POW-Gründer Bornstein: "Es ist nicht zu spät, die Gletscher zu schützen"

3 Minuten
10. Juli 2025

Nicholas Bornstein ist Gründer der Klimaschutzorganisation Protect Our Winters Switzerland (POW). Eine Organisation von Outdoorsportlerinnen und Outdoorsportlern, welche die Stimme fürs Klima erhebt. Mitte Juni startete POW die Kampagne „1400 Reasons to Act“, die das Bewusstsein für die Gletscherschmelze sichtbar macht. Im Interview sagt er, warum es mehr Druck auf den Bundesrat braucht und es nicht zu spät ist, die Gletscher zu schützen.

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Gletschervolumens

Verlust des Gletschervolumens: Glaziologe Matthias Huss zeigt mit einer acht Meter hohen Stange an, wieviel an Dicke der Rhonegletscher jährlich verliert.  Bild: Bernard van Dierendonck

Bei POW machen Berühmtheiten wie die Skirennfahrerin Michelle Gisin und ihr Kollege Daniel Yule mit, der Spitzenalpinist Nicolas Hojac, die Freeskierin und olympische Goldmedaliengewinnerin Sarah Hoefflin und viele weitere Sportkletterer, Skitourenrennläuferinnen, Snowboarder oder Trailrunnerinnen. Besonders an der Arbeit von POW ist, dass sie immer wieder auch ihre Community für Aktionen einspannt. Wie aktuell bei der Kampagne „1400 Reasons to Act“.

Nicholas Bornstein, bei dieser Gletscher-Challenge fordern Sie die Community auf, innerhalb von hundert Tagen möglichst viele der 1400 Schweizer Gletscher zu besuchen und diese Gletscherbesuche auf einer interaktiven Website hochzuladen. Ist diese Challenge nur etwas für Profis am Berg?

Nicholas Bornstein: Im Gegenteil, alle können mitmachen. Wir halten die Hürde für eine Gletscherdokumentation bewusst tief. Man muss nicht unbedingt einen Gletscher physisch besuchen, sondern kann ihn auf irgendeine kreative Art und Weise sichtbar machen. So kann man ihm auch einen Brief schreiben, ein Lied für ihn aufnehmen, alte Fotos aus der Schublade holen oder sogar den Lieblingsgletscher zeichnen. Anschliessend lädt man diesen Beitrag über das vorgesehene Formular auf der interaktiven Karte der Kampagnenwebsite hoch.

Wie ist die Resonanz auf die Kampagne. Gibt es schon viele Gletscherbesuche?

Wir sind überwältigt! Alleine in den ersten drei Wochen hat die Community bereits über 50 Gletscher dokumentiert – viel mehr, als wir in so kurzer Zeit erwartet hätten. Unser Ziel war es, mindestens 100 Gletscher innerhalb von 100 Tagen sichtbar zu machen. Wir sind somit auf Kurs.

Zum Kampagnenstart haben Sie zusammen mit dem Glaziologen Matthias Huss den Rhonegletscher besucht. Welche Eindrücke bringen Sie von dieser Exkursion mit?

Der Besuch hat uns einmal mehr gezeigt, wie es um die Gletscher in der Schweiz steht. Der Rückgang des Rhonegletschers in den letzten Jahren ist dramatisch. Matthias Huss führte uns mit einer acht Meter hohen Stange bildlich vor Augen, wie viel Masse dieser Gletscher in nur einem Jahr verloren hat. Auch war es traurig zu sehen, dass der Gletscher Mitte Juni schon aper war – das heisst, er hat keinen Schutz für die heissen Sommermonate, die noch vor uns liegen. Der Glaziologe zeigte anschliessend noch Messstangen die zwischen 59 Zentimeter und einem Meter über die Eisoberfläche hinausragten. Sie markierten den Massenverlust innerhalb der letzten sieben beziehungsweise zehn Tage. Einen Meter Eisschmelze in nur zehn Tagen – es hat uns alle schockiert!

