«Bäume pflanzen? Wir müssen vor allem die Abholzung stoppen!»

10 Minuten
November 19 | 2021

«Bäume pflanzen ist nicht die Lösung für die Klimakrise, nur ein Werkzeug», sagt Dan Maynard vom Crowther Lab der ETH Zürich. Der US-Wissenschaftler erklärt, wie hochkomplex das Ökosystem Wald ist, warum der zerstörerische Sturm in Zürich auch gute Seiten hatte und wo Bäume nichts verloren haben.

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Abholzung Wald Bäume pflanzen

Die Welt verliert an Wald: Weltweit wird jährlich mehr als die vierfache Fläche der Schweiz abgeholzt. Aber irgendwo neue Bäume zu pflanzen ist nicht die Lösung. Bild: istock.com

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Dan Maynard, wenn die Leute heutzutage über Bäume reden, geht es oft nur um die Kohlenstoff-Aufnahme. Wie wichtig sind Bäume, um die Klimakrise zu stoppen oder zu verlangsamen?

Dan Maynard: Ja, viele Leute denken heute beim Thema Wald nur an Kohlendioxid und Klimakrise. Aber Wälder bieten zahlreiche Vorteile. Sie filtern die Luft, stabilisieren den Boden und stehen für eine riesige Biodiversität. Und natürlich nehmen sie Kohlenstoff auf. Wälder sind die Lungen des Planeten. Bäume speichern das Kohlendioxid im Holz. Und sie geben Sauerstoff ab. Ganz wichtig ist aber, dass wir Wälder nicht nur als Kohlenstoff-Schwamm ansehen. Bäume sind wichtig. Aber keine noch so grosse Wiederaufforstung bringt uns etwas, wenn wir die Emissionen nicht runterfahren.

Was tust du für die Wälder?

Die Natur allein kann uns nicht retten.

Um den Klimawandel zu stoppen braucht es eine Vielzahl von Lösungen. Die Natur hilft uns dabei. Dank ihr können wir einen Teil des Kohlenstoffs wieder binden, den der Mensch in die Atmosphäre freigesetzt hat. Aber das bringt nur etwas, wenn wir damit aufhören, weiterhin Emissionen zu verursachen. Natürliche Ökosysteme können zwar Kohlenstoff speichern, aber sie sind nicht die alleinige Lösung für die Klimakrise. Wir müssen dringend die Emissionen und die Abholzung stoppen.

Am Klimagipfel in Glasgow versprachen über 100 Länder, ab 2030 auf Abholzung zu verzichten. Sie repräsentieren 85 Prozent der Waldfläche. Das sind 34 Millionen Quadratkilometer. Wie entscheidend wäre die Einhaltung dieses Versprechens?

Falls alle tatsächlich Wort halten, ist es ein grosser Schritt. Nicht nur aus Sicht der Kohlenstoff-Speicherung. Sondern wenn wir von der Gesundheit des Ökosystems reden. Vielfältige und gesunde heimische Ökosysteme sind wichtig gegen extreme Feuer, Bodenerosion, extreme Wetterereignisse. Sie können die Auswirkungen der Klimakrise abfedern. Aber auch unabhängig von der Klimakrise sind Wälder uns wichtig.

Gab es ähnliche Versprechen nicht schon früher?

Ja. Einige der Länder haben dasselbe schon vor einem Jahrzehnt versprochen. Aber viele Regierungen könnten jetzt begriffen haben, dass wir an einem kritischen Moment sind. Alle wissen jetzt, dass die Klimakrise da ist. Diesen Schritt hätten wir schon vor 30 Jahren machen müssen. Aber es ist ein richtiger Schritt.

Was muss geschehen, damit Länder wie Brasilien und Russland solche Versprechungen einhalten?

Es muss weiterhin Druck ausgeübt werden, damit es vorangeht mit dem Umwelt- und Klimaschutz. Es ist jedoch wichtig zu erkennen, dass es viele Gründe für die Abholzung von Wäldern auf der ganzen Welt gibt. In einigen Fällen können die Menschen ihre Lebensqualität verbessern, indem sie die Wälder für andere Zwecke nutzen. Die Weidehaltung von Rindern kann ihnen zum Beispiel zu einem höheren Einkommen verhelfen. Es geht dabei natürlich um wirtschaftliche Interessen. Und es muss einfach mehr Anreize geben, ökologisches Handeln als ökonomisch nachhaltige Lösung zu betrachten. Auf Dauer kann es nur gemeinsam mit der Natur gehen. Dies werden alle Länder früher oder später begreifen müssen.

