Steuermillionen für die Vermarktung
von Fleisch

2 Minuten Lesezeit
Juni 27 | 2021

Greenpeace Schweiz rüttelt mit der Kampagne «Keine Steuergelder für Werbemärchen» Politik und Konsumenten auf. Die Steuermillionen fliessen, damit die Menschen noch mehr Fleisch essen. Warum eigentlich?

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Werbemärchen mit Schweizer Fleisch

Schweiz-Idylle: Die Greenpeace-Kampagne „Steuergelder für Werbemärchen“will Augen öffnen.

Bild: zvg/Greenpeace

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50,9 Kilogramm Fleisch – so hoch war der Pro-Kopf-Konsum pro Jahr in der Schweiz im Jahr 2020. Ein sattes Kilo pro Woche. Das ist viel mehr, als die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) empfiehlt. Und auch eine schwere Last für die Umwelt. Denn die Nutztierhaltung ist in der Schweiz für über 14 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich. Von den 43 000 Tonnen Ammoniak, die schweizweit anfallen, stammen 93 Prozent aus der Landwirtschaft. Und die Gülle nimmt seit 2014 enorm zu. Wir exportieren jährlich 25 000 Tonnen. Umso grotesker mutet es an, dass im Jahr 2020 rund 39 Steuermillionen ins Marketing der Fleisch-, Eier- und Milchindustrie flossen.

Absatzförderung des Bundes

Die Absatzförderung des Bundes: Nebst Käse, Milch und Butter kurbelt er auch den Fleischverkauf an.

Grafik: ZHAW Zürich/Greenpeace

 

Alexandra Gavilano, Projektleiterin Landwirtschaft und Klima von Greenpeace Schweiz, sagt dazu: «Es ist unerhört, dass der Staat in dieser Zeit noch umweltzerstörende Produkte fördert und finanziert.» Die Steuergelder machen die Menschen so ungewollt zu Mittätern. «Gleichzeitig definiert der Bundesrat den Klimaplan 2050, sowie eine nachhaltige Strategie 2030.»

Proviande, die Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, besitzt die Werbemarke „Schweizer Fleisch“. Unter dem vom Bund definierten Logo «Schweiz natürlich» bewirbt er Schweizer Fleisch. Weil das Bundesamt für Landwirtschaft vorgibt, dass die Vorteile des inländischen Produkts gegenüber Importfleisch unbedingt gezeigt werden müssen. Es muss nicht einmal den IP-Vorgaben entsprechen. Es kann auch aus Massentierhaltung stammen.

„Das System ist schlecht, nicht die Bauern“

«Nicht die Bauern sind schlecht, sondern das System dahinter», sagt Gavilano. «Denn der Detailhandel bewirbt den Konsum von Fleisch bereits. Gleichzeitig wird auch noch mit von Steuergeldern finanzierten ‘Gluschtig’-Macher-Werbungen operiert. Oder mit bezahlten Werbungen in Zeitschriften – mit irreführenden Fakten. Dies, während die Bevölkerung mehr Nachhaltigkeit fordert. Sie hat im Unwissen das Gefühl, Poulet sei besser fürs Klima als ein vegetarisches Ersatzprodukt. Die Fleischindustrie ist gross genug und kann die inländischen Produkte auch mit Eigenmitteln vermarkten. Das ist definitiv nicht die Rolle des Bundes oder der Steuerzahler. Statt dass der Bund Sensibilisierungsarbeit macht, damit die Leute weniger Fleisch essen, ist das Gegenteil der Fall.»

 

Für die Produktion von Schweizer Fleisch wird massiv Futtermittel importiert.

Grafik: ZHAW/Greenpeace

 

Zentral ist für Gavilano vor allem die Futtermittelproblematik. Eine von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) durchgeführte Studie zeigt die Abhängigkeit der Fleisch- und Milchindustrie von Futtermittelimporten aus dem Ausland. Beim Kraftfutter (Weizen und Soja) sind es satte 55 Prozent. 1,4 Millionen Tonnen beträgt der jährliche Import aus Ländern wie Brasilien. Die Fleischproduktion ist abhängig davon.

Schweizer Fleisch als Etikettenschwindel

«Die Treibhausgas- und Stickstoffemissionen im Ursprungsland der Futtermittel kommen dazu. Und die Marke ‘Schweizer Fleisch’ ist ein Etikettenschwindel», sagt Gavilano. Hochleistungsrassen erzeugen auch viele Milchprodukte. Die Bauern verfüttern ihnen importiertes Kraftfutter. Global gesehen ist das Geflügel das Hauptproblem. In der Schweiz sind es von jährlich 70 Millionen geschlachteten Tieren über 60 Millionen Hühner, die mit importiertem Soja gefüttert werden.

Beim Geflügel ist der Anteil am Importfutter am höchsten, gefolgt von Schweinen und Rindern.

Grafik: ZHAW/Greenpeace

 

Gavilano plant eine politische Vorlage. «Eine Lenkungsabgabe für tierische Produkte. Die soll in einen Transitions-Fonds für die Umstellung von Bauernhöfen fliessen.» Das Ziel: Wegkommen von der Nutztierhaltung und eine generelle Umstellung auf ökologische Landwirtschaft. Die Nutztierhaltung beansprucht in der Schweiz derzeit 86 Prozent aller Landwirtschaftsflächen.  «Die Bauern bekommen zuwenig Anreize, um umzusteigen. Es ist wie bei der Klimabewegung. Der Druck der Strasse muss grösser werden.»

Der Journalist ist Co-Founder und Chefredaktor des Magazins
Go Green.
www.christianbuerge.com

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