Pascal Jenny: "Arosa 2030 hat starken Rückhalt"

8 Minuten
14. April 2022

Pascal Jenny ist Präsident von Arosa Tourismus, Präsident des Schweizer Handballverbandes, Gründer von kmu-nachhaltigkeit.ch und vieles mehr. Im Interview erklärt der Familienvater, 48, warum er so viele Projekte antreibt, wie er Arosa nachhaltiger gestalten will und wie bewusst er konsumiert.

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Pascal Jenny

Pascal Jenny, der Präsident von Arosa Tourismus: „Wir wollen bis 2030 klimaneutral sein, ganz klar!“ Bild: Arosa Tourismus

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Pascal Jenny, was machen Sie in Ihrem Berufsleben zu wieviel Prozent?

Ich stelle mir immer ein Viereck vor. Hier ist der Sport, wo ich Exekutivrat Swiss Olympic, Sporthilfe-Stiftungsrat und Präsident des Handball-Verbandes bin. Bei den ersten zwei Dingen bin ich Mitglied des Verwaltungsrats. Ich lese mich ein, diskutiere mit – das geht gut. Beim Handballverband habe ich als Präsident mit den Kolleg:innen des Zentralvorstands die komplette Verantwortung. Unter mir soll der Verband aktiver gegen aussen hin sichtbar werden und Veränderungsprozesse ins Ziel zu führen. Das ist aktuell circa ein Tag pro Woche. Einen Lohn kriege ich von Arosa Tourismus für das Mandat des Verantwortlichen für die Nachhaltigkeits-Strategie. Das sind um die 1,5 Tage. Und dann bin ich als Berater tätig, beispielsweise für  Knie’s Kinderzoo und ein paar Gemeinden, respektive Regionen. Spass macht auch das VR-Mandat bei den Säntis-Bahnen.

Wie wichtig ist dir Nachhaltigkeit in den Ferien?

Da wird einem ja schwindlig.

Ah, was bei Arosa noch dazukommt ist das Bärenland Arosa. Dort bin ich Präsident der Stiftung und Geschäftsführer. Ich bin im Sommer auch öfter vor Ort, diskutiere mit Leuten und unterstütze die Tierpflegenden. Das ist für mich Erholung. (lacht). Nicht vergessen möchte ich auch den wichtigen sozialen Teil mit der Stiftung «there-for-you», wo wir die Plattform betreuen. Und schliesslich mein derzeitiger Hauptfokus, das Startup kmu-nachhaltigkeit.ch. Dafür investiere ich knapp drei Tage pro Woche – inklusive Wochenende.

Pascal Jenny: „Ich fahre gerne mit dem Zug, darum fühle ich mich recht relaxed“

 

Wissen Sie am Morgen jeweils, welchen Hut Sie gerade tragen? Für wen sie unterwegs sind?

Ja, das ist eine gute Frage. Ich habe mir ein Tool namens Toggl zugelegt. Per Knopfdruck schalte ich dort jeweils das Projekt auf, an dem ich gerade arbeite. Am Abend schaue ich ins Programm, das mir zeigt: an diesen Projekten habe ich gearbeitet. Und soviel Zeit dafür investiert. Dann weiss ich, wo ich den Fokus für den nächsten Tag legen muss.

Wie halten Sie es mit persönlicher Nachhaltigkeit? Kommen Sie mit Ihren Kräften nicht ans Limit?

Ich achte auf meinen Geist und mein Verhalten, versuche mein Leben nachhaltig zu gestalten. Ich fahre gerne mit dem Zug, habe den Rucksack dabei. Und setze mich bewusst hin. Darum fühle ich mich recht relaxed. Ich arbeite im Zug, mache aber bewusst auch mal eine Viertelstunde die Augen zu. Und ich gehe sicher dreimal pro Woche entweder über Mittag oder am Abend joggen. Von daher bin ich gut unterwegs.

Aber?