Protect our Winter Gletscher

POW-Gründer Nicholas Bornstein (l.) und Glaziologe Matthias Huss machen auf dem Rhonegletscher auf die Aktion „1400 Reasons to Act“ aufmerksam.  Bild: Bernard van Dierendonck

Macht Ihre Kampagne überhaupt noch Sinn? Gemäss Prognosen wird selbst beim Erreichen der Ziele des Pariser Klimaabkommens, also Netto-Null bis 2050, der grösste Teil des Gletschereises in den Alpen weggeschmolzen sein.

Trotz des Verlusts vieler Gletscher ist es noch nicht zu spät, sie zu schützen und entschlossene, wirksame und ambitionierte Klimaschutzmassnahmen zu ergreifen. Wir haben es noch in der Hand, bis Ende des Jahrhunderts rund einen Drittel des aktuellen Gletschervolumens zu erhalten. Ihre rasche Schmelze zeigt die Dringlichkeit zum Handeln, und effektiver Klimaschutz ist die einzige Möglichkeit, ihr Schmelzen zu verlangsamen.

Trotzdem: Wieso fokussiert sich POW auf die Gletscher?

2025 wurde von den Vereinten Nationen als internationales Jahr zum Schutz der Gletscher ausgerufen. Dazu möchten wir als Klimaorganisation der Bergsportlerinnen und Bergsportler einen wichtigen Beitrag leisten. Wir wollen zeigen, dass die Outdoor-Community hinschaut und nicht tatenlos zusieht, wie unsere Gletscher wegschmelzen. Gletscher speichern im Winter Wasser und geben es im Sommer als Schmelzwasser ab. Diese Funktion sorgt für eine gleichmässige Wasserverfügbarkeit, die für Trinkwasser, Landwirtschaft und Energieerzeugung entscheidend ist. Zudem prägen Gletscher das Landschaftsbild der Alpen und sind ein wichtiger Teil vieler Outdoor-Aktivitäten wie Skitouren und Bergsteigen.

Die breite Masse begreift den Klimawandel über die Gletscherschmelze auch besser.

Natürlich. Für uns ist es wichtig, mit dieser Kampagne zu unterstreichen, wie wichtig der Klimaschutz ist. Denn das Klima zu schützen heisst, unsere Gletscher zu schützen. Wir möchten sicherstellen, dass das Thema auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda bleibt – auch in Zeiten, in denen viele andere Krisen unsere Aufmerksamkeit fordern.

Wie geht es mit dieser Kampagne nach der 100-Tage-Challenge weiter?

Das Ziel ist, im Herbst mittels einer Petition Druck auf den Bundesrat auszuüben, den Klimaschutz in der Schweiz zu intensivieren. Denn aktuell ist die Schweiz im Hintertreffen: Bis 2030 werden die Emissionen gegenüber 1990 voraussichtlich nur um 30 Prozent statt der vereinbarten 50 Prozent sinken. Zudem verschieben wir das Problem mehrheitlich ins Ausland und kaufen Emissionszertifikate zu, statt die Emissionen bei uns zuhause zu reduzieren. Wir lieben unsere Schweizer Berge. Diese zu schützen, heisst, den Klimaschutz in der Schweiz voranzutreiben. Dies fordern wir vom Bundesrat, so dass wir die Berge auch noch in Zukunft geniessen können.

Welchen Gletscher werden Sie persönlich als nächstes besuchen?

Gute Frage, ich weiss es noch nicht. Diesen Sommer werde ich aber viele Gelegenheiten haben, unsere Schweizer Gletscher zu besuchen. Erst vor kurzem war ich beim «Blau Schnee» unterhalb der Säntis-Nordwand. Eigentlich ist es kein Gletscher mehr im engeren Sinn, doch da er vor Sonneneinstrahlung geschützt und von Geröll überdeckt ist, hat er überlebt. Er steht sinnbildlich für viele Gletscher in der Schweiz, die sehr klein und nur noch Überreste ihrer einstigen Grösse sind.

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Bernard van Dierendonck ist Fotograf, Journalist und Bergführer. Ende 2022 wurde er auch Botschafter von POW Schweiz (Protect our Winters).
vandierendonck.ch
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