Niko Rittenau:
"In-vitro-Fleisch
sollten wir
begrüssen!"

10 Minuten
25. April 2022

Niko Rittenau ist Ernährungswissenschaftler mit Fokus auf pflanzliche Ernährung, Koch, Bestsellerautor („Vegan-Klischee ade!“) und populärer Youtuber. Im Interview sagt er, warum Menschen Analphabeten in Ernährungsthemen sind, dass ihm Parmesan fehlt und warum wir In-vitro-Fleisch begrüssen sollten.

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Niko Rittenau

Niko Rittenau: „Fleisch und Käse sind geschmacklich grossartige Dinge – aber sie sind halt in der Produktion problematisch.“ Bild: Lars Walther

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Niko Rittenau, Tierethik, Gesundheit und Umwelt sind Gründe, warum Menschen auf tierische Produkte verzichten. Wann und warum wurden Sie Veganer?

Niko Rittenau: Ich wurde 2013 Veganer. Und es waren ausschliesslich ethische Gründe, die mich dazu führten. Über die ökologischen Folgen war ich zuwenig informiert. Und bezüglich gesundheitlicher Folgen war es eher so, dass alle meine Freunde die Hände über dem Kopf zusammenschlugen und meinten, ich würde auf jeden Fall Mängel kriegen.

„Die Tierethik war ganz klar mein Antrieb“

All die fehlenden Vitamine und Mineralien!

Niko Rittenau: Ja! ‘Wo nimmst du dein Eisen her ohne Fleisch? Dein Calcium ohne Milch? Wo dein Omega 3 ohne Fisch?’ Weil ich mich so unsicher fühlte, war die Tierethik die offensichtlichste Komponente und Motivation. Und weil ich so unsicher war, begann ich mit einem Studium im Bereich der Ernährungswissenschaft. Im Rahmen des Studiums bildete ich mich auch privat fort und lernte, dass pflanzliche Lebensmittel im Durchschnitt ressourceneffizienter und damit klimaschonender als tierische Lebensmittel sind. Wir können zwar immer ein einzelnes Schwein unsere Essensreste fressen lassen und eine Kuh auf eine Weide stellen, um quasi Gras zu Milch zu Milch zu machen. Aber so wie wir die Welt ernähren müssen, sind tierische Organismen nicht sehr nachhaltig. Weil sie viel Energie für sich benötigen, die Wiederkäuer Methan ausstossen und so weiter.

Wirst du in Zukunft In-vitro-Fleisch konsumieren?

Ein Klimaschützer könnte auch einfach massiv Fleisch reduzieren, meinen Sie?

Niko Rittenau: Man muss ehrlich sein: eine wirklich konsequent vegane Ernährung kann im Kern aber auch nur ethisch motiviert sein. Denn die Tierausbeutung kann im kleinen Rahmen auch nachhaltig und für sich selber gesund gestaltet werden. Tierische Produkte sind nicht per se ungesund, kleine Mengen nicht per se umweltschädlich. Es war gut zu sehen, dass eine vegane Ernährung auch positive Klimafolgen hat. Aber die Tierethik war ganz klar mein Antrieb.

„Ziel ist eine Ernährungsweise, die soweit wie möglich frei von Tierausbeutung ist“

Ist es zielführend, den Menschen die Abgründe der Tierausbeutung zu zeigen, wie es die ausführliche Dokumentation Dominion gemacht hat? Macht eine Schocktherapie Sinn?

Niko Rittenau: Das ist eine der grossen Diskussionen in der veganen Bewegung, die da uneins ist und ganz unterschiedliche Positionen hat. Wir können nicht sagen, dass nur eine Methode der Goldstandard für alle ist. Ich denke, im grossen Ganzen reagieren Menschen nicht gut auf Schockbilder, wie sie solche Dokumentationen zeigen. Ein kleiner Teil reagiert zwar darauf und zieht die Konsequenzen, ein grösserer Teil aber wird abgeschreckt. Und manchmal bewirkt man gar das Gegenteil. Das ist auch der Grund, warum meine Kommunikation sehr undogmatisch und ergebnisoffen ist. Mein Ziel ist, dass wir eine Ernährungsweise finden, die soweit wie möglich und im Alltag umsetzbar frei von Tierausbeutung ist. Aber ich kommuniziere aktuell vor allem ganz stark die Reduktion des Konsums. Denn es fällt den meisten Menschen einfacher, kleine Schritte zu machen. Und diese vielen kleinen Schritte akkumulieren sich.

