Grüne Häuser - das Comeback der Gartenstadt / Teil 1

6 Minuten
August 19 | 2021

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus? Viele denken an futuristische Häuser, Freiflächen, Windmühlen, Sonnenkollektoren und viel Grün. Die Architektin Aparna Oommen Sahlender erklärt im ersten Teil, wie wichtig begrünte Dächer und Fassaden werden und gibt Tipps zur Begrünung.

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Die Liuzhou Forest City in China, entworfen vom italienischen Architekten Stefano Boeri, soll einst Platz für 30 000 Menschen bieten und 10 000 Tonnen CO2 pro Jahr absorbieren.

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Wenn wir auch in den nächsten 30 Jahren ein angenehmes Stadtklima haben wollen, ist die Begrünung von Gebäuden unerlässlich. Der Klimawandel macht sich durch steigende Temperaturen bemerkbar. Das hat dieser Sommer in Süd- und Osteuropa gezeigt. Auch häufigere Extremwetter-Ereignisse wie Gewitter und Starkniederschläge treten auf. Mit verheerenden Konsequenzen – wie in Deutschland und der Schweiz gesehen. Die Vision der grünen Städte könnte zumindest Linderung verschaffen. Wobei sich die Ideen von grün zu blau-grün wandeln. Denn auch der Umgang mit Wasser in den Städten wird in den nächsten Jahren eine wichtige Rolle spielen.

Stadt und Land: Bis zu 10 Grad Unterschied

Aufgrund des städtischen Wärmeinsel-Effekts besteht ein Temperaturunterschied von bis zu 10 Grad zwischen der Stadt und dem Umland. Gebäude wirken oft als Barrieren für Kaltluftströme, was die Abkühlung einschränkt. Klassische Materialien von Gebäudeoberflächen wie Beton, Blech oder Glas haben eine niedrige Reflexionsstrahlung. Sie absorbieren mehr Sonnenstrahlung als sie reflektieren.

Stadtplaner*innen, Architekten*innen und Landschaftsgestalter*innen haben darum eine zusätzliche Anforderung zu berücksichtigen: eine stadtklimatisch günstige Bebauung. Begrünte Dächer und Fassaden haben eine kühlende Wirkung auf das Mikroklima. Das wird eine wichtige Massnahme gegen die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit der Menschen. Da die Verdichtung der Städte voranschreitet, bleibt wenig Platz für Erholungsräume und Grünflächen. Grüne Dächer können da als Ersatz für traditionelle Gärten dienen.

Hobbit-Häuser als Vorbild

Wer die Ferien gerne in Island, Norwegen, Schweden oder Dänemark verbringt, kennt die typischen Holzhäuser mit Grasboden-Dächern. Eine jahrhundertealte Tradition, welche zum Strassenbild Skandinaviens gehört.  Harmonisch fügen sie sich in hügelige grüne Landschaften. Sie bieten angenehme Kühle im Sommer und wohlige Wärme im Winter. Die Fans der Saga „Lord of the Rings“ werden ähnliche Elemente in den Hobbit-Häusern finden, die in ganz Europa immer beliebter werden.

Vorbild Hobbithaus: Viele Elemente werden auch für Häuser in Europa übernommen.   Bild: unsplash/Adrien Aletti

Grüne Dächer speichern bis zu 80 Prozent des Regenwassers. Und verdunsten es langsam wieder. Das entlastet die Kläranlagen und schafft ein ausgeglicheneres Klima. Der produzierte Sauerstoff filtert verschmutzte Luft, absorbierte Strahlung verbessert insgesamt das Klima. Die Dächer wirken temperaturausgleichend durch Wärmedämmung, dämpfen Lärm und schützen das Dach vor Witterungseinflüssen und mechanischem Verschleiss.