Besser den Konsum verändern als Bäume pflanzen

Waren die wirtschaftlichen Interessen nicht immer wichtiger?

In Europa und den USA mussten Wälder die letzten fünfhundert Jahre für Menschen weichen. Weil die Bevölkerung wuchs.  Wir müssen vorsichtig sein, wenn es darum geht, die Beweggründe der Menschen rund um den Globus zu beurteilen. Aber es gibt Punkte, wo wir ansetzen können. Die Zerstörung von Tropenwäldern zur Gewinnung von Palmöl oder zum Abbau von Metallen ist eine Folge unserer weltweiten Nachfrage nach diesen Produkten.  Wir können durch unsere Konsumentscheide vieles beeinflussen. Wenn wir weniger Fleisch essen, gibt es für Landwirte auf der ganzen Welt weniger Anreize, einen Wald in eine Viehweide umzuwandeln. Wir müssen schauen, was in den Produkten ist, die wir kaufen. Jeder Kaufentscheid zählt.

Was passiert, wenn ein Urwald-Gigant gefällt und dort ein neuer Baum gepflanzt wird? Wann kann der junge Baum den alten in seiner Leistung punkto CO2-Aufnahme ersetzen?

Oft ist es viel komplizierter als das. In vielen Fällen kann man nicht einfach dieselben Bäume pflanzen, die gefällt wurden. Manche Baumarten können sich nur an offenen und sonnigen Stellen regenerieren. Historische Ereignisse wie Waldbrände, Wirbelstürme oder Überschwemmungen können die Entwicklung eines Waldes zurücksetzen. Und diesen Bäumen dann das Nachwachsen ermöglichen. Wir müssen uns bewusst sein, dass Brände oder Stürme auch ein natürlicher und gesunder Prozess für die Erneuerung der Wälder sind. Aber halt nicht in dieser Frequenz, wie wir es jetzt erleben.

Wenn wir aber einen Mahagoni-Baum fällen und woanders dieselbe Sorte pflanzen?

Es würde hunderte von Jahren brauchen, um gleichviel Kohlenstoff zu binden. Daran müssen wir denken, wenn wir irgendwelche Emissionsausgleich-Programme fördern. Wir stossen jetzt etwas aus. Aber der Kohlenstoff wird erst in 100 Jahren absorbiert sein. Darum müssen wir zuerst schnell aufhören, CO2 zu emittieren.

Forschung im Wald gogreen

Der Wissenschaftler Dan Maynard (links) bei einer Untersuchung zur Gesundheit des Waldes im Bundesstaat Oregon (USA).  Bild: DM

Der Förster Peter Wohlleben ist im deutschsprachigen Raum sehr bekannt. Er hat den Bestseller «Das geheime Leben der Bäume» geschrieben. Von der Masse geliebt, Wissenschaftler schütteln oft den Kopf über ihn. Kennen Sie ihn?

Ja, ich kenne das Buch.

Bäume pflanzen als Greenwashing? Nur bedingt!

Er sagte jüngst in einer Talkshow: «Aufforstung ist Greenwashing. In den ersten Jahren bis Jahrzehnten wird durch frischgepflanzte Wälder mehr CO2 aus dem Boden freigesetzt als die neugepflanzten Bäume absorbieren.» Die Wissenschaftlerin Susan Cook sagt hingegen, dass junge Wälder nach den ersten 10 Jahren am meisten CO2 binden. Was ist wissenschaftlich nun korrekt?

Aufforstung bedeutet im Gegensatz zur Wiederaufforstung, einen Wald in einem Gebiet zu fördern, das von Natur aus kein Wald ist. Dies ist selten eine geeignete Lösung, um dem Klimawandel zu begegnen. Die Umwandlung von einem Ökosystem in ein anderes kann äusserst schädlich sein. Sie kann nicht nur den lokalen Kohlenstoff-Kreislauf stören, sondern auch zu massiven Verlusten bei der biologischen Vielfalt führen.

Kann Aufforstung also als Greenwashing bezeichnet werden?