„Es macht für die Tiere keinen Unterschied, ob die halbe Welt vegan wird oder die ganze Welt den Konsum reduziert“

Sie meinen, für die Welt ist es besser, wenn viele Menschen weniger Fleisch essen.

Niko Rittenau: Ja. Der US-amerikanische Autor Jonathan Safran Foer, der «Everything is Illuminated» und «Tiere essen» geschrieben hat, meinte in einem Interview sinngemäss: «Es macht kurzfristig für die Tiere und die Welt keinen Unterschied, ob die halbe Welt vegan wird oder ob die gesamte Welt den Konsum tierischer Produkte reduziert.» Das zweite Szenario ist einfach sehr viel wahrscheinlicher. Wenn sich das in der Gesellschaft einmal durchgesetzt hat, dass es wichtig ist, weniger Tierprodukte zu essen, dann werden Menschen auch offener sein für Alternativen. Sei es pflanzliches Fleisch, pflanzliche Käsealternativen oder in ein paar Jahren die Produktion von Fleisch aus Zellkulturen. Spätestens wenn diese Technologien günstig, weitverbreitet und weitflächig erhältlich sind, wird sich diese Frage ja eh nicht mehr so gross stellen.

Niko Rittenau: „Das Tierleid ist niemandem egal, aber nicht ausschlaggebend“

Und bis dahin?

Niko Rittenau: Bis dahin müssen wir die Übergangsphase so positiv wie möglich gestalten. Denn Menschen mögen nicht schlecht über sich selbst denken. Auch gute Menschen können schlechte Dinge machen. Und auch abseits der Ernährung machen die meisten Menschen schlechte Dinge. Weil wir nicht immer alle Konsequenzen unseres Handelns sehen oder abschätzen können. Darum – obwohl ich Ernährungswissenschaftler bin und privat vegan lebe – poche ich nicht auf diesen einen Punkt. Denn es ist einfach ein Problem unter vielen. Es ist ein schwerwiegendes und weitreichendes Problem. Aber ich gewichte es nicht übermässig.

Eine schwedische Studie besagt, dass Menschen ihren Konsum von tierischen Produkten nicht wegen der Tierethik oder aus Umweltbedenken verkleinern, sondern vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Sollte darum der Gesundheitsaspekt stärker ins Zentrum der Diskussion rücken?

Niko Rittenau: Es kann kurz- und mittelfristig effektiv sein. Ich weiss nicht, ob es langfristig eine gute Idee ist. Weil die Datenlage es einfach nicht zeigt, dass der Konsum von tierischen Produkten per se gesundheitlich problematisch ist. In der aktuellen Menge und Qualität, welche die Menschen konsumieren, schon. Für die Gesundheit würde eine starke Reduktion beziehungsweise eine bessere Qualität vollkommen ausreichen. Solange das Lebensmittelsystem nicht auf die Bedürfnisse sich pflanzlich ernährender Menschen eingestellt ist, ist es derzeit noch etwas mehr Arbeit, sich gesund vegan zu ernähren als gesund mischköstlich. Ich bin darum nicht der Meinung, dass der Zweck jemals alle Mittel heiligt. So gut auch das Ziel wäre. Daher sollten wir kommunizieren, dass es gut und wichtig ist, pflanzenbetonter zu essen.

„Ich lebe vegan, weil ich es heute problemlos kann“

Die Summe der Argumente macht es also aus.

Niko Rittenau: Die Weltgesundheit, die durch die aktuelle sogenannte Nutztierhaltung bedroht wird, ist aus gesundheitlicher Sicht in Bezug auf den Konsum von Fleisch noch eher ein Thema, dass es sich lohnt, anzusprechen. Die Pandemie hat viele sensibilisiert, dass die weltweite Tierhaltung auch einen grossen Einfluss auf uns haben kann. Stichwort Zoonosen. Das Thema Antibiotika-Resistenzen ist sicher ein Thema, das zukünftig auch viele Menschen sensibilisiert. Das Tierleid ist niemandem völlig egal, aber Menschen sind gut darin, das auszublenden. Aber alle würden lieber kein Tier töten, wenn es eine gute Alternative gibt, um Fleisch auch ohne Tötung zu erhalten. Und die Umwelt kommt dazu. Die Summe wiegt sehr schwer. Darum müssen wir nichts herauspicken. Vegan leben tue ich, weil ich – und jede:r andere – es heute problemlos kann. Und all die Tierausbeutung, die Umweltverschmutzung etcetera nicht sein muss.