Es gibt natürlich diese Tage, wenn ich nicht unter 100 ungeöffnete Mails komme. Dann meldet sich der Kopf und der Körper. Was ich gerne anders machen würde, wenn ich könnte, wäre mehr Zeit für Kinder und Familie zu investieren. Die Kinder sind 12, 10 und 6 Jahre alt. Heute morgen hat mich eine meiner Töchter am Arm gezogen und gesagt: «Warum musst du immer weg gehen?»

„Ich mache all diese Projekte gerne. Und ich fühle mich auch oft verpflichtet“

Sagen Sies mir!

Das ist die Krux. Weil ich eben auch all diese Projekte gerne mache. Und ich fühle mich auch oft verpflichtet. Wie mit dem Handballverband. Viele sagten: Mach das doch! Ich weiss, dass ich dem Sport als ehemaliger Profi und Nationalspieler soviel zu verdanken habe. Also habe ich ja gesagt.

Eine Verpflichtung fühlten Sie auch in Arosa.

Ja. Mein Ur-Urgrossvater war der erste Kurdirektor von Arosa. Der Weg war irgendwie vorgezeichnet. Und ich wollte und will noch immer unbedingt alles geben.

Wie kam Ihr Ur-Urgrossvater nach Arosa?

Er war Pfarrer in Basel und wurde lungenkrank. Also ging er nach Arosa in die Kur und blieb. Er arbeitete dort zuerst als Pfarrer. Um 1900 gab es dort zwei Tourismusvereine. Die fusionierten. Und weil sich die beiden früheren Vorsteher nicht einigen konnten, hiess es, der Pfarrer solls machen. Also wurde er Tourismusdirektor. Von 1902 bis 1910. Er baute in Arosa ein Haus. Sowohl mein Urgrossvater, als auch mein Grossvater wuchsen dort auf. Wir waren als Kinder immer in Arosa in den Ferien. Wir kannten nichts anderes. Und jetzt sind wir wieder zurück.

„Arosa blieb vor schlimmen Folgen bisher verschont. Wir haben das Glück, dass wir so hoch liegen“

Familienferien Arosa

Nachhaltiger Tourismus in Arosa: Die Destination spricht Familien an, die gerne auch länger bleiben und den eigenen ökologischen Fussabdruck so minimieren. Bild: Arosa Tourismus.

Arosa ist ein Postkarten-Idyll. Inwiefern spüren Sie die Auswirkungen des Klimawandels im Ort?

Arosa hat Glück. Das Dorf ist auf 1800 Metern Höhe gelegen. Dadurch ist es ziemlich schneesicher. Wir sehen etwas weiter unten auf 1400 Metern aber schon, dass oft der Schnee fehlt. Auch sonst blieben wir bisher recht verschont. Wir hatten keine schlimmen Unwetter oder Felsstürze, wie es sie andernorts gab. Aber wir spüren auch, wie sich das Klima verändert. Im Sommer sitzt du abends um zehn öfter mit einem T-Shirt noch draussen. Die Hitzewellen sind wahrnehmbar.

Auch Sie engagieren sich fürs Klima. Was ist Ihr Antrieb? Die möglicherweise schwieriger werdenden Lebensumstände der nächsten Generation?

Absolut. Vielleicht sehe ich das in meiner Lebenszeit nicht mehr. Aber auf die nächste Generation könnten drastische Auswirkungen zukommen, wenn wir egoistisch denken. Wir haben Verwandte in Argentinien. Viel Land, das in einer Stiftung ist. Mein Onkel war im Sommer da. Er erzählte, wie es drei Tage am Stück annähernd 50 Grad heiss war. Die sind nicht mehr aus dem Haus. Wenn man dies 1:1 von jemandem erzählt bekommt, den du kennst, fährt es dir in die Glieder.

Wie reagieren Sie privat darauf? Konsumieren Sie bewusster?

Wir machen eigentlich als Familie fast nur in der Schweiz Ferien. Schon vor Corona. Und auch sonst konsumiere ich bewusster. Aufs Auto verzichte ich oft sehr oft, fahre Zug. Auch aus persönlicher Nachhaltigkeit.