Jedes Ökosystem hat seine eigene einzigartige Kombination von Pflanzen-, Tier- und Mikrobenarten. Natürliche Lösungen gegen den Klimawandel beinhalten selten die Umwandlung eines Ökosystems in ein anderes. Es sei denn, es ist für das menschliche Wohlbefinden notwendig. Bei der Wiederherstellung geht es in der Regel darum, die Wälder in Gebieten zu regenerieren, in denen sie von Natur aus wachsen. Falsch betriebene, ökologisch nicht nachhaltige Aufforstung ist aber kontraproduktiv. Wenn sie nicht dem Ziel dient, das Ökosystem wiederherzustellen. Zudem darf Aufforstung niemals als Rechtfertigung dienen, weiterhin Emissionen zu verursachen.

Angenommen, ich will etwas Gutes tun und Bäume pflanzen. Woran erkenne ich ein gutes Regenerationssprojekt?

Bei den guten Projekten geht es nicht ums Bäume pflanzen, sondern um die Wiederherstellung eines Ökosystems. Und die verantwortungsvollen Projekte binden die lokale Bevölkerung und ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse mit ein.

Können Sie erklären, wo das Problem mit Monokulturen liegt?

Wenn wir einfach diverse Reihen derselben Bäume pflanzen, ist und wird das kein Wald. Weil es keine Biodiversität unterstützt. Es ist eher ein Garten. Diese Plantagen wachsen zwar schnell, sind aber extrem anfällig für Krankheiten, Waldbrände und so weiter. Sie können in einer Lichtung zwar wahnsinnig schnell wachsen. Aber wenn sie eine gewisse Grösse haben, wachsen sie nicht weiter. Sie konkurrieren sich gegenseitig, sterben ab. Die Chance ist gross, dass das Kohlendioxid innerhalb von 100 Jahren bereits wieder freigegeben wird. Alte Wälder sind aber hunderte, wenn nicht tausend Jahre alt. Ein Baum stirbt, ein anderer kommt. Bei Monokulturen sind sie alle gleich alt.

Wie vielfältig muss ein Wald sein, damit er gesund ist?

Die Vielfalt ist entscheidend. Wir müssen gesunde Wälder mit grosser Biodiversität zurückgewinnen. Dabei geht es auch um die richtige Auswahl. Stimmt das Klima, der Boden und so weiter. Dann ist ein Wald widerstandsfähiger und produktiver. Jeder Baum benutzt eine unterschiedliche Menge an Licht, Wasser und Nährstoffen. Werden die richtigen Bäume miteinander kombiniert, ergänzen sie sich gegenseitig. Indem sie unterschiedliche Nährstoffe nutzen. Das macht den gesamten Wald um ein Vielfaches resistenter gegen Stressbedingungen.

In Europa braucht es dringend mehr Mischwälder

Es gibt Experten, die sagen, wir müssten in Mitteleuropa bei steigender Temperatur mehr Läubbäume pflanzen. Nadelbäume gehörten in kältere Gebiete. Stimmt das?

Nein nicht grundsätzlich. Es gibt Nadelbaumarten, die sehr wohl in warmen und trockenen Gebieten wachsen. Wichtig ist, dass jede Baumart eine Nische hat. Und selbst in der Klimakrise gibt es Platz für Nadelbäume. Je nachdem halt etwas höher gelegen und nicht im Tal. Historisch gesehen wurden aber vor allem in Mitteleuropa sehr viel Nadelbaum-Monokulturen gepflanzt, die dringend durch gesunde Mischwälder ersetzt werden müssen.

Sind die meisten Wälder in Europa und den USA eigentlich gesund oder bereits geschädigt von der Klimakrise?

Die USA sind ein gutes Beispiel. Im Westen gibt es seit Jahrzehnten grosse Waldbrände. Wichtig zu wissen ist, dass Waldbrände von Natur aus gut für diese Ökosysteme sind. Sie können sich so erneuern. Bei gewissen Nadelbäumen öffnet erst die Hitze eines Feuers die Tannzapfen mit den Samen. Was wir als katastrophal ansehen, kann für den Wald wichtig und nötig sein. Was nicht normal ist, sind derzeit die Häufigkeit, die Schwere und Intensität der Waldbrände. Ein Feuer kam früher vielleicht mal alle hundert Jahre vor. Jetzt passiert das viel häufiger. Vielleicht alle 25 Jahre im Durchschnitt. In gewissen Regionen wie in Kalifornien fast jährlich.