Niko Rittenau: „Viele Menschen sind leider Analphabeten in Ernährungsthemen“

Wie wichtig ist Aufklärung in Bezug auf tierische Lebensmittel? Dass für Milch Kälber sterben, Kühe dauergeschwängert werden und nur einen Viertel der normalen Lebenszeit haben, normale Hühner niemals 365 Eier pro Jahr legen würden, sondern…

Niko Rittenau: …in der Natur ohne Überzüchtung nur wenige Dutzend!

Und dass Hühner nach einem Jahr aussortiert und vergast werden, nur weil die Legequote von einem Ei pro Tag auf 0,9 oder 0,8 sinkt. Ist es nicht erschreckend, wie wenig wir über die Ernährungsproduktion wissen?

Niko Rittenau: Ich erwähne es immer wieder: Viele Menschen sind leider Analphabeten in Ernährungsthemen. Das hat nicht mit unserer Ignoranz zu tun, sondern primär in der mangelnden Bildung. Die meisten Menschen hatten niemals Ernährungslehre in der Schule. Wenig überraschend, dass sie dann jedem Ernährungstrend auf den Leim gehen, leicht manipulierbare Konsumenten sind und die Auswirkungen ihrer Ernährungsweise nicht auf dem Schirm haben.

Niko Rittenau:“Es ist wenig überraschend, dass die Menschen leicht manipulierbare Konsumenten sind“

Ist die Fleisch- und Milchlobby auch einfach zu stark, um mit Argumenten für eine moderatere und pflanzlichere Ernährungsweise anzukommen?

Niko Rittenau: Ich glaube, wir sollten das mit den bösen Lobbys nicht überbewerten. Niemand muss Leute manipulieren, damit sie Fleisch und Käse toll finden. Das sind geschmacklich grossartige Dinge, mit denen wir kulturell aufgewachsen sind. Sie sind halt nur in der Produktion problematisch. Menschen mögen Fleisch und Milch so sehr, dass sie sehenden Auges die Ausbeutung der Tiere dulden. Solange auf der Milchpackung glückliche Kühe zu sehen sind. Und beim Fleisch kein Hinweis, dass dies einmal ein fühlendes Lebewesen war. Leute sind offen, wegzuschauen. Aber das betrifft ja nicht nur die Ernährung.

„Der springende Punkt für Veränderung wird die Verfügbarkeit von ethischen, ökologischen und gesundheitsförderlichen Alternativen sein“

Niko Rittenau Auftritt

Rittenau ist begehrter Redner an Messen wie der Veggieworld Zürich. Bild: Karsten Günther

Sondern jeglichen Konsum.

Niko Rittenau: Ja, sehr viele Menschen tragen Kleider aus Kinderarbeit. Sehr viele Menschen wissen, was der Individualverkehr für die Umwelt bedeutet. Und trotzdem machen sie nichts anderes. Die Bequemlichkeit ist der Grund. Beziehungsweise die mangelnde Verfügbarkeit einer bequemen Variante, um etwas umzustellen. Darum ist die Aufklärung zwar wichtig, aber der springende Punkt für Veränderung wird die weitflächige Verfügbarkeit von ethischen, ökologischen und gesundheitsförderlichen Alternativen sein. Die dürfen auch nicht mehr kosten, sondern sind im Optimalfall sogar günstiger. Dann wird eine Ernährungswende leicht möglich sein.

Niko Rittenau: „Viele Fleischproduzenten sehen sich immer mehr als Proteinproduzenten“

Sollte die Politik da Einfluss nehmen?

Niko Rittenau: Die Politik hätte eine zentrale Rolle, wird diese aber aus meiner Sicht leider in absehbarer Zeit nicht einnehmen. Und das muss auch nicht zwingend sein. Denn die Lebensmittelindustrie wird das von innen heraus machen. Viele Fleischproduzenten sehen sich immer mehr als Proteinproduzenten. Sie haben plötzlich eine vegane Alternativlinie, investieren in Zellkultur-Startups. Um sich der Transformation zu öffnen. Und für die meisten Unternehmen ist es egal, was sie verkaufen. Sie wollen erfolgreich sein und Gewinn machen. Und hoffentlich haben sie das Selbstverständnis, hochwertige Lebensmittel bereitzustellen. Ob für das Stück Fleisch ein Tier sterben muss oder nicht, ist im schlechtesten Fall dem Unternehmen egal. Im besten Fall nimmt es gerne die andere Alternative.

