Philosoph Bourg: "Das Klima-Mammut ist gekommen, um zu bleiben"

5 Minuten
August 2 | 2021

Dominique Bourg, 67, ist Philosoph und Honorarprofessor an der Universität Lausanne. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Ethik der nachhaltigen Entwicklung. Im Interview spricht er über die Klimakrise, die Ignoranz unserer Gesellschaft und alternative Wege.

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Feuer und Überschwemmungen: Die Extrem-Ereignisse nehmen auch im Sommer 2021 wegen der Klimakrise zu.    Bild: pixabay

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Dominique Bourg, ihr Kollege Richard David Precht sagt: «Jahrtausendelang haben Menschen nicht gewusst, was sie glaubten. Heute glauben sie nicht, was sie wissen.» Wir wissen um die Klimakrise und ihre verheerenden Auswirkungen, aber wir glauben es nicht. Wie erklären Sie sich das?

Wir akzeptieren intellektuell die Existenz des Klimawandels. Doch glauben wir nicht daran, weil dessen unmittelbare Konsequenzen lange zu wenig spürbar waren. Die Schuldgefühle nehmen jedoch immer mehr zu. Wir erkennen, dass wir Fehler gemacht haben und lange Zeit sehr destruktiv waren. Seit Jahrzehnten betreiben wir ein System, das unseren Opportunismus schmeichelt. Wir tun uns schwer, einzugestehen, dass wir unseren Lebensstil ändern müssen. Dass wir weniger produzieren müssen und weniger Infrastruktur brauchen.

Verdrängung scheint eine fundamentale Bewältigungsstrategie des Menschen zu sein. Filtern wir in Sachen Klima das Unangenehme immer raus, selbst wenn es lebensbedrohend ist?

Der Weltklimarat hat bereits vor Jahrzehnten davor gewarnt, dass ein riesiges Mammut auf uns zuläuft. Für die Menschen war es aber immer weit weg und deshalb egal. Es bringt nichts, den Menschen mitzuteilen, dass die globale Durchschnittstemperatur ansteigt. Das bedeutet ihnen nichts. Das Mammut kam schliesslich viel schneller als gedacht. Und es kam, um zu bleiben. Die Extremwetterereignisse nahmen in den letzten Jahren zu. Dieses Jahr ist es furchtbar mit den Überschwemmungen in Deutschland oder den Hitzewellen in Kanada. Solche Vorkommnisse lassen uns die Klimakrise immer mehr spüren.

Wo hat es aus Ihrer Sicht der Wissenschaftsbetrieb verpasst, diesen Entwicklungen gegenzusteuern?

Der Neoliberalismus war bis jetzt der schlimmste Feind des Klimas und hat viel Unsinn erzählt. Vor allem hat er die Marktlogik auf alles Natürliche ausgeweitet. Er hat eine «Preiskultur» geschaffen, die darüber entschied, ob etwas Natürliches behalten oder durch etwas Technisches ersetzt wird. Diese ökonomische Logik mit instabilen Preisen als wichtigstes Kriterium ist verrückt. Dabei zeigt die Europäische Umweltagentur klar den zu beschreitenden Weg auf. Wir müssen weniger energieintensiv und materialintensiv produzieren und die Anzahl der Infrastrukturen herunterfahren. Wir haben keine andere Möglichkeit, als zu reduzieren.

 

Graeme Maxton, Co-Autor von «Fuck the System» und ehemaliger Generalsekretär des Club of Rome, glaubt nicht mehr daran, dass wir die Probleme innerhalb der bestehenden Strukturen lösen können. Das System sei irreparabel.

Mit der kapitalistischen Ausrichtung des heutigen Systems steuern wir auf eine Katastrophe zu. Ohne Veränderung der ökonomischen Regeln kommen wir da nicht mehr heraus. Vom politischen System, also der repräsentativen Demokratie und der Idee des Konsenses, bin ich noch immer überzeugt. In Sachen Klimakrise herrscht beispielsweise in Deutschland und England Einigkeit, dass in Zukunft dekarbonisiert produziert werden muss. In der Schweiz noch nicht ganz, wie die Ablehnung des CO2-Gesetzes gezeigt hat. Künftig braucht es einen Konsens zur Produktion des Wohlstands. Wir müssen gemeinsam ein Optimum finden, welches nachhaltig ist. Für uns und die Erde.

Eine Klima-Aktivistin von Extinction Rebellion: Die Organisation will mehr Menschen wachrütteln.   Bild: pixabay

Eine andere These vertritt Jonathan Franzen. Er ist der Meinung, dass wir das idealistische Getue und den sinnlosen Kampf sein lassen und uns stattdessen auf die Folgen des Klimawandels wappnen sollen.

Ich kann diesen Pessimismus durchaus verstehen. Auf globaler Ebene hat es nie einen Rückgang der CO2-Emmissionen gegeben. COVID-19 einmal ausgeschlossen. Im 2021 werden wir sehr wahrscheinlich die höchsten je gemessenen Kohlenstoffemissionen haben. Dass wir Menschen gegen eine Wand laufen, ist nicht unmöglich. Das ist die logischste Konsequenz. Ich schliesse jedoch auch nicht aus, dass wir es schaffen, uns zusammenzureissen. Dabei können wir in einem demokratischen Rahmen bleiben. Es ist jedoch nicht mehr die gleiche Demokratie wie heute.

In der Klimabewegung gibt es mehrere Strömungen. Eine gemässigte, welche breite Teile der Gesellschaft einbinden will und eine provokantere wie beispielsweise Extinction Rebellion. Was ist erfolgsversprechender?