Auch Bäume auf Dächern werden künftig zum Stadtbild gehören. Mit intensiven Substrat- und Vegetationsschichten von 25 bis 35 Zentimetern Höhe sind üppige Bepflanzungen mit Sträuchern und Bäumen möglich. Extensive Schichten sind nur 3 bis 15 cm hoch, wo meist eher kleinwüchsige Pflaumenarten wachsen. Sie wären auf nährstoffreicheren Flächen nicht konkurrenzfähig und erfordern wenig Pflege. Generell benötigen extensive Gründächer kein Bewässerungssystem. Die längeren Trockenperioden der letzten Jahre erfordern jedoch eine Bewässerungsanlage, damit die Begrünung nicht austrocknet.

Gründächer gegen Hochwasser

Begrünte Dächer können grosse Mengen an Regenwasser speichern und so die vorübergehende Überlastung der Kanalisation verringern. Ein blaugrünes Dach, Wassergärten und Retentions-Dächer, sind für den Wasserrückhalt optimiert und haben die höchste Speicherkapazität. Hier wird das Regenwasser in der Erde gestaut und kann langsam über die bepflanzte Fläche verdunsten. Oder zur Bewässerung aufgefangen oder zeitverzögert in die Kanalisation eingeleitet werden.

Die fünfte Fassade bietet viele Gestaltungs- und Nutzungsmöglichkeiten. Ein Dachgarten eignet sich besonders gut für öffentliche Gebäude mit einer grossen Dachfläche. Der Dachgarten der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ist mit geeigneten Stauden, Küchenkräutern und kleinen Gehölzen wie Weiden bepflanzt. Beim Dach-Nutzgarten mit Obst und Gemüse reden wir vom Konzept der „essbaren Stadt“.

Die Brooklyn Grange Farm in New York: Hier werden jährlich 45 Tonnen Gemüse geerntet.  Bild: zvg

In New York gibt es die Gemeinschaftsinitiative Brooklyn Grange Farm. Sie besteht aus drei verschiedenen Rooftop Farms und einer Gesamtfläche von 2,2 Hektaren. Hier werden jährlich über 45 000 kg Bio-Gemüse und Obst geerntet. Ausserdem werden die Dächer als Urban Parks genutzt und für Hochzeitsfeiern und andere Veranstaltungen vermietet.

Für Schulen in der Innenstadt, könnte die Dachfläche als Spielplatz mit Aussicht oder als Küchengarten geplant werden. Zum Dachgarten in der Almschule im München gehören sogar Schafe und Hühner.

Der Dachgarten der Almschule München, wo Schafe die gute Aussicht geniessen.  Bild: zvg

Wer eine Dachbegrünung plant, sollte sich gründlich informieren. Die Bedingungen wie Statik, Entwässerung, Windsog, Brandschutz, An- und Abschlüsse sind entscheidend. Eine Dachbegrünung ist kein Heilmittel für bestehende Undichte. Sie hilft aber, solche Schäden dauerhaft zu vermeiden. Bei Gebäuden mit einem Flach- oder flachgeneigtem Dach kann eine extensive Begrünung meist in Leichtbauweise ausgeführt werden. Um Biodiversität und Artenvielfalt bestmöglich zu fördern, sollten einheimische Pflanzen verwendet werden. Sie ziehen einheimische Insekten und Vögel an. Kleinstrukturen wie Asthaufen, Wurzelgeflechte, dickeres Totholz und Wasserspiele bieten Lebensraum für Kleintiere. Vorsicht! Damit die begrünte Dachterrasse ein ökologisch wertvoller Ort bleibt, ist es wichtig, den Katzen nicht den Weg auf das Dach zu öffnen.

Lies jetzt im zweiten Teil, warum ein Grossstadtdschungel auch ein Wildtierkorridor sein kann.

 

Nächste Woche: Das Comeback der Gartenstadt / Teil 2

 

Die Architektin schreibt über Themen wie Stadtklima, Kreislaufwirtschaft in der Baubranche und klimaneutrales Bauen und will so Dialoge anregen.

Kommentare

  • Walti:

    Schafe auf dem Dach?! Davon habe ich noch nie gehört… eher von Vertical Farming… Bin gespannt, wie es weiter geht

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