Weil…

Niko Rittenau: … es zukünftig durch neue Technologien unökonomischer sein wird, ein Tier heranwachsen zu lassen, als eine Zellkultur oder eine Pflanze, die wir zu einem Schnitzel verarbeiten. Daher bin ich sehr optimistisch. Ich möchte auch gar nicht mit dem Finger zeigen. Wir müssen gar niemandem die Schuld geben. Wir sind da kollektiv hineingewachsen. Zukünftige Generationen – das merke auch ich schon, wenn ich mit denen spreche – die haben schon ein ganz anderes Selbstverständnis gegenüber ihrem Essen als meine Generation oder gar meine Eltern und Grosseltern hatten.

Niko Rittenau: „Im Kochunterricht war das Tierische der Star im Teller“

Essen ist Kultur. Wie offen sind die Menschen in Ihrer alten Heimat Klagenfurt – oder in Österreich generell – gegenüber Veränderungen? Kennen Sie viele Bauern, die beispielsweise umstellen auf tierfreie Landwirtschaft?

Niko Rittenau: Ich erinnere mich, wie ich zwischen 14 und 18 Jahren die Ausbildung zum Tourismuskaufmann gemacht habe. Dort waren tierische Produkte im Ernährungsunterricht ganz klar Bestandteil der Ernährung. Im Kochunterricht war das Tierische der Star im Teller. Alles andere waren Beilagen. Als ich damals fragte, ob ich eine fleischfreie Abschlussprüfung machen könnte, war es ausgeschlossen. Es hiess: Entweder bereitet du bereitest Fleisch zu oder die Ausbildung endet hier für dich. Und auch in Servier-Kunde war es selbstverständlich, dass wir lernen müssen, wie man Fisch filetiert, Fleisch tranchiert und so weiter. Seit ein paar Jahren können Schüler dort aber auch eine vegetarische Abschlussprüfung machen. Die Offenheit hat sich wahnsinnig verändert.

„Wenn dein Einkommen von der Tierausbeutung abhängt, ist es schwer, eine Veränderung zu machen“

Und wie siehts in den Restaurants aus?

Niko Rittenau: Die Gastronomie hat sich auch stark verändert. Ich sehe, wieviele vegetarische und vegane Restaurants es gibt. Und wieviele vegane Angebote in einer nicht-veganen Gastronomie gibt. Kleine Bauernhöfe mit Schenken besuche ich zu wenig. Aber da wird nicht so viel passieren. Denn wenn dein ganzes Einkommen von der Tierausbeutung abhängt, ist es sehr schwer, sehenden Auges eine Veränderung zu machen. Es wird Verlierer geben in der Ernährungswende, wie es dies in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder gab. Aber die Zahl wird klein sein.

„Der einzige Berufsstand, den es nicht mehr geben wird, werden Schlachthausmitarbeiter sein“

Warum klein?

Niko Rittenau: Weil für beinahe alle aktuellen Akteure der Lebensmittelindustrie auch ein Platz in unserem Ernährungssystem der Zukunft sein kann, wenn sie sich früh genug umorientieren. Und am Ende des Tages wird die Gesellschaft auf wahnsinnig vielen Ebenen profitieren. Der einzige Berufsstand, den es nicht mehr geben wird, werden Schlachthausmitarbeiter sein. Das ist eine gute Sache. Denn dies ist ein Job, den sollte niemand machen müssen.

In einem Landgasthof ist das vegane Menü oft einfach ein Salat. Ist es zu schwierig für die Küche, etwas rein Pflanzliches anzubieten?

Niko Rittenau: Viele Gastrobetriebe sehen die Notwendigkeit nicht. Und gerade in ländlichen Gebieten ist das durchaus nachvollziehbar, weil es kaum nachgefragt wird. Wenn dann nicht zufällig der Sohn oder die Tochter des Betreibers vegan lebt – was es unproportional oft gibt – ändert das nicht. Aber mein Fokus ist auch nicht auf dem Land. Auch nicht bei den Bio-Bauernhöfen mit einer handvoll Tieren. Das sind auch nicht das Problem. Die grossen Stellschrauben sind ganz woanders.

