Raubtiere wie der Luchs brauchen im Winter ihre Ruhe, um Energie zu sparen. Bild: istock.com
Im Kanton Graubünden haben wir sehr viele verschiedene Wildarten. Zum einen das Schalenwild, also Steinwild, Gams, Hirsch und Reh, sowie Raubtiere wie Wolf, Luchs, Fuchs, Marder und Dachse aber beispielsweise auch Schnee- und Feldhasen und sehr viele verschiedene Vogelarten.
Bären haben wir aktuell keine als Standwild, es gibt höchstens vereinzelt Durchzügler.
Besonders störungsanfällig sind im Winter Tiere, welche auf pflanzliche Nahrung angewiesen sind. Denn diese ist nur sehr spärlich vorhanden und liefert kaum Energie. Also beispielsweise das Schalenwild und die Raufusshühner. Dazu gehören Auerhuhn, Birkhuhn, Schneehuhn und Haselhuhn. Fuchs und Marder kommen mit vielem zurecht und suchen teils sogar die Nähe zu Siedlungen, ein Auerhuhn hingegen nicht. Wenn ein Auerhuhn drei, vier Mal gestört wird, kann es sein, dass es den Bereich des Lebensraums meidet.
Es zieht sich zurück, solange es Möglichkeiten hat und Lebensraum mit mehr Ruhe gibt. Und wenn der Lebensraum auch schon besetzt ist oder gar nicht vorhanden ist, dann stirbt es am Stress, den es hat. Das Problem bei Störungen ist, dass das Tier viel mehr Energie braucht, als ihm zur Verfügung steht.
Zwei Gämse im Wald: Manche Tiere sind Menschen gewohnt, andere bekommen selten welche zu sehen und reagieren panisch – umso rücksichtsvoller sollte man sein. Bild: istock.com
Ob und wie viele Fettreserven angelegt werden können, ist von Art zu Art unterschiedlich. Im Winter kommen viele Tiere in eine Art Winterruhe. Hirsche zum Beispiel fahren ihre Körpertemperatur herunter, die Herzfrequenz sinkt, und sie bewegen sich kaum. An kalten Tagen mit viel Schnee bleiben sie oft einfach liegen. So können sie bis zu 50 Prozent Energie sparen. Wenn sie gestört werden, müssen sie die Körpertemperatur hochfahren, die Herzfrequenz steigt, sie werden fluchtbereit. Müssen sie tatsächlich flüchten, braucht das gerade in hohem Schnee extrem viel Energie. Diese Energie können sie im Winter kaum wieder aufholen, da die Gräser über den Winter abtrocknen und weniger Nährstoffe bieten. Zudem ist das Futter unter dem Schnee begraben.
Es kommt ein bisschen auf die Wildart an, so haben gewisse Arten typische Winter- und Sommereinstände sowie Brunftplätze. Der Hirsch ist sehr häufig bei uns im Schanfigg, im Winter halten sich viele Hirsche rund um die Dörfer zwischen Langwies und Maladers auf, da hier auf der Sonnenseite die Matten schneller vom Schnee befreit sind. Sobald der Bergfrühling weiter in die Höhe aufsteigt, zieht auch das Wild mit. Die Sommereinstände sind häufig an der Waldgrenze. Im Herbst suchen sie typische Brunftplätze auf, wo dann Stiere und Kühe zusammenkommen. Auch bei den Gämsen und dem Steinwild haben wir typische Wintereinstandsgebiete, sie bleiben aber meist in deutlich höheren Lagen. Häufig an exponierten Steilhängen wo Sonne, Wind oder Lawinen den Schnee abtragen und sie so zum spärlichen Winterfutter kommen.