„Tier- und Naturschutz ist die Basis für unseren Erfolg“

Mit «Arosa 2030» setzt Arosa Tourismus auf eine ambitionierte Nachhaltigkeitsstrategie. Haben Sie diese alleine angestossen?

Eigentlich kam das über das Arosa-Bärenland. Es war auch eine wirtschaftliche Erkenntnis. Dass der Tier- und Naturschutz in Kombination mit dem Tourismus die Basis ist für den Erfolg im Sommer. Die Leute kommen wegen des Tierschutzes und lernen einen Ort kennen. Das war der initiale Gedanke. Und wir haben im Team das Thema dann aufgenommen. Jetzt haben wir ganz viele Ideen. Manchmal denke ich, es ist verrückt, wenn die Leute nur für ein Weekend zu uns hochfahren. Der ganze Transport ist unverhältnismässig für die kurze Zeit, in der die Leute hier sind. Aber dies werden wir nicht so schnell ändern können.

Aber Sie können es steuern.

Ja, natürlich. Wenn wir Vorteile für jene einbauen, die vier statt eine Nacht bleiben.

„Wir wollen die Aufenthaltsdauer um zwei Tage heraufschrauben“

Was ist Ihr grösstes Ziel?

Wir wollen bis 2030 klimaneutral sein, ganz klar. Das geht natürlich bis dahin nur, wenn wir auch kompensieren. Die Aufenthaltsdauer bei uns liegt momentan über 3 Tagen. Die wollen wir um 2 Tage heraufschrauben. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Arosa soll in 10 Jahren fünf Nächte betragen. Wobei wir jetzt schon mit an der Spitze in Graubünden liegen. An anderen Orte bleiben die Touristen nur etwas mehr als einen Tag.

Transport und Verkehr ist zentral. Wie sieht es mit der Energie aus?

Da muss noch viel passieren. Aber da liegt ein Fokus. Gerade bei den vielen Zweitwohnungen mit den kleinen Einheiten. Da braucht es vernetzte Energiesysteme.

Gibt es einen anderen Ort oder eine Tourismus-Destination, die Sie punkto Nachhaltigkeit inspiriert?

Island hat sich ein Versprechen auf die Fahne geschrieben. Den Icelandic-Pledge. In dem jeder Tourist aufgefordert wird, sich nachhaltig zu verhalten. Sonst soll er erst gar nicht kommen.

Pascal Jenny: „Wir sollten bewusster und genussvoller konsumieren“

Wobei natürlich jede:r zuerst nach Island fliegen muss. Das ist punkto Klimabilanz schon ein grundsätzliches Problem für Island.

Stimmt schon. Nur müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu extrem werden. Wir müssen das Gesamtpaket der Nachhaltigkeit anschauen. Und die soziale und ökonomische Komponente nicht vergessen. Wir müssen der nächsten Generation helfen. Aber wir können ihr nicht alles verbieten. Die Menschen haben lange masslos konsumiert. Das müssen wir zweifellos verändern. In ein bewussteres – und hoffentlich auch genussvolleres – Konsumieren.

Pascal Jenny Arosa

Pascal Jenny, Präsident von Arosa Tourismus: „Der vergangene Winter war extrem stark. Und dies nach den zwei besten Sommern der Geschichte. Die Menschen haben während der Pandemie die Berge entdeckt.“

Gibt es eine Schweizer Destination, die schon vieles gut macht?

Es gibt die eine oder andere kleine Idee. Wie Zermatt, das auf eine Biogas-Anlage setzt. Aber es gibt noch keinen Nachhaltigkeits-Champion in der Schweiz. Das war auch ein Antrieb für uns, etwas zu tun.

„Wir müssen alle ins Boot holen. Die Hotels, Gastronomen, Bergbahnen“

Wieviel davon ist getrieben durchs Marketing?

