 

Grünes Lebensgefühl

Begrünte Fassaden haben eine Wirkung auf die Wohnungstemperatur – wie der Impact des angelegten Vermögens aufs Klima.  Bild: istock.com

Und was ist mit dem Fall von Shell?

Der Fall von Erdölunternehmen wie Shell hat sich im Prinzip erledigt: Sie haben ihre Klimaziele aufgegeben. In einem nachhaltigen Mandat mit Klima-Netto-Null-Ziel wäre ein Investment heute nicht vertretbar.

Der MSCI World ESG Leaders Index enthielt lange Anteile von Öl- und Gasunternehmen. Warum?

Das ist genau der springende Punkt und verweist auf die Unterscheidung zwischen «Risiko» und «Wirkung» – also verantwortungsbewusst und nachhaltig. Der MSCI ESG bewertet, wie gut ein Unternehmen ökologische und soziale Risiken im Griff hat – nicht seine Wirkung aufs Klima. Das erklärt, warum solche Firmen teilweise hohe ESG-Ratings erhalten.

Ich bin ein Anleger mit mässig viel Wissen im Finanzbereich, möchte aber klimaverträglich anlegen. Worauf muss ich achten?

Die Swiss Climate Scores sind beispielsweise Kennzahlen, die Orientierung schaffen. Sie helfen, die Wirkung einer Geldanlage aufs Klima zu erkennen. Sie zeigen etwa den CO₂-Fussabdruck, den Klimapfad oder ob Unternehmen aktiv im Dialog stehen. PostFinance weist diese Werte für alle Fonds und Vermögensverwaltungsmandate aus.

Das Konsumverhalten war zuletzt nicht besonders nachhaltig – etwa mit Rekordzahlen beim Fliegen. Zeigt sich das auch beim Anlegen?

Nein, im Gegenteil. Die Swiss Sustainable Finance Marktstudie 2025 zeigt, dass nachhaltige Anlagen weiter zunehmen – überproportional zum Gesamtmarkt. Besonders Privatanlegerinnen und -anleger treiben das Wachstum.

Wie viel Prozent der Bevölkerung legt das Geld nachhaltig an?

Gemäss Studien der HSLU aus dem Jahr 2024 interessiert sich rund die Hälfte der Bevölkerung für nachhaltige Investitionen.

Was wäre eine wichtige Botschaft für die Kundinnen und Kunden?

Nicht jedes Produkt passt für alle. Anlegerinnen und Anleger sollten ihre Wünsche klar äussern, Fragen stellen und sich bewusst machen, welchen Einfluss ihr Geld haben kann. Das ist Teil der persönlichen Verantwortung.

 

Ivo Mugglin leitet die Fachstelle Sustainable Investing bei PostFinance. Die Fachstelle überwacht die Nachhaltigkeitsziele im Asset-Management-Bereich, verbessert die Transparenz hinsichtlich nachhaltiger und verantwortungsbewusster Geldanlagen der PostFinance und arbeitet bei der Produktausgestaltung mit.  

Ivo Mugglin

Wie sieht mein CO2-Fussabdruck aus?

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In Kooperation

Dieser redaktionell produzierte Beitrag entstand im Rahmen der Kooperation mit PostFinance. Er entspricht den Nachhaltigkeitsanforderungen von Go Green.

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Autor:in: Go
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gogreen.ch
Kommentare
  • Avatar-Foto Nisa:

    Nachhaltigkeit beim Investieren ist und bleibt für Bankkund*innen ein komplexes und mässig transparentes Thema (auch mangels Standardisierung). Umso wichtiger ist es, das Thema immer wieder zu beleuchten. Danke für den Beitrag!

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