Klimabilanz Elektroautos vs. Benziner - der Ökocheck, Teil 1

6 Minuten
13. April 2022

Kritische Argumente gegen die Elektromobilität gibt es überall. Der Akku sei eine Umweltsünde. Der Abbau der Rohstoffe zerstöre die Umwelt. Eine ausgediente Batterie sei Sondermüll. Wir schaffen Klarheit und vergleichen die Umweltschäden. Im ersten Beitrag einer dreiteiligen Serie zeigen wir als Beispiel die Klimabilanz Elektroautos vs. Benziner anhand des Tesla Model 3 und des BMW 330i.

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Klimabilanz Elektroautos

Grünes Autofahren: Die Autoredaktion des Go Green Magazin hat die Umweltbilanz von Elektroautos wie dem Tesla Model 3 und Verbrennern wie dem BMW 330i gemacht – mit erstaunlich klaren Resultaten. Bild: istock.com

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Ein Auto welches keine ökologischen Schäden verursacht? Das wird es nie geben. Wer bei diesem Punkt eine gänzlich grüne Weste haben möchte, verzichtet vollumfänglich auf das Auto. In Anbetracht der Abhängigkeit unserer Gesellschaft vom Automobil ist es leider illusorisch, den Individualverkehr von heute auf morgen grundsätzlich neu zu organisieren.

Radikaler Wandel notwendig

Trotzdem ist gerade bei der Mobilität ein radikaler Wandel dringend notwendig. Denn sie gehört zu den grössten Treibern des Klimawandels. In der Schweiz gilt sie mit einem Drittel aller CO2-Emissionen sogar als der klimaschädlichste Sektor überhaupt. Vor dem Konsum, dem Wohnen und der Ernährung. Ein Sektor, in dem in völliger Ignoranz der Ziele des Kyoto-Protokolls der CO2-Ausstoss während der vergangenen 30 Jahre nicht reduziert, sondern sogar noch leicht erhöht wurde. Viele Autohersteller fördern die Nachfrage nach immer grösseren, stärker motorisierten Fahrzeugen. Die CO2-Grenzwerte rücken oft in den Hintergrund. Und einige Produzenten umgehen diese gar mit dreisten Tricks.

Bist du Elektroautos gegenüber skeptisch?

CO2-Emissionen von Verkehr und anderen Sektoren

Die Landwirtschaft hat die Kyoto-Reduktionsziele 2020 erreicht, die Sektoren Gebäude und Industrie nicht ganz. Der grösste CO2-Emittent, der Verkehr, hat – bei Ausklammerung des Pandemieeffekts – den CO2-Ausstoss sogar erhöht. (Quelle: Roger Rusch, BAFU)

Zum Glück gibt es einen Silberstreifen am Horizont. Dem Verbrennungsmotor erwächst mit dem Elektroauto ernsthafte Konkurrenz. So war 2021 zum ersten Mal ein Elektroauto das meistverkaufte Auto der Schweiz. Diese Entwicklung ist wichtig, wie der am 4. April 2022 publizierte Teilbericht des IPCC-Berichts festhält: «Elektrofahrzeuge, die mit emissionsarmer Elektrizität angetrieben werden, bieten über den Lebenszyklus betrachtet das grösste Dekarbonisierungspotenzial für den Verkehr an Land.»

Ökobilanz – permanente Kritik

Jedoch trüben ein paar dunkle Wolken den Silberstreifen. Hartnäckig kritisieren laute Stimmen das ökologische Verbesserungspotenzial der Elektromobilität. Punkto Klimabilanz, Rohstoffgewinnung oder Recycling. Auch beeinflusst von grossen Interessengruppen, die nicht an einer Antriebswende interessiert sind. Dazu zählt die Erdölindustrie. Sie erzielt die Hälfte des Umsatzes mit dem Strassenverkehr. Statt in neue Technologie zu investieren, verkaufen gewisse Autofirmen lieber das Produkt, welches sie in den vergangenen hundert Jahren gehegt und gepflegt haben. Garagisten bangen um ihre Jobs. Denn E-Autos erfordern sehr viel weniger Wartung und Reparaturen.

Im Folgenden schauen wir uns das erste von drei verbreiteten Argumenten an, warum die E-Mobilität doch nicht sauberer sein soll als Benzin- und Dieselautos.