Das dürfen wir nicht wegdiskutieren. Das ist natürlich ein Treiber. Aber gleichzeitig passiert ja auch eine Veränderung zum Besseren. Wenn es dem Schweizer Tourismus gelingt, nachhaltiger zu werden, gibt es einen grossen Impact. Aber so einfach ist das nicht. Denn wir müssen alle ins Boot holen – die Hotels, Gastronomen, Bergbahnen.

Ein autofreies Arosa bleibt eine Utopie?

Ich bin zweimal damit gescheitert. 2015 hatten wir ja eigentlich eine Lösung mit dem Sonnenticket. Das war ein Deal mit der SBB und der RhB. Bei einer Übernachtung hättest du die Anfahrt mit der Bahn inbegriffen gehabt. Mit der Konsequenz, dass die Anreise mit dem Auto keine Option mehr gewesen wäre. Aber es kam Gegendruck von verschiedenen Seiten.

In Arosa gibt’s den Gratis-Bus.

Das stimmt. Und 80 Prozent der Zweitwohnungsbesitzer lassen ihr Auto dann auch stehen und nehmen den Bus. Nur die Einheimischen fahren noch regelmässig mit dem eigenen Auto.

Pascal Jenny: „Die Bereitschaft zu kompensieren hat zugenommen“

Wie offen sind Touristen für Veränderungen?

2006 waren wir Mitglieder von Alpine Pearls, das Label, welches nachhaltige Ferien mit Mobilitätsgarantie verspricht. Aber das wurde von Kunden praktisch nicht angenommen. Auch die klimaneutralen Produkte stiessen auf mässiges Interesse. Wenn sie buchen wollen, denken viele nicht mehr an den Rest. Was zugenommen hat, ist die Bereitschaft, etwas für die Kompensation zu bezahlen. Für die Wiederaufforstung, fünf Franken mehr für einen Moorweg, solche Dinge. Da sind sie heute offener. Booking.com hat vor einigen Jahren mal Booking Green aufgeschaltet, wo nur grüne Hotels zu buchen waren. Aber auch das hat sich bisher nicht wirklich durchgesetzt.

Wie grün sind die Hotels in Arosa?

Da sind wir gut unterwegs. Stark sind wir beim Thema Solarstrom und Ladestationen für Elektroautos. Aber auch beim Abfall und beim Foodwaste haben wir Fortschritte gemacht. Das macht viel aus. Nur schon bei den riesigen Morgenbuffets, die oft weggeworfen wurden. Ein Leuchtturm bei uns ist das Hotel Valsana, weil es über ein komplett autarkes Energiekonzept durch Abwärme verfügt.

„Wir hatten die zwei besten Sommer der Geschichte. Die Leute haben die Berge entdeckt“

Gab es starken Widerstand gegen die Vision Arosa 2030?

Wir fanden überraschend schnell und starken Rückhalt. Es kamen viele gute Ideen zusammen. Auch die Restaurants machen gut mit.

Nach überraschend guten Jahren trotz Corona.

Ja, wir dachten vor zwei Jahren: Wie kommt das nur heraus? Jetzt sind wir die Corona-Gewinner. Wir hatten die zwei besten Sommer der Geschichte. Die Leute haben die Berge entdeckt. Das Biken ist immer grösser geworden, die Bärenland-Eröffnung half uns. Und dieser Winter war jetzt auch extrem stark.

Wann ist Ihr Ziel für Arosa in Sachen Nachhaltigkeit erreicht? Wenn die Destination als Nachhaltigkeits-Champion der Schweiz gilt?

Ich glaube, der Konkurrenzkampf ist in vielen anderen Themen schon vorhanden. Beim Thema Nachhaltigkeit geht es aber nicht ums Gewinnen, sondern darum, dass alle etwas tun. Und anpacken!

Autor:in: Christian
Bürge
Der Journalist ist Co-Founder und Chefredaktor des Magazins
Go Green.
www.christianbuerge.com

Kommentare

  • Michi:

    Eigentlich wollten wir nach Saas-Fee fahren.
    Aber jetzt geht es in den Sommerferien wohl für mindestens fünf Tage nach Arosa.
    Herr Jenny hat uns mit seinen Ideen überzeugt.

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