Ist nur die Klimakrise daran schuld?

Ein Teil ist auf die Klimakrise zurückzuführen. Die Wälder vertrocknen, weil es wärmer wird und zum Teil auch weniger Niederschlag gibt. Das bedeutet mehr Stress für Bäume. Dies wiederum steigert das Risiko, von Krankheitserregern befallen zu werden und abzusterben.  Aber es geht auch um das Management des Bodens und der Wälder. Wenn zum Beispiel gesunde kleine Feuer unterbunden werden. Diese würden ganz viel herumliegendes Material vernichten. Wenn sich das ansammelt, haben wir plötzlich sehr viel Brennmaterial, das zu einem massiven Feuer führen kann. Was also gut gemeint ist, kann am Ende viel mehr kaputtmachen.

Das hat ja Donald Trump gesagt, um nicht auf die Klimakrise eingehen zu müssen. Einfach mal den Wald aufräumen, dann kommt es schon gut.

(lacht) Ja, genau, «wischt einfach im Wald einmal völlig durch», so etwas. Aber das ist natürlich auch nicht gesund. Denn wenn wir alles rausnehmen, ist es ein Garten mit Rasen, nicht ein Wald. Es geht darum, dass wir nur minimal intervenieren sollten. Und wirklich schauen, was diese Wälder brauchen. Denn Wälder sind wichtig für die Bodenqualität, Wasserqualität, Luftqualität. Darum achten auch Regierungen drauf. Denn wir sind abhängig von intakten Wäldern.

Waldbrand in Kalifornien Aufforstung gogreen

Die Feuersbrunst eines Waldbrands in Kalifornien. Danach Bäume pflanzen ist unnötig – der Wald regeneriert sich selbst.

Abgesehen davon, tun Wälder uns psychisch und physisch gut.

Absolut. Wenn wir in einem Wald spazieren gehen, atmen wir ganz andere Luft ein als irgendwo in der Stadt.

Mangroven-Wäldern wird nachgesagt, sie seien eine der wichtigsten Waldarten im Kampf gegen die Klimakrise.

Ja, sie können extrem viel Kohlenstoff speichern. Sind aber auch ein Schutz gegen das Meer, beherbergen eine enorme Zahl von Lebewesen und sind so ein wichtiger Pfeiler der Biodiversität. Sie sind ein einzigartiges Ökosystem. Es braucht hunderte Jahre, Mangroven-Wälder wieder wachsen zu lassen. Deshalb ist auch hier der Schutz wichtiger als die Aufforstung.

„Wir können einen Wald nicht bauen“

Wir Menschen denken, alles schnell reparieren zu können.

Es ist ein wenig selbstgerecht und selbstgefällig, das zu denken. Wir können einen Wald nicht bauen. Darum ist bei der Wiederherstellung eines Ökosystems wichtig, einen Wald selber natürlich nachwachsen zu lassen und nur hier und da leicht korrigierend einzugreifen. Es geht also weniger ums Pflanzen, als vielmehr darum, dass wir die Regeneration ermöglichen. Wir müssen dem Wald nur die Bühne bereiten. Und darum ist das wichtigste, Wälder erstens zu schützen.

Wenn Sie in Zürich durch einen Wald gehen, was sehen Sie da? Wie steht es um die Biodiversität?

Generell gibt es einen schönen Mix aus Nadelbäumen und Laubbäumen. Ähnlich wie im Rest Europas und in den USA. Und Lärchen mit gelber Farbe im Herbst sind auch typisch. Die Schweizer schauen zu ihren Wäldern, haben Respekt vor dem komplexen Ökosystem. Vielleicht auch, weil sie gerne rausgehen in die Natur. Wälder sind ein Bestandteil des Lebens der Schweizer. Darum werden sie hier wirklich sorgsam gepflegt.

Diesen Sommer gab es in Zürich diesen zerstörerischen Sturm. Dieser fällte tausende von Bäumen. Warum schafft das ein Sturm, wenn diese Wälder gesund sind?

