Mehr persönliche Nachhaltigkeit und Sinnhaftigkeit im Leben könnten wir mit dem Soft-FIRE-Ansatz finden. Bild: istock.com
Gerade ist die FIRE-Bewegung wieder hoch im Kurs. Der Trend aus den USA steht für Financial Independence, Retire Early, also finanzielle Unabhängigkeit und früher Ruhestand.
Um möglichst früh in den Ruhestand gehen zu können, arbeiten Anhängerinnen und Anhänger der FIRE-Methode 100 Prozent und teils darüber hinaus, leben extrem sparsam und investieren 40, 50 oder gar bis zu 70 Prozent ihres Einkommens an der Börse.
Für mich klingt die FIRE-Methode ein bisschen zu glatt. Zu einfach – und zu riskant. Wer bis 40 oder 50 Jahre nur arbeitet und asketisch lebt, geht mit seiner Lebenszeit ein riskantes Spiel ein. Denn wer von uns weiss schon, wie es in der zweiten Lebenshälfte um die eigene Gesundheit steht? Ich bezweifle auch, dass FIRE für Frauen mit Kinderwunsch funktioniert.
Die wenigsten Menschen haben einen Beruf und Lebensumstände, die es erlauben, 50 Prozent und mehr des Einkommens an der Börse zu investieren. Zum Vergleich: Der Schweizer Durchschnittshaushalt kommt gerade mal auf eine Sparquote von 5 bis 10 Prozent.
Investieren ohne Rücksicht auf Verluste
Was aus meiner Sicht oft übersehen oder schlicht ignoriert wird: Ohne Rücksicht auf Umwelt, Klima oder Soziales wird in jene Anlagen investiert, welche am meisten Rendite abwerfen. Es wird in Unternehmen investiert, welche die Lebensgrundlagen zerstören oder mindestens beeinträchtigen, von denen unsere Zukunft abhängt.
Das FIRE-System sei unsozial und egoistisch, heisst es oft. «FIRE funktioniert nur, wenn nicht alle so leben. Irgendjemand muss produktiv sein, Steuern und in die Sozialwerke einzahlen», bringt es beispielsweise Finanzexperte Karl Flubacher gegenüber dem «Beobachter» auf den Punkt.
Soft FIRE gibt mehr Lebensqualität und Sinnhaftigkeit
Trotzdem: Der Gedanke, für mehr «Quality-Time» sparsam zu leben und weniger zu arbeiten, hat mich schon immer gereizt. Deshalb habe ich für mich eine «aufgeweichte» Form von FIRE, den Soft-FIRE-Lebensstil entwickelt. Er ähnelt dem Barista-FIRE. Ja, die Bezeichnung existiert tatsächlich. Hier streben die Leute einen frühen Teilruhestand an, arbeiten also in einem teils stark reduzierten Pensum weiter – eben wie bei einem Nebenjob, wofür «Barista» steht.
Blick auf die Limmat und Zürichs Altstadt: Mehr Zeit für sich wünschen sich nicht nur junge Menschen. Bild: istock.com
Ein Arbeitspensum, das Zufriedenheit generiert
Mein Arbeitspensum hat sich in den letzten Jahren bei rund 70 Prozent eingependelt, und ich habe einen Job, der mir Spass macht statt eines Jobs, der mehr Gehalt generiert. Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass Arbeitspensen zwischen 60-80 Prozent mit einer höheren Zufriedenheit einhergehen. Gleichzeitig steigt ab einer 45-Stunden-Arbeitswochen das Burnout-Risiko.
Mein reduziertes Pensum ermöglicht mir jetzt schon, mehr Zeit mit Freunden und Familie, und ich kann mich für die Umwelt engagieren. Dadurch erlebe ich jene Sinnhaftigkeit, die vielen Menschen in unserem System fehlt.
Dafür lebe ich bewusst in einer kleinen Altbauwohnung, kaufe praktisch alles secondhand, repariere oder leihe mir die Dinge. Dank guten öV-Anbindungen und Velo brauche ich kein Auto. Statt Luxus-Ferien gönne ich mir einmal im Jahr Strandferien in einer gemieteten Wohnung und reise dafür mit dem Zug. Meine Lebenshaltungskosten sind gering, mein Lebensstil ist so weit wie möglich ressourcenschonend.
Die Gesundheit geht vor
Allerdings ist mir meine Gesundheit wichtig, gerade mit Blick aufs Alter. Deshalb mache ich beispielsweise bei der Ernährung keine Abstriche. Ich kaufe gesunde Bio-Lebensmittel und koche selbst. Mein Zmittag kommt aus der Lunchbox. Das braucht Zeit, die ich mir bewusst nehme. Ein-, zweimal pro Woche gönne ich mir Restaurantbesuche mit Freunden.
Ich hatte nie einen Kinderwunsch und bin daher insbesondere als Frau nicht nur finanziell wesentlich flexibler als viele Eltern. Ich bin selbständig Erwerbende und habe einen (meistens) gut bezahlten Job, der mir überhaupt erst ermöglicht, weniger zu arbeiten. Gemäss Statistik habe ich ein mittleres Einkommen auf 100 Prozent. Und ja, auch ich zahle mit meinem reduzierten Pensum natürlich weniger Steuern und tiefere AVH/IV-Beiträge.
Die Ausgaben und Anlagen planen ist zentral für einen entspannten Lifestyle. Bild: istock.com
Sparen, aber nicht um jeden Preis
Statt 50 Prozent meines Einkommens, kann ich etwa 20 Prozent anlegen – rund doppelt so viel wie der Schweizer Durchschnittshaushalt. Eine Besonderheit: Als selbständig erwerbende Person trage ich die Sozialversicherungsbeiträge zu 100 Prozent selbst. Die Altersvorsorge teilt sich in Pensionskassenbeiträge und 3a-Fonds.
Bei meiner Soft-FIRE-Lebensweise sollen Vorsorge und Anlage-Depot nicht nur profitabel sein, sondern letztlich auch meine Werte in Sachen Klima, Umwelt und Soziales widerspiegeln.
Bei den 3a-Fonds achte ich auf nachhaltige Anlagelösungen, wobei das Angebot deutlich zugenommen hat.
Seit einigen Jahren lege ich einen Teil meiner Ersparnisse an. Hier gibt es inzwischen ETFs (Exchange Traded Fund) und Fonds, die das Netto-Null-Ziel als Massstab setzen oder eine jährliche CO2-Reduktion anvisieren, welche die Klimaerwärmung deutlich unter 2 Grad halten soll. Orientierung gibt beispielsweise der Swiss Climate Score oder man nimmt eine unabhängige Beratung in Anspruch. Denn geht es um ETFs und Fonds, ist es für Laien immer noch fast unmöglich, die Spreu vom Weizen zu trennen.
Zeit für erfüllende Tätigkeiten
Ich bin jetzt 42 Jahre alt. Mit Soft FIRE ziele ich nicht auf einen Ruhestand mit 50, aber ein 50%-Pensum klingen für mich durchaus erstrebenswert. So habe ich noch ein reduziertes aber sicheres Einkommen und gleichzeitig Ressourcen, um mich ehrenamtlich zu engagieren – sei es für den Klima- oder Umweltschutz. Im Fall der Fälle habe ich Zeit, um mich um meine Eltern zu kümmern oder Freunde zu unterstützen, die auf Hilfe angewiesen sind. Meine Erfahrung zeigt, dass solche Engagements extrem erfüllend sind.
Nur, ob all diese Pläne genauso aufgehen werden? Wer weiss das schon!