Niko Rittenau: „In-vitro-Fleisch wird ein Teil des Proteinmixes der Zukunft sein“

Wenn wir von der Ernährungswende sprechen, müssen wir auch über Clean Meat - auch In-vitro-Fleisch und gezüchtetes Fleisch genannt – reden. Wir müssen es begrüssen, haben Sie auch schon gesagt. Kein Tierleid mehr, viel weniger Umweltbelastung…

Niko Rittenau: … und vieles weitere! Auch gesundheitlich kann es interessant sein.

Wird es sicher marktfähig werden? Und wenn ja, wie schnell wird es das andere Fleisch verdrängen?

Niko Rittenau: Die Frage ist nicht ob, sondern nur wann es kommen wird. Aber zumindest basieren sie auf einem Wissen. Die Forschung ist sich einig, dass Clean Meat ein Teil des Proteinmixes der Zukunft sein wird. Klassisches Fleisch wird – schon alleine aus kulturellen Gründen – nicht von heute auf morgen verschwinden. Aber von Generation zu Generation wird es Menschen absurder erscheinen, für ein Stück Fleisch ein Lebewesen töten zu müssen, wenn man es doch auch ökologischer und ethischer aus einer Zellkultur produzieren kann. Die genaue Zeitlinie ist noch spekulativ, aber die Unternehmensberatung A.T. Kearney geht beispielsweise davon aus, dass schon im Jahr 2040 etwa 60 Prozent des weltweit produzierten Fleisches nicht mehr von einem getöteten Tier stammen wird, sondern aus Zellkulturen oder Pflanzen.

Niko Rittenau:“Würstchen, Nuggets, Hamburger, kommen nicht mehr lange vom geschlachteten Tier“

In-vitro-Fleisch

In-vitro-Fleisch oder Clean Meat: Studien besagen, dass 2040 bereits über 60 Prozent des Fleisches nicht mehr vom getöteten Tier stammen. Bild: istock.com

Woher wissen die das?

Niko Rittenau: Pflanzenfleisch wird in den nächsten Jahrzehnten mehr ein Thema sein. Es wird einfacher zu produzieren sein. Denn der Grossteil des Fleisches wird nicht als Steak gegessen, es sind Würstchen und Hamburger. Dinge, die wir wahnsinnig einfach pflanzlich ersetzen können. Weil das Fleisch hier nicht die zentrale Rolle des Geschmacks bringt. Auch nicht für die Textur. Würstchen, Nuggets, Hamburger, kommen nicht mehr lange vom geschlachteten Tier. Auch nicht aus Zellkulturen, weils zu teuer wäre. In-Vitro-Fleisch kommt beim Thema Steaks und Filets zum Zug. Zellkultur-Fleisch wird sich dort nur nicht durchsetzen, wenn Pflanzenfleisch so gut wird, dass es überflüssig wird.

„Insekten als Nahrung? Keine sinnvolle Alternative“

Was ist mit Insekten als Protein?

Niko Rittenau: Ich halte das für keine sinnvolle Alternative. Es löst viele Probleme nicht, sondern verschiebt sie nur. Und die meisten Menschen sind kulturell eher ablehnend eingestellt gegenüber Mehlwürmern und Heuschrecken. Ich glaube, sie essen lieber einen Soja-Bratling als einen Insekten-Bratling. Darum nochmal: Clean Meat sollten wir begrüssen. Aber wir sollten es auch gut begründen.

Warum?

Niko Rittenau: Es klingt sehr futuristisch und im ersten Moment emotional falsch. Viele Menschen neigen ja dazu, diesem naturalistischen Fehlschluss anzuhaften, dass etwas natürlich sein muss. Da klingt es befremdlich, wenn ich sage: Ich nehme eine Zell-Biopsie aus einer Kuh und lasse den Muskel dann in einer Petrischale, beziehungsweise dann in einem grossen Tank wachsen. Das klingt für einige nach Frankenstein-Fleisch. Das Schöne ist aber – und das zeigen Untersuchungen – je mehr Menschen über den Prozess wissen und diesen verstehen, desto offener werden sie dafür. Wenn sie die ökologischen, ethischen und gesundheitlichen Vorteile kennen, möchten die meisten Menschen in Befragungen diese Art von Fleisch auch essen. Das ändert das gesamte Verhältnis von Produzenten zu Konsumenten.