Wenn jemand mit COVID-19 im Krankenhaus lag, behauptet dieser nicht, dass der Virus nicht existiert. Das sagen nur Leute, die von der Pandemie nicht berührt worden sind. Mit dem Klima ist es das gleiche. Die Zahl der betroffenen Menschen wird steigen. Die Zahl wird sehr schnell zunehmen. Organisationen wie Extinction Rebellion sind ein möglicher Weg. Um die Gesellschaft für Themen zu sensibilisieren und sie wachzurütteln. Wenn Extinction Rebellion allein bleibt, wird sich jedoch nichts ändern.

In Bern waren 2019 gegen 100'000 Menschen auf der Strasse, von jung bis alt. Jetzt heisst es wieder nur: die Klimajugend protestiert. Will sich die ältere Generation sofort abgrenzen, sobald zu extremeren Mitteln und Parolen gegriffen wird?

Statistisch gesehen stimmt das mit der Klimajugend nicht. Auf jeden Fall nicht für Frankreich. Umfragen zur Klimasensitivität zeigen, dass es mehr Rentner gibt, die klimasensitiv sind. Es gibt jedoch einen Teil der Jugend, der sehr engagiert ist. Aber es ist ein sehr kleiner Teil. Und dann gibt es diejenigen, die wirklich verstanden haben, was mit dem Klima geschieht. Die sind sehr engagiert, man könnte sogar sagen «katastrophisiert» und deprimiert.

Im November 2018 haben Waadtländer Klimaaktivisten in einer Lausanner Credit-Suisse-Filiale Tennis gespielt, um gegen klimaschädliche Investitionen der Grossbank zu protestieren. Das Bundesgericht entschied kürzlich, der Protest sei nicht mit einem «rechtfertigenden Notstand» zu legitimieren. Eigentum geht vor dem Recht, sich gegen die Klimakatastrophe zu wehren. Was halten Sie von diesem Entscheid?

Das Bundesgericht hat nichts von der Klimakrise verstanden. Es kommt in Unkenntnis der Faktenlage zum Schluss, dass es besser ist, die Banken zu schützen. Die Schweizer Banken sind für mehrere Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Bei der Schweizer Bevölkerung bewegen wir uns im Tausendstel-Bereich. Das ist eine spezielle Art, das Gesetz zu verstehen. Es ist das Gesetz der Mächtigen. Ich bin nicht stolz auf diese Art von Gerechtigkeit, ich verstehe sie nicht.

 

Ein grosses Problem ist die Passivität des Liberalismus. In den vergangenen Jahrzehnten breitete sich in westlichen Gesellschaften ein extremer Individualismus aus. Was ist Ihre Sichtweise auf den Liberalismus?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Unsere heutige Idee der Freiheit wird von einem isolierten Individuum aus gedacht. Das ist völlig bescheuert. Denn von diesem Moment an ist jede Einschränkung ein Hindernis für meine Freiheit. Das Individuum hat jedoch keine Bedeutung ausserhalb der Gesellschaft. Daher Gesellschaft zuerst, Individuum danach. Und über den Bezug zur Biosphäre haben wir noch gar nicht gesprochen. Ohne Biosphäre kein Individuum, wir sterben. Die individuellen Rechte können also nicht im Gegensatz zur Biosphäre stehen. Es wäre jedoch falsch, den Individualismus wegzuwerfen. Es braucht jedoch einen anderen Individualismus, einen relationalen und konditionierten.

Klimademo in Deutschland: Die Jugend sollte laut Bourg mehr in die Politik einbezogen werden.   Bild: unsplash

Graeme Maxton spricht nicht mehr von Klimawandel, sondern von Systemwandel. Dabei müssen die Gesellschaften der Zukunft von ganz anderen Menschen geführt werden als jenen, die sie heute führen. Nämlich von 20-30-jährigen, die viel mehr zu verlieren haben.

Natürlich braucht es zur Lösung der Klimakrise vor allem einen systemischen Wandel. Wenn sich die Werte in der Gesellschaft nicht weiterentwickeln, wie sollen sich dann Gesetz und Moral verändern? Es gibt also ganz klar eine systemische Seite. Aber das ist kein Grund, den Klimawandel zu ignorieren. Um diesen Wandel mitzugestalten, erachte ich es als interessant, die Proportionen der 20-30-jährigen in Politik und Wirtschaft zu erhöhen. Solche Wege geht beispielsweise Luxemburg oder Frankreich mit seiner Bürgerversammlung zum Klima.

In Ihrer Publikation «Une nouvelle terre: pour une autre relation au monde » sprechen Sie unter anderem von spirituellen Wurzeln. Sie verbinden das mit der Hoffnung für eine bessere Zukunft.

Spiritualität ist eine universelle Funktion, die jeder Gesellschaft innewohnt. Die Natur umgibt uns alle. Leute wie Jeff Bezos haben jedoch den Respekt vor der Natur verloren. Für sie ist Natur lediglich natürliches Kapital, dass ausgebeutet werden muss. Wir haben die Vorstellung alles Existente als Kapital zu betrachten, das besitzt werden kann. Unsere moderne Spiritualität führt dazu, die Erde zu zerstören. In der heutigen Gesellschaft gibt es jedoch genügend Alternativen. Permakultur, Agrarökologie, Agroforstwirtschaft. Wir müssen uns von unserer anthropozentrischen Moral lösen. Dann entsteht eine neue Gesellschaft mit einem anderen Bezug zur Natur.

Ausgestattet mit einem MBA der Uni Fribourg ist Michel Dumauthioz Intrapreneur bei einem grossen Versicherer. Vor allem hat er aber einen besonderen Blick aufs Thema Nachhaltigkeit.

Kommentare

  • Michelle Glauser:

    Er hat recht. Es lässt die Leute kalt, wenn sie sagen, es werde zwei Grad wärmer. Erst wenn wir betroffen sind, wenn der Wald brennt und alles austrocknet, denken wir nach.

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