Nachhaltiges Design: Zu einem selber gemachten Möbel gibt es eine natürliche Verbindung und wir behalten es entsprechend lange – aber die emotionale Bindung entsteht nicht nur auf diesem Weg. Bild: istock.com
Aus einer radikal ökologischen Perspektive ist «refuse» das Beste. Wir sollten möglichst wenig konsumieren. So wie unsere Wirtschaft heute aufgestellt ist, beisst sich das natürlich mit den ökonomischen Ansprüchen. Ein Möbel möglichst lange zu nutzen, ist aber ein zentraler Aspekt für die Nachhaltigkeit. Die Industrie ist also gefordert, um kreative und innovative Lösungen und Services zu entwickeln. Hier nehme ich ein Umdenken in der Einrichtungsbranche wahr. Blickt man jedoch ganzheitlich aufs Wohnen, haben die Gebäude einen viel grösseren Fussabdruck als die Möbel.
Hier gilt es zwischen fixen Installationen und mobilen Gegenständen zu unterscheiden, bzw. zwischen der funktionellen und der ästhetischen Lebensdauer. Bei der Waschmaschine steht die funktionelle Lebensdauer im Vordergrund, bei einem Esstisch die ästhetische. Der Kauf von mobilen Einrichtungen ist getrieben von Stil, Geschmack und Trends. Die Ästhetik bestimmt die Lebensdauer stark mit. Denn aus ökologischer Sicht kann ein Möbelstück eigentlich nicht zu lange genutzt werden. Je länger, desto besser.
Ikea ist ein Gigant. Beim Einkauf des Holzes gibt es grossen Verbesserungsbedarf. Da werden ganze Waldflächen einfach abrasiert – das ist schrecklich. Daher ist es wichtig, dass wir auch beim Möbel immer mehr auf den Herstellungsprozess und die Herkunft achten – wie bei Fleisch oder Kleidern. Und ja, die Möbel halten tendenziell weniger lang als ein teureres Produkt aus Massivholz. Ikea hat einmal ein Bett einer Deutschen Marke kopiert. Dazu gab es auch einen Gerichtsfall. Die Betten sahen zum Verwechseln ähnlich aus. Wenn man jedoch in das Möbel von Ikea auseinandernahm, war der Unterschied frappant: Anstatt Massivholz wurde Pappkarton und Furnier benutzt. Feuchtigkeit, mechanischer Belastung und so weiter hält das natürlich weniger lange stand.
So pauschal würde ich das nicht sagen. Ikea verfolgt auch gute Ansätze, z.B. mit «zweite Chance Markt» für Secondhand-Möbel. Ausserdem ist es auch eine Frage des Portemonnaies. Für Leute mit kleinerem Budget ist Ikea puncto Preis und Design eine gute Option. Oder auch für junge Leute, die auch beim Stil noch flexibler sind. Ältere Leute sind da eher schon gesetzt.
Ein Wohnzimmer, das nicht überladen, dafür hochwertig und langlebig eingerichtet ist: ein Möbelstück kann aus ökologischer Sicht nicht zu lange genutzt werden. Nachhaltiges Design darf auch etwas kosten – muss aber nicht. Bild: istock.com
Es gibt unendlich viele Wohnblogs, von denen man sich inspirieren lassen kann. Und ich empfehle, eine Wohn- und Stilberatung in Anspruch zu nehmen. Es gibt hier ganz niederschwellige Beratungsangebote, oftmals gleich beim Händler oder Verkaufsgeschäft. Und ich sage auch immer, dass man auf die Veränderbarkeit und Anpassbarkeit achten soll: Wo steht das Sofa in fünf Jahren? Kann man es aus- oder umbauen, höher oder niedriger machen, neu beziehen, gut reinigen etc.? Adaptierbare und anpassbare Systeme bieten ebenfalls tolle Möglichkeiten. Wir gehen ausserdem durch verschiedene Lebensphasen und Einrichtung hat auch immer etwas mit Status zu tun hat. Zum Beispiel haben wir im Alter andere Anforderungen an die Sitzhöhe eines Stuhls, oder ein Jus-Student hat einen anderen repräsentativen Anspruch an seine Einrichtung als ein Anwalt. Wir sollten also immer in Optionen denken. Und was es leider immer weniger gibt und wir manchmal vergessen: Der Schreiner im Ort, der Möbel bauen, umgestalten oder aus einem schönen alten Parkettboden etwas Neues zimmert. Und das gibt den Dingen auch eine Geschichte.
