Was vom Sommer übrig bleibt: die Klimarisiken für die Schweiz

3 Minuten
25. September 2025

Der Klimawandel rückt bei vielen Menschen meist erst durch lange Hitzeperioden wie im Juni und August ins Bewusstsein. Die Schweizer Klima-Risikoanalyse des Bundesamt für Umwelt (BAFU) zeigt, wie stark die Städte betroffen sind. Und wie die Auswirkungen der Klimarisiken auf die Gesundheit und die Wirtschaft sind.

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Klimarisiken Schweiz

Im Sommer verstärken versiegelte Flächen – wie hier der Sechseläutenplatz in Zürich – die Hitze in den Städten massiv.  Bild: istock.com

Der Herbst bringt uns gerade kühle Tage, doch die Erinnerung an die aussergewöhnlich heissen Wochen des Sommers 2025 ist noch frisch. Hitzetage über 30 Grad – Genf zählte 35 (!) -, Tropennächte und Trockenperioden haben gezeigt, wie verletzlich Städte, Wirtschaft und Natur in der Schweiz sind. Die Klima-Risikoanalyse des BAFU bestätigt: Solche Extremereignisse werden künftig häufiger auftreten – mit gravierenden Folgen für das ganze Land.

Von 34 untersuchten Risiken stuft der Bund zwölf bereits heute als gross oder sehr gross ein. Sie betreffen nahezu alle Lebensbereiche – von Gesundheit über Landwirtschaft und Ernährung bis hin zur Energieversorgung.

Hitzeinseln in Städten – Genf zu 65 Prozent versiegelt

Besonders deutlich wird der Klimawandel bei zunehmender Hitze. Städte und Agglomerationen sind am stärksten betroffen, weil versiegelte Flächen Wärme speichern. In St. Gallen sind 26 Prozent der Flächen versiegelt, in Bern knapp 30, in Zürich 40, in Basel 60 und in Genf 65 Prozent. Prognosen gehen davon aus, dass es bis 2060 in tiefen Lagen jährlich 15 oder mehr Hitzetage mit über 30 Grad geben wird. Auch Tropennächte, in denen die Temperaturen nicht unter 20 Grad sinken, werden häufiger – mit Folgen für Erholung und Gesundheit. Entsiegelung, Begrünung und der Schutz bestehender Grünräume gelten daher als zentrale Massnahmen für Klimaresilienz.

Folgen für Gesundheit und Wirtschaft

Hitzewellen gefährden insbesondere ältere Menschen, Pflegebedürftige, chronisch Kranke, Schwangere und Kleinkinder. Im Sommer 2023 wurden in der Schweiz 542 Todesfälle direkt mit Hitze in Verbindung gebracht. Indirekt führt die Belastung zu Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, mehr Badeunfällen und einem erhöhten Hautkrebsrisiko. Auch die Wirtschaft leidet: Hitzebelastung verursacht schon heute Kosten in dreistelliger Millionenhöhe. Die Klima-Risikoanalyse des Bundes stuft die gesundheitlichen Folgen und Leistungseinbussen durch Hitze als besonders gravierend ein

Zudem geraten Infrastruktur und Energieversorgung unter Druck. Bahnschienen verformen sich, Strassenbeläge werden beschädigt, Stromleitungen überhitzen. Bei hohen Wassertemperaturen müssen sogar Atomkraftwerke ihre Leistung drosseln oder ganz vom Netz. Landwirtschaft und Forstwirtschaft kämpfen ebenfalls mit Ernteausfällen, Hitzestress bei Tieren und dem Fichtensterben im Mittelland.

Klimawandel Schweiz

Das aktuelle Klimamittel liegt bereits 2,9 Grad Celsius über dem vorindustriellen Durchschnitt 1871-1900 – das hat grosse Auswirkungen.  Grafik: MeteoSchweiz

Trockenheit – zunehmende Knappheit trotz „Wasserschloss Schweiz“

Die Schweiz gilt als Wasserschloss Europas. Doch auch hierzulande wird das Wasser künftig knapper, die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen verdunstet bei steigenden Temperaturen mehr Wasser. Gleichzeitig dauern die Trockenperioden länger und wenn es regnet, dann oft sintflutartig. Sind die Böden zu ausgetrocknet, können sie das Regenwasser nicht speichern, es landet in der Kanalisation und ist weg. Mit der Klimaerwärmung dauert die Vegetationszeit schon heute manchmal bis zu einem Monat länger also noch vor 60 Jahren. Unsere Pflanzen brauchen auch deswegen mehr Wasser. Im Winter hingegen regnet es künftig noch mehr, dann wenn wir eigentlich Schnee bräuchten. Schnee ist der Wasserspeicher für den Sommer, er nährt Flüsse und Seen. Kein Schnee im Winter, bedeutet weniger Wasser im Sommer. Unter 800 Metern über Meer gibt es nur noch halb so viele Schneetage wie noch vor 50 Jahren.