„Wir können das Fleisch einer Kuh züchten, gleichzeitig bleibt das Tier am Leben“

Dann sind sie offen für In-vitro-Fleisch?

Niko Rittenau: Es führt uns zu einem interessanten Szenario. Aktuell lebt die Fleisch-, Milch- und Eierwirtschaft davon, den Konsument:innen ein falsches Bild ihrer Produkte und Tätigkeit vorzugaukeln. Würden sie das wahre Bild kennen, würden viele es nicht mehr wollen. Auf der anderen Seite haben wir eine Industrie, die darauf angewiesen ist, transparent ihre Produkte zu erklären. Denn wenn die Leute es verstehen, sind sie eher bereit, es zu konsumieren. Es gibt uns auch die Möglichkeit, viel mehr Bezug zum Lebensmittel zu kriegen, was auf den ersten Blick kontraintuitiv klingt. Denn wir würden denken, es ist viel näher, wenn ich hier eine Kuh habe und die dann schlachte. Aber das macht ja niemand von uns. Sondern irgendwer schlachtet irgendwo eine Kuh. Und die kommt dann über Umwege zu uns. Wenn wir eine Kuh nach Zürich stellen und aus aus einer einzigen Zellbiopsie dann 1000 Tonnen Fleisch für das ganze Umland produzieren, haben wir einen ganz anderen Bezug . Wir können sogar noch hin und sie streicheln und sie bleibt am Leben. Das ist das beste daran.

„Es sind Preis, Geschmack und Verfügbarkeit, die uns zum Kauf animieren“

Ist es eine reine Frage des Geschmacks oder der Ethik, welches Produkt wir schliesslich wählen? Wenn wir beispielsweise Hafermilch statt Kuhmilch oder Flora-based Milk trinken?

Niko Rittenau: Der Geschmack ist ein sehr grosser Faktor. Untersuchungen zeigen sehr deutlich: Es sind Preis, Geschmack und Verfügbarkeit, die uns zum Kauf animieren. Und nicht Ethik, Gesundheit oder Ökologie. Für die Zukunft ist das WARUM nicht so wichtig – es stösst auf mässiges Interesse. Aber das WIE. Wir müssen ihnen zeigen, wie man sich gesund, nachhaltig, ethisch ernährt und das ganze einfach ist, es weit verbreitet ist und lecker ist. Im Rahmen der zellbasierten Landwirtschaft kann man zukünftig neben Fleisch auch Milch, Eier und weitere tierische Produkte mit besserer Ökobilanz produzieren und auch diese werden auf Dauer preiswert, breitflächig verfügbar und schmackhaft sein.

„Mittels Zellbiopsie lösen wir auf einen Schlag soviele Probleme, dass es absurd wäre, wenn es nicht passiert“

Warum brauchen wir das denn noch?

Niko Rittenau: Um beispielsweise Käse zu produzieren. Für mich ist es gerade beim Käse so, dass pflanzliche Produkte gut sind, aber es ist kein klassischer Käse. Mich als früherer Parmesan- und Mozzarella-Liebhaber überzeugt da noch nichts komplett. Aber damit können wir es dann machen. Und theoretisch können wir jede mögliche Milch machen. Auch beim Fisch ist dann alles möglich. Plötzlich können wir Kugelfisch kultivieren – ohne das potenzielle Gift darin. Wir können jede Spezies kultivieren – aber wir müssen sie nicht halten. Denn wir brauchen nur eine winzige Zellbiopsie. Vom Huhn reicht eine Feder. Wir müssen ihm diese nicht mal ausreissen, sondern können eine nehmen, die heruntergefallen ist. Aus einer Sesamkern grossen Zellbiopsie können wir 10 000 Kilogramm Fleisch produzieren. Dann brauchen wir auch nicht mehr 80 Milliarden Tiere an Land plus unzählige Tiere im Meer, um die Welt zu ernähren. Damit lösen wir auf einen Schlag soviele Probleme, dass es absurd wäre, wenn es nicht passiert.

„Wir müssen Produkte ohne den negativen Rucksack produzieren“

Wie oft essen Sie Fleisch- und Käsealternativen?