Es ist exakt so, wie Wälder sich eigentlich regenerieren. Durch massive Stürme oder eben Waldbrände. Gegen extreme Stürme können grosse Bäume eigentlich nichts tun. Das ist Physik. Der Druck wird oben so gross, dass sie brechen oder fallen. Solche Störungen sind sogar sinnvoll für die Biodiversität des Waldes. Totholz ist ein wesentlicher Bestandteil eines gesunden, natürlichen Waldes. Da sich darin eine Vielzahl von Pilzen und Mikroorganismen befinden, die wichtig für das Ökosystem sind. Allerdings trägt intensive Forstwirtschaft oft dazu bei, das Risiko von extremen Sturmschäden zu erhöhen. Zum Beispiel durch Windschneisen. Die entstehen, wenn ganze Waldabschnitte abgeholzt worden sind und durch das oftmals zu junge Alter von Bäumen in bewirtschafteten Wäldern.

Aber die Zerstörung war im Prinzip ein natürlicher Vorgang.

Im Prinzip schon. So erneuern sich Wälder. So bleibt die Vielfalt erhalten. Mit jungen und alten Wäldern. Jetzt, wo diese Wälder auf einer gewissen Fläche weg sind, wird es neues Leben geben. Eine Menge anderer Vögel, Säugetiere und andere Lebewesen, die dort jagen und leben. Unterschiedliche Waldstrukturen sind wichtig für die Biodiversität. Es gibt Leute, die das als Tragödie ansehen. Doch die Natur liebt solche Ereignisse. Aber wie erwähnt: Solche Ereignisse kommen derzeit einfach viel zu oft vor. Wenn wir solche Extremwetter-Ereignisse jährlich sehen werden, haben wir ein riesiges Problem. Das sehen wir bei den Waldbränden in den USA.

In vielen Regionen wird die Einbindung der lokalen Bevölkerung wichtig sein. Auch bei der Bewirtschaftung von Waldgebieten. Welche Projekte sind hier erfolgsversprechend?

Wichtig ist für Menschen, die Wälder bewirtschaften, ihr Ertrag. Wenn sie beispielsweise bei Kakaoplantagen entdecken, dass der Ertrag höher ist, wenn darüber noch eine Baumdecke von anderen Bäumen wächst. Hier kann die Wissenschaft mit Daten helfen. Diese gemischten Nutzwälder haben den Vorteil, dass sie einen Teil der heimischen Biodiversität schützen. Im Gegensatz dazu ist ein Kahlschlag mit einer frischen Kakaoplantage natürlich das Negativbeispiel.

Wald am falschen Ort ist gefährlich

Wälder sind dunkle Flächen, die Hitze absorbieren und die Sonneneinstrahlung nicht reflektieren. Wo sind Wälder im Hinblick auf die Klimakrise darum kontraproduktiv?

Die Reflexion der Sonne von unterschiedlichen Oberflächen ist ein grosses Thema. Wenn wir einen Wald pflanzen, wo vorher nie einer war, ist es gefährlich. Wir verändern den Wasserkreislauf, den Boden und eben den Grad der Reflexion. Wenn es vorher beispielsweise Grasland war. Andererseits entstehen über grossen Waldgebieten auch oft mehr Wolkengebilde. Und diese Wolken reflektieren die Sonneneinstrahlung wiederum, was zu einer Abkühlung des Klimas führt. Auch deshalb ist die Unterscheidung zwischen Aufforstung und Wiederaufforstung so wichtig. Bei der Wiederaufforstung geht es um die Förderung eines natürlichen Zustands. Bei der Aufforstung geht es darum, das Ökosystem zu verändern. Und das kann unbeabsichtigte Folgen für den Klimawandel haben. Zum Beispiel Veränderungen der Sonnenreflexion.

Wie verändern sich denn die Temperaturen mit und ohne Wald?

Wir haben gerade aktuelle Studien, die zeigen, wie es nach einem Kahlschlag in gewissen Regionen sofort viel wärmer wird.

Wenn in Island und in Grönland plötzlich viele Bäume wachsen, ist das gut? Es gibt dort sogar Organisationen, die Bäume pflanzen.

Wenn das Eis zurückgeht, der gefrorene Boden auftaut und dort Bäume wachsen, ist das sicher unvorteilhaft. Ein Indiz, dass gerade sehr vieles schiefgeht. Eis reflektiert nun mal die Sonne. Wir sollten uns Wälder auch nicht überall auf der Erde wünschen. Es gibt Orte, wo sie hingehören. Und Orte, wo sie nicht hingehören. In der Klimakrise geht es nicht nur um Wälder. Es geht um die richtigen Ökosysteme am richtigen Ort.

