Verlust des Gletschervolumens: Glaziologe Matthias Huss zeigt mit einer acht Meter hohen Stange an, wieviel an Dicke der Rhonegletscher jährlich verliert. Bild: Bernard van Dierendonck
Bei POW machen Berühmtheiten wie die Skirennfahrerin Michelle Gisin und ihr Kollege Daniel Yule mit, der Spitzenalpinist Nicolas Hojac, die Freeskierin und olympische Goldmedaliengewinnerin Sarah Hoefflin und viele weitere Sportkletterer, Skitourenrennläuferinnen, Snowboarder oder Trailrunnerinnen. Besonders an der Arbeit von POW ist, dass sie immer wieder auch ihre Community für Aktionen einspannt. Wie aktuell bei der Kampagne „1400 Reasons to Act“.
Nicholas Bornstein: Im Gegenteil, alle können mitmachen. Wir halten die Hürde für eine Gletscherdokumentation bewusst tief. Man muss nicht unbedingt einen Gletscher physisch besuchen, sondern kann ihn auf irgendeine kreative Art und Weise sichtbar machen. So kann man ihm auch einen Brief schreiben, ein Lied für ihn aufnehmen, alte Fotos aus der Schublade holen oder sogar den Lieblingsgletscher zeichnen. Anschliessend lädt man diesen Beitrag über das vorgesehene Formular auf der interaktiven Karte der Kampagnenwebsite hoch.
Wir sind überwältigt! Alleine in den ersten drei Wochen hat die Community bereits über 50 Gletscher dokumentiert – viel mehr, als wir in so kurzer Zeit erwartet hätten. Unser Ziel war es, mindestens 100 Gletscher innerhalb von 100 Tagen sichtbar zu machen. Wir sind somit auf Kurs.
Der Besuch hat uns einmal mehr gezeigt, wie es um die Gletscher in der Schweiz steht. Der Rückgang des Rhonegletschers in den letzten Jahren ist dramatisch. Matthias Huss führte uns mit einer acht Meter hohen Stange bildlich vor Augen, wie viel Masse dieser Gletscher in nur einem Jahr verloren hat. Auch war es traurig zu sehen, dass der Gletscher Mitte Juni schon aper war – das heisst, er hat keinen Schutz für die heissen Sommermonate, die noch vor uns liegen. Der Glaziologe zeigte anschliessend noch Messstangen die zwischen 59 Zentimeter und einem Meter über die Eisoberfläche hinausragten. Sie markierten den Massenverlust innerhalb der letzten sieben beziehungsweise zehn Tage. Einen Meter Eisschmelze in nur zehn Tagen – es hat uns alle schockiert!
POW-Gründer Nicholas Bornstein (l.) und Glaziologe Matthias Huss machen auf dem Rhonegletscher auf die Aktion „1400 Reasons to Act“ aufmerksam. Bild: Bernard van Dierendonck
Trotz des Verlusts vieler Gletscher ist es noch nicht zu spät, sie zu schützen und entschlossene, wirksame und ambitionierte Klimaschutzmassnahmen zu ergreifen. Wir haben es noch in der Hand, bis Ende des Jahrhunderts rund einen Drittel des aktuellen Gletschervolumens zu erhalten. Ihre rasche Schmelze zeigt die Dringlichkeit zum Handeln, und effektiver Klimaschutz ist die einzige Möglichkeit, ihr Schmelzen zu verlangsamen.
2025 wurde von den Vereinten Nationen als internationales Jahr zum Schutz der Gletscher ausgerufen. Dazu möchten wir als Klimaorganisation der Bergsportlerinnen und Bergsportler einen wichtigen Beitrag leisten. Wir wollen zeigen, dass die Outdoor-Community hinschaut und nicht tatenlos zusieht, wie unsere Gletscher wegschmelzen. Gletscher speichern im Winter Wasser und geben es im Sommer als Schmelzwasser ab. Diese Funktion sorgt für eine gleichmässige Wasserverfügbarkeit, die für Trinkwasser, Landwirtschaft und Energieerzeugung entscheidend ist. Zudem prägen Gletscher das Landschaftsbild der Alpen und sind ein wichtiger Teil vieler Outdoor-Aktivitäten wie Skitouren und Bergsteigen.
Natürlich. Für uns ist es wichtig, mit dieser Kampagne zu unterstreichen, wie wichtig der Klimaschutz ist. Denn das Klima zu schützen heisst, unsere Gletscher zu schützen. Wir möchten sicherstellen, dass das Thema auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda bleibt – auch in Zeiten, in denen viele andere Krisen unsere Aufmerksamkeit fordern.
Das Ziel ist, im Herbst mittels einer Petition Druck auf den Bundesrat auszuüben, den Klimaschutz in der Schweiz zu intensivieren. Denn aktuell ist die Schweiz im Hintertreffen: Bis 2030 werden die Emissionen gegenüber 1990 voraussichtlich nur um 30 Prozent statt der vereinbarten 50 Prozent sinken. Zudem verschieben wir das Problem mehrheitlich ins Ausland und kaufen Emissionszertifikate zu, statt die Emissionen bei uns zuhause zu reduzieren. Wir lieben unsere Schweizer Berge. Diese zu schützen, heisst, den Klimaschutz in der Schweiz voranzutreiben. Dies fordern wir vom Bundesrat, so dass wir die Berge auch noch in Zukunft geniessen können.
Gute Frage, ich weiss es noch nicht. Diesen Sommer werde ich aber viele Gelegenheiten haben, unsere Schweizer Gletscher zu besuchen. Erst vor kurzem war ich beim «Blau Schnee» unterhalb der Säntis-Nordwand. Eigentlich ist es kein Gletscher mehr im engeren Sinn, doch da er vor Sonneneinstrahlung geschützt und von Geröll überdeckt ist, hat er überlebt. Er steht sinnbildlich für viele Gletscher in der Schweiz, die sehr klein und nur noch Überreste ihrer einstigen Grösse sind.