Niko Rittenau: Sehr oft. Ich kenne und verstehe den Grund. Denn die wenigsten Veganer haben aufgehört, tierische Produkte zu essen, weil sie den Geschmack nicht mochten. Im Gegenteil. Ich brauchte lange Zeit, um ansatzweise davon wegzukommen. Ich träume auch heute noch von frischgeriebenem Parmesan, aber ich esse ihn aus ethischen Gründen nicht. Wir müssen es schaffen, Produkte zu kreieren, welche zwar nicht gleich sind, aber das gleiche Geschmackserlebnis und dieselbe Emotion transportieren. Produkte, die nicht teurer sind und im Optimalfall die Gesundheit begünstigen. Und die nicht den negativen Rucksack an Produktionsmethoden haben. Käse wächst nicht auf dem Baum und Fleisch nicht auf Sträuchern.

„Die Frage ist nur, ob etwas gesund oder ungesund ist, nachhaltig oder nicht nachhaltig, ethisch oder unethisch“

«Aber die vielen Zutaten!», heisst es dann.

Niko Rittenau: Jedes Lebensmittel hat viele Zutaten, wenn man es – wie bei Pflanzenfleisch – von Grund auf neu zusammenbauen würde. Und wenn wir beispielsweise schauen, welche biochemischen Stoffe alle in einer Blaubeere stecken; das sind 5 Zeilen mit allen möglichen unaussprechbaren chemischen Begriffen. Das macht die Blaubeere aber nicht schlecht. Wir sollten uns von alten Regeln wie «Wenn deine Grossmutter etwas nicht kannte, solltest du es nicht essen!» oder «Wenn etwas zu viele Zutaten hat, solltest du es meiden» lösen. Die Frage ist nur, ob etwas gesund oder ungesund, nachhaltig oder nicht nachhaltig ist, ethisch oder unethisch. Darum bin ich ein grosser Befürworter von Pflanzenfleisch und Zellkultur-Fleisch. Weil es uns ermöglicht, die Produktion vom Fleisch vom Tier zu trennen.

„Wir sollten die tief hängenden Früchte pflücken“

Es gibt Veganer, die das Wort «vegan» nicht mehr oft verwenden und gegen aussen nur noch sagen: Ich esse pflanzlich. Ist vegan so negativ belegt? Weckt es solche Abwehrreaktionen?

Niko Rittenau: Es ist nachvollziehbar, dass eine pflanzliche Ernährung weniger Emotionen weckt als eine vegane Ernährung. Das erste klingt nach kulinarischen Vorlieben, das zweite nach Philosophie und Weltsicht. Und Leute merken schnell, dass jemand nicht die gleiche Weltsicht hat. Das führt zu Unbehagen. Gerade wenn ihnen bewusst ist, dass es natürlich Gründe gäbe, vegan zu konsumieren. Es muss auch nicht die Mission bei jedem Abendessen mit Freunden sein, das zu debattieren. Darum ist es verständlich, wenn Leute einfach sagen, sie essen pflanzlich. Das soziale Gefüge leidet sonst vielleicht darunter.

„Viele vegan lebende Menschen haben noch vor ein paar Jahren gedacht: Vegan ist doch der letzte Blödsinn“

Wieviel Kritik schwappt Ihnen heute noch entgegen? Von Nicht-Veganern und Veganern, denen Sie vielleicht zu wenig radikal sind?

Niko Rittenau: Mir entgegnen deutlich weniger unreflektierte Vorurteile, da sich die Leute mit dem Thema schon auseinandergesetzt haben. Gerade auch von Journalisten. Mir gegenüber haben sich die meisten Menschen respektvoll verhalten, weil ich das auch tue. Ich biete auch keine Projektionsfläche. Weder von meinem Äusseren, noch von meiner Ansprache. Aber gewisse vegane Gruppierungen reagieren allergisch auf mich. Ich sei von der Fleischlobby eingeschleust, hiess es da auch schon, wenn ich eine kritische Bemerkung gegenüber dem Veganismus machte. Und einigen gefiel während der Corona-Zeit nicht, dass ich mich dezidiert für die Impfung eingesetzt hatte. Auch wegen der Tatsache, dass ich nicht dogmatisch bin. Weil ich nicht denke, dass es sinnvoll ist. Da bin ich einigen nicht vegan genug. Das verstehe ich. Und ich bin das bewusst nicht.