Es gibt Gebiete, in denen das Wild nicht mehr in diese Wintereinstandsgebiete geht, weil es dort permanent gestört wird. Die Sonnenseite in Arosa ist so ein Beispiel. Eigentlich wäre dort ein geeigneter Winterlebensraum, wo man Steinwild und Gams erwarten würde. Aber da gehen die Tiere wegen des Skibetriebs kaum mehr hin. Wenn ein Wintersportler durch einen Wintereinstand läuft – etwa über eine besonnte, schneearme Fläche – dann flüchten die Tiere die sich dort aufhalten, sie ziehen sich zurück und kommen später oft wieder. Aber jede Flucht kostet Energie
Es kommt stark auf die Wildart an und darauf, wo ein Tier lebt. Ein Reh mitten im Dorf Arosa reagiert ganz anders als ein Reh im abgelegenen Prätschwald, wo vielleicht nur alle paar Wochen jemand vorbeikommt.
Die Population des Auerhuhns in der Schweiz ist sehr klein. Es gibt schätzungsweise noch 350 bis knapp 500 balzende Männchen. Die Populationen sind fragmentiert, der genetische Austausch fehlt zunehmend. Das Auerhuhn war früher im ganzen Alpenbogen präsent, heute sind nur noch Reliktbestände übrig. Im Jura ist es praktisch ausgestorben. Auerhühner fliegen nicht regelmässig weite Strecken. Wenn Lebensräume verloren gehen oder gemieden werden, hat dies direkte Folgen für die Population.
Ein Auerhahn: die Population dieser Tiere wird in der Schweiz wenige hundert geschätzt. Bild: istock.com
Hirsche und Gämsen fressen im Winter vor allem Gräser, die nun nicht mehr grün sind, sowie Knospen, Triebe oder Rinde. Diese Nahrung liefert wenig Energie und ist schwer verdaulich. Auerhühner fressen im Winter fast ausschliesslich Tannennadeln. Sie haben ein angepasstes Verdauungssystem mit grossen Blinddärmen, um überhaupt Energie daraus zu gewinnen. Mehr steht ihnen im Winter nicht zur Verfügung.
Man kann dies nicht auf eine Sportart reduzieren. Sei das beim Gleitschirmfliegen, beim Freeriden oder Schneeschuhwandern: in jeder Sportart gibt es einen Grossteil der Sportler, die sich vernünftig im Gelände bewegen und möglichst rücksichtsvoll mit den Wildtieren umgehen. Wie überall gibt es aber schwarze Schafe, die aus Unwissenheit oder Ignoranz über die Grenzen des Vertretbaren hinausgehen. Es ist nicht einfach, zuzusehen, wie jemand mitten auf Wild im Einstand zugeht um anschliessend auf einer besonnten, schneefreien Fläche Zmittag zu essen.
Wenn du so etwas beobachtest, bricht dir das fast das Herz. Ich denke an das Gamsrudel, das dort eigentlich die wenigen Sonnenstunden nutzen und das spärliche Futter fressen würde. Stattdessen haben sie sich zurückgezogen und harren im Schatten und hohen Schnee aus, bis die vermeintliche Gefahr vorbei ist.
Steinadler und Bartgeier brüten früh im Jahr und reagieren stark auf Störungen nahe an ihren Horsten. Da die Horste meist in unwegsamem Gelände sind, spielen hier Gleitschirmflieger aber auch Drohnen eine wichtige Rolle. Daher haben wir in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischem Hängegleiterverband und der Schweizerischen Vogelwarte ein Pilotprojekt zum Horstschutz gemacht. Jedoch sind es nicht nur Vögel die so gestört werden können, auch Schalenwild reagiert teils mit sehr starken Fluchten auf Störungen aus der Luft.
Ich versuche auf meinen Touren mit den Schneesportlern ins Gespräch zu kommen. So kann ich ihnen beispielsweise durch das Fernrohr eine Gruppe Gämsen zeigen, die hoch über uns am Fressen sind und gleichzeitig erklären, wieso sie genau diesen Lebensraum jetzt nutzen. Häufig kommt diese Art der Sensibilisierung gut an. Schwieriger ist es bei Personen, die bereits negative Erfahrungen gemacht haben oder sich eingeschränkt fühlen.