Biodiversität ist der Schlüssel. Aber es ist ein sehr schwieriges Puzzle zu lösen.

Ja, es gibt eine gewaltige Anzahl von Pflanzen und Tieren, die miteinander verwoben sind. Wenn wir Computer-Modelle anschauen, welche die unterschiedlichen Arten einbezieht, kommt es fast immer auf dasselbe Ende heraus. Das Ökosystem kollabiert wenn die Artenvielfalt drastisch abnimmt. Ein Wald kann aus hundert verschiedenen Bäumen bestehen, die Tropen aus Millionen verschiedenen Insekten. Und so weiter. Und wir verstehen die Prozesse noch viel zu wenig, wie diese miteinander alle verwoben sind.

Wissenschaftler Dan Maynard Bäume pflanzen

ETH-Wissenschaftler Dan Maynard: „Bäume pflanzen ist nicht die Lösung, nur ein Werkzeug.“

Darum müssen wir die Natur alleine lassen?

Ja, wie gesagt: Wir sollten der Natur einfach die Bühne überlassen, das zu tun, was sie tut. Wir können die hunderttausenden von Interaktionen untereinander nicht verstehen. Das Problem ist momentan, dass wir wirklich an Diversität verlieren. Wenn wir hier und da Arten verlieren, steuern wir immer näher auf den Kollaps zu. Es gibt Schlüssel-Arten, die entscheidende Rollen spielen. Wenn so eine ausstirbt, wird es schwierig.

Zum Beispiel?

Grosse Raubtiere wie der Wolf. Wenn wir die rausnehmen aus der Gleichung, kann es drastische Auswirkungen haben. Ob der Wildbestand dann Überhand nimmt oder sonst etwas. Das setzt eine ganze Kettenreaktion in Gang. Und dies verändert das Ökosystem. Darum müssen wir unbedingt schauen, dass wir die Artenvielfalt erhalten. Wenn etwas verloren ist, dauert es Millionen von Jahren, etwas wieder zu bringen.

Was macht Sie nach dem Klimagipfel in Glasgow hoffnungsvoll?

Dass alle begriffen haben, wo wir stehen. Niemand zweifelt mehr die Klimakrise an. Die Leute sind motiviert, etwas zu tun. Wir brauchen die Regierungen nicht nur immer und überall. Wir haben selbst vieles in der Hand. Der Zynismus der Politiker soll uns nicht lähmen. Die jüngere Generation hat wirklich genug. Und ich hoffe, dass diese Generation selber etwas verändert. Wir können durch den Konsum soviel verändern. Es gibt immer die Leute, die sagen, es passiert doch nichts. Aber schauen Sie nur einmal, was in den Läden bereits an Fleischersatzprodukten angeboten wird. Eine Explosion von Produkten. Das kommt nicht von ungefähr. Das Angebot ist mittlerweile gross. Und wir steuern diese Maschine durch unsere Nachfrage. Das wird nur noch zunehmen. Es passiert etwas in der richtigen Richtung. Und das ist nur eines von vielen Beispielen.

 

Dr. Daniel Maynard ist Oberassistent im Crowther Lab der ETH Zürich. In seiner Forschungsarbeit untersucht er die wechselseitigen Beziehungen zwischen unterschiedlichen Lebewesen in grossen, artenreichen Ökosystemen. Ursprünglich als Mathematiker ausgebildet, erstreckt sich Maynards Arbeit auf die Bereiche Forstwissenschaft, öffentliche Gesundheit, Umweltschutz und ökologische Theorie.

 

Der Journalist ist Co-Founder und Chefredaktor des Magazins
Go Green.
www.christianbuerge.com

Kommentare

  • Janine Grossen:

    Ich habe gar nicht gewusst, wie wenig ich über den Wald weiss. Interessantes Interview!

  • Emanuel:

    Sehr, sehr interessant, danke!!

  • www.waldkrone.org:

    Wir freuen uns über Ihren Artikel. 100% dabei – außer Waldpflege, da sehen wir immer noch viel Kahlschlag und Hitzeinseln in der Forstwirtschaft. Das schadet massiv dem Waldboden – irreparable. Die Folgeschäden sind auch ein Grund für das “Vertrocknen” der Bäume und die Sturmschäden. Kommen Sie mal auf unsere Seite unter Rubrik: Schäden der Forstwirtschaft, dort wird es genauer erklärt.

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