„Die Industrie reichert das Tierfutter seit Jahren an“

Sojamilch

Sojamilch sollte – wie alle Lebensmittel – gemäss Rittenau mit Vitaminen und Mineralstoffen angereichert werden. Bild: istock.com

Veganer müssen heute vor allem auf das Vitamin B12 achten, aber auch noch auf eine Reihe anderer Nährstoffe, damit sie gesund bleiben. Das ist – immer noch – eine grosse Achillesferse. Wie lässt sich das beheben?

Niko Rittenau: Deswegen bin ich ein grosser Verfechter der adäquaten Lebensmittel-Anreicherung. Auch wenn es physiologisch schlauer ist, die Nährstoffe vom Essen zu trennen. Denn in einer Pille weiss ich ganz genau, was ich bekomme. Beim Lebensmittel ungefähr. Aber die Leute mögen Natürlichkeit. Fälschlicherweise. Darum engagiere ich mich für eine breitflächige Anreicherung. Sowohl von Mischköstlichen als auch von veganen Lebensmitteln. Die Industrie reichert in der Mischkost das Tierfutter seit Jahren an. Nur sehen das die Leute nicht.

„Supplementierung ist ein notwendiger Zwischenschritt“

Gerade bei Schweinen.

Niko Rittenau: Im Prinzip überall. Hühner, Schweine, alles. Anreicherung ist gang und gäbe. Im Prinzip müssten Fleisch- und Milchersatzprodukte so angereichert werden, dass es für mich als Konsument keinen Unterschied macht, ob ich die Milch von der Kuh oder die Sojamilch trinke. Bis wir soweit sind, ist die Supplementierung ein notwendiger Zwischenschritt. Aber es ist eine Übergangslösung. Wir sehen auch schon in den USA, dass zum Teil die Anreicherung schon vorgeschrieben wird.

Aber auch wenn es angereichert ist, müsste ich als Laie doch viel rechnen, ob ich jetzt von diesem oder jenem Stoff noch mehr brauche?

Niko Rittenau: Nein, das ist die Kunst des Lebensmittel-anreicherns. Dass so angereichert wird, dass egal mit welcher gängigen Kombination von Lebensmitteln, eine Bedarfsdeckung immer garantiert ist. Und eine Überversorgung nicht möglich ist.

„Ein guter Multinährstoff kostet nur 30 Rappen pro Tag“

Wenn jemand sich von heute auf morgen pflanzlich ernähren will, was sind die wichtigsten Schritte?

Niko Rittenau: Ich habe auf meinem YouTube-Kanal eine kostenlose Videoreihe zu meinen 10 Tipps für gesunde vegane Ernährung. Wenn man diese gesehen hat und sie befolgt, macht man das Wichtigste richtig. Das hier zu wiederholen würde den Rahmen sprengen. Vegane Ernährung ist zwar keine Raketenwissenschaft, aber es gilt zumindest die wichtigsten Basics zu kennen und diese lassen sich auch nicht in wenigen Sätzen erklären

Schauen Sie eigentlich zuerst, was die Küche bietet, bevor Sie ein Hotel buchen?

Niko Rittenau: Zumeist nicht, weil ich ohnehin lieber ein Appartment mit kleiner Küche buche, um mich selbst versorgen zu können. Mittlerweile gibt es aber zumindest in den grösseren Städten überall eine Handvoll Hotels mit sehr gutem veganem Angebot, die man mit einer schnellen Google-Suche auch leicht findet.

 

Niko Rittenau ist ein österreichischer veganer Koch, Ernährungswissenschaftler und Autor. Durch sein im Jahr 2018 erschienenes Buch Vegan-Klischee ade! Wissenschaftliche Antworten auf kritische Fragen zu veganer Ernährung, das zum Bestseller wurde, erlangte er grosse Bekanntheit in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zuletzt trat er auch an der Veggieworld Zürich auf, wo dieses Interview geführt wurde.  

Der Journalist ist Co-Founder und Chefredaktor des Magazins
Go Green.
www.christianbuerge.com

Kommentare

  • Milena Tobler:

    Sehr spannender Artikel! Als Veganerin finde ich es immer wieder sehr inspirierend, dass Niko Rittenau sachlich und undogmatisch über viele Aspekte dieses oft sehr emotionalen Themas spricht.

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