So schön Freeriden auch ist: Zuerst sollte immer abgeklärt werden, wo es erlaubt ist und Tiere nicht verschreckt werden. Bild: istock.com
Wir schildern Wildruhezonen mit Tafeln oder zum Teil sogar mit Absperrungen aus, so wird spätestens klar, dass dieses Gebiet nicht passiert werden sollte. Wenn man eine Route abseits der Piste plant, ist es wichtig, dass man sich über swisstopo oder wildruhezone.ch informiert, welche Bereiche zu meiden sind.
Natürlich, wenn es ein solche Vorhaben gibt, werden wir sowohl beim raumplanerischen Verfahren sowie dann konkret beim Bauprojekt angehört und können auch Auflagen stellen. Wir begrüssen die Zusammenarbeit, um die Interessen der Wildtiere einzubringen.
Wildruhezonen müssen respektiert werden. Dies sollte bereits bei der Tourenplanung berücksichtigt werden. Zudem beurteilen wir die offiziellen Schneesportrouten jährlich betreffend Konflikten mit Wildtieren. Wählt man diese offiziellen Routen, welche Swisstopo publiziert, ist das für das Wild deutlich unproblematischer. Waldränder und schneefreie Flächen sollte man meiden, Hunde gehören an die Leine und im Wald sollte man auf den Wegen bleiben. Oft sieht man, dass Tiere ruhig liegen bleiben, wenn man auf dem Weg bleibt – macht man aber nur ein paar Schritte neben dem Weg, flüchten sie sofort.
Nachhaltiger Tourismus sollte nicht nur verkauft, sondern wirklich gelebt werden. Es braucht genügend Rückzugsräume für Wildtiere, klare Schutzgebiete und Sensibilisierung. In Arosa gibt es bereits Wildruhezonen und Gespräche über weitere Massnahmen laufen. Auch beim Thema Lärm bewegt sich in Arosa etwas. Sie haben Feuerwerke verboten und durch Drohnenshows im Dorfzentrum ersetzt. Diese Schritte begrüsse ich aus der Sicht der Wildtiere sehr und ich denke, wir sind da gut unterwegs.
„Schneesport mit Rücksicht – Respektiere deine Grenzen“ des Vereins „Natur & Freizeit“
Warum ist das Thema so wichtig?
Das Schneeschuhlaufen, Skitourengehen und Freeriden haben in den letzten 20 Jahren stark zugenommen. Gleichzeitig sind Wildtiere im Winter besonders empfindlich gegenüber Störungen. Um Hirsche, Gämsen und Rauhfusshühner – etwa Birkhühner – zu schützen, sind einfache Verhaltensregeln entscheidend.
Die 3 wichtigsten Regeln für Wintersportler:
- Wildruhezonen respektieren: Tiere ziehen sich dorthin zurück.
- Auf Wegen bleiben: So können sich Wildtiere an Menschen gewöhnen.
- Waldränder & schneefreie Flächen meiden: Das sind bevorzugte Aufenthaltsorte der Tiere.
Wo ist der Verein aktiv?
Neben der Kampagne «Schneesport mit Rücksicht – Respektiere deine Grenzen» führt der Verein seit 2020 auch die Sommerkampagne «Aufs Wasser mit Rücksicht» an aktuell 11 Schweizer Seen. «Natur & Freizeit» vereint 23 Organisationen aus Umwelt, Tourismus und Wirtschaft. Ziel ist, dass Outdoor-Sport naturverträglich bleibt – damit Menschen Natur erleben können, ohne Wildtiere zu gefährden.
Diesen Beitrag erstellte Go Green im Rahmen der Kooperation mit Arosa Tourismus. Er entspricht den Nachhaltigkeitsanforderungen von Go Green. Mehr nachhaltige Storys zu Arosa gibt es hier!