Unbedingt! Der emotionale Bezug ist zentral. Wenn ich eine emotionale Verbindung zu einem Möbelstück habe, spielt die Ästhetik keine Rolle mehr. Schon beim Kauf sollten wir nicht nur darauf achten, ob es uns gefällt, sondern auch überlegen, was wir damit machen wollen. Lese ich hier Bücher mit meinen Kindern? Ist das unser Familientreffpunkt in der Küche? Verbringe ich hier warme Sommerabende mit Freunden?
Zunächst müssen wir uns damit auseinandersetzen, was wir wollen und wofür, und welche Stilvorstellungen wir haben. Dabei lassen wir uns häufig von Stilwelten leiten. Weiter sollten wir darauf achten, ob ein Möbelstück anpassbar und neu platzierbar ist: Könnte man es in einem anderen Raum nutzen? Gefällt es mir in zehn Jahren wohl noch? Würde ich es meinen Kindern vererben? Dann können wir in Erfahrung bringen, woher das Möbel kommt, wer es unter welchen Bedingungen hergestellt hat und welche Materialien darin verbaut sind. Da kann eine Geschichte und emotionale Bindung bereits ihren Anfang nehmen. Und ein paar praktische Gesichtspunkte würde ich ebenfalls berücksichtigen: Wie lange ist die Garantie? Ist eine Bemusterung möglich?
Ja, und es wäre wichtig, dass die Konsumentinnen und Konsumenten mündiger werden. Deswegen sollten wir uns informieren und nachfragen. Denn auch wenn der Kauf nicht perfekt nachhaltig ist: Wenn Konsumentinnen und Konsumenten sich für Nachhaltigkeit interessieren, kommt Bewegung in die Sache. Wir sollten uns also nicht davor scheuen, auch bei Einrichtungsgegenständen Fragen zu ökologischen und sozialen Gesichtspunkten zu stellen.
Verbundwerkstoffe sind problematisch, z.B. verklebtes Laminat oder Multiplex-Platten. Sie können schlecht rezykliert oder wiederverwendet werden, d.h. die Kreislauffähigkeit ist gering. Manche enthalten auch Schadstoffe. Ansonsten sind viele Materialien eigentlich sehr «jungfräulich» und lassen sich gut wiederverwenden. Vieles kann repariert und umgestaltet werden, aber es braucht die nötigen Fachkenntnisse. Beim Reparieren ist auch wichtig, dass die Ersatzteile noch verfügbar sind. De Sede behaltet beispielsweise alle Schnittmuster auf, sodass sich ein Sofa noch Jahre später neu beziehen lässt.
Das kommt sehr auf das Material an. Bei Holz, Metall oder Textilien gibt es unterschiedliche Entwicklungen und Sprünge. Textilien können gut weiterverarbeitet werden, bei Metall und Keramik ist es schwierig. Die Materialforschung ist jedoch an diesen Themen dran und die Entwicklung wird durch Regulierungen in der EU mit Vorgaben zur Kreislauffähigkeit beschleunigt.
Michael Krohn ist Professor, Designer, Dozent und Experte in Nachhaltiger Entwicklung an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Dort co-leitet er den CAS Studiengang «Atmospheric Design» und die Einheit «re-source | Sustainability in the Arts». Diese ist Teil des Dossier Nachhaltigkeit und trägt zur nachhaltigen Bildung und Entwicklung in der Hochschule bei.
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