Weniger Wasser im Sommer ist nicht nur schlecht für die Biodiversität, sondern auch für die Landwirtschaft, Wälder, Energieproduktion oder die Trinkwasserversorgung. Der Bund hat im Frühling ein nationales Warnsystem für Trockenheit lanciert. Ziel ist, Engpässe frühzeitig zu erkennen und koordinierte Massnahmen zu ermöglichen – zum Beispiel bei der Wassernutzung für Bewässerung, Energie oder Industrie.

Biodiversität und Natur unter Druck

Wälder, Feuchtgebiete, Wiesen – die natürlichen Ökosysteme der Schweiz geraten zunehmend unter Stress. Hitze, Trockenheit und Schädlinge machen ihnen zu schaffen. Das bedroht die Artenvielfalt. Intakte Lebensräume und die Interaktion der verschiedenen Arten sind die Basis für sauberes Wasser, gefilterte Luft, Nahrungsmittel, Schutz vor Naturgefahren oder Erholung draussen in der Natur. Das WEF hat 2020 in seinem Global Risk Report darauf hingewiesen, dass mehr als die Hälfte des globalen BIPs von den sogenannten Ökosystemleistungen, also von der Natur mit ihren ökologischen Zusammenhängen, abhängig ist. Der Mensch ist Teil der Natur. Geht es ihr schlecht, geht es auch uns schlecht.

Wald CO2

Wälder geraten unter Stress – als CO2-Senke und Lebensraum generell.  Bild: istock.com

Starkregen und Oberflächenabfluss

Neben Trockenheit wird auch Starkregen häufiger zum Problem. Besonders gefährlich wird er, wenn er auf versiegelte oder ausgetrocknete Böden trifft. Das Wasser kann nicht versickern und führt zu Überschwemmungen, die Gebäude, Infrastruktur und Betriebe gefährden. Auch diese Risiken werden zunehmen, nicht zuletzt, weil den Böden gemäss Analyse zuwenig Sorge getragen wird, sei es wegen der Versiegelung, sei es wegen der intensiven Landwirtschaft.

Als stark vernetztes Land spürt die Schweiz auch Folgen extremer Wetterereignisse im Ausland – etwa durch unterbrochene Lieferketten, Rohstoffengpässe oder Ernteausfälle. Wenn im Süden Europas Ernten ausfallen oder Häfen geschlossen werden, wirkt sich das direkt auf die Schweiz aus. Solche «systemischen Risiken» könnten künftig sogar gravierender sein als die direkten Klimafolgen im Inland, ist ein weiteres Fazit der Klima-Risikoanalyse des Bundes.

Entsiegelung gegen Hitzeinseln

Die Analyse macht deutlich: Klimaanpassung ist neben Emissionsreduktionen entscheidend. Je naturnaher die Umgebung, je vielfältiger, aber auch hitze- und trockenheitsbeständiger sie ist, desto eher sind die Risiken berechenbar. Zusätzlich können Bauten, Strassenzüge, generell der freie Raum hitzetauglich gestaltet werden. Die Schwammstadt kommt hier ins Spiel. Landwirtschaft kann auf trockenresistente Sorten setzen, Wälder können widerstandsfähiger aufgeforstet, Wasser besser verteilt werden.

Der Sommer ist vorüber, doch die Herausforderungen bleiben. Die Klima-Risikoanalyse zeigt: Anpassungsmassnahmen sind nicht irgendwann, sondern sofort notwendig, um Gesundheit, Wirtschaft und Lebensqualität langfristig zu sichern.

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Autor:in: Bettina
Walch
Die ehemalige SRF-Kaderfrau Bettina Walch leitete zwei Jahre lang das SRF-Projekt «Mission B» für mehr Biodiversität und setzt sich heute mit ihrer Geschäftspartnerin Isabella Sedivy und ihrem Team bei Plan Biodivers und den Asphaltknackerinnen für naturnahe Lebensräume ein.
planbiodivers.ch
Kommentare
  • Avatar-Foto Beatrice:

    Sehr informativ. Lässt mich die Zusammenhänge verstehen.

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