Klimabilanz Elektroautos vs. Benziner

Argument 1: Die Herstellung eines Elektroautos ist sehr CO2-intensiv. Es schneidet in der Klimabilanz nicht besser ab als ein Benzin- oder Dieselauto

Dieses Argument gipfelte 2019 in der These des belgischen Professors Damien Ernst. Laut seinen Berechnungen müsse ein Elektroauto 700’000 km fahren, um die CO2 Emissionen seiner Herstellung gegenüber einem Verbrenner auszugleichen. Diese Aussage rief den holländischen E-Mobilitäts-Experten Auke Hoekstra auf den Plan. Als Antwort erstellte er für die deutschen Grünen ein weitherum respektiertes Gutachten. Darin verglich er die gesamten CO2-Emissionen eines Verbrenners mit denjenigen eines Elektroautos.

Batterien halten mindestens 300’000 Kilometer

Sein Team bezog sowohl den Ausstoss bei der Erdölförderung wie auch bei der Rohstoffgewinnung für die Batterieproduktion mit ein. Ausserdem wurde berücksichtigt, dass einige E-Autofabrikanten erneuerbare Energie bei der Herstellung verwenden. Und dass die Stromproduktion von Jahr zu Jahr CO2-ärmer wird. Kommt dazu, dass die Batterien nicht nur 150’000 km, sondern mindestens doppelt so lange ihren Dienst tun. Das Ergebnis: Der belgische Professor hatte die Emissionen um das 20fache zu hoch kalkuliert.

Klimabilanz Elektroautos

Die Batterien eines Elektroautos halten mittlerweile mehr als 300 000 Kilometer und können in Zukunft auch als alternativer Strom-Speicher genutzt werden. Bild: istock.com

Wenn in einem Gutachten der Verbrennungsmotor im CO2-Vergleich mit dem Elektroantrieb gar nicht so schlecht dasteht, dann stützt dies oft auf eine oder mehrere der folgende Annahmen ab:

Verbrennungsmotor aufwendiger gebaut

  • Die Konstruktion des Elektromotors wird dem Verbrennungsmotor gleichgesetzt. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass letzterer aufwendiger gebaut ist, einen komplexeren Antrieb hat, eine Abgasreinigungsanlage benötigt sowie viel Wartung und Öl verlangt.

Zu kurze Batterielebensdauer berechnet

  • Annahme einer zu kurzen Batterielebensdauer. Und man vergisst, dass ausgediente Auto-Akkus als stationäre Stromspeicher eingesetzt werden können.

Unrealistische Verbrauchswerte beim Verbrenner

  • Beim Verbrauch werden die unrealistischen WLTP-Angaben verwendet. Beim E-Auto hingegen realistische oder zu hohe Werte.

Erdölförderung muss einberechnet werden

  • Die CO2-Emissionen der Erdölförderung und der Raffinierung werden nicht oder nur teilweise einberechnet.

Strommix zu stark mit Kohlestromanteil berechnet

  • Es wird mit einem unvorteilhaften Strommix mit zu hoher CO2-Intensität (z.B. hohem Kohlestromanteil) gerechnet und nicht berücksichtigt, dass der Strommix je länger je grüner wird.

Go-Green-EV-Experte Roger Rusch hat einen Online-CO2-Vergleichsrechner erstellt, welcher wie die Studie von Hoekstra sämtliche Emissionen mit einbezieht.

Klimabilanz bei Elektroautos klar besser

Im Vergleich des Tesla Model 3 mit einem BMW 330i (beide mit Allradantrieb) wird klar, dass der Verbrenner rund sechs Mal so viel CO2 verursacht wie der Stromer. Anders ausgedrückt: Mit dem Schweizer Verbraucherstrom betrieben, muss das E-Auto knapp 6000 km weit fahren, bis es die höheren CO2-Emissionen der Herstellung wettgemacht hat.

CO2 Emissionen Vergleich

(Quellen im Online-CO2-Vergleichsrechner von Roger Rusch)

Lebenszyklus CO2 Vergleich

Im Verbraucherstrommix Schweiz hat ein Tesla Model 3 einen etwa 6 Mal kleineren CO2-Fussabdruck als ein vergleichbarer Verbrenner. Grafik: ceo-plus.ch

Co-Autor: Roger Rusch

Hier gehts zum Artikel „Lithium-Batterie bei Elektroautos – der Ökocheck, Teil 2“

Und hier zu „Auto-Batterie und Recycling – der Ökocheck, Teil 3“

Lies auch: Tesla Model 3 vs. Skoda Octavia – der wahre Kostenvergleich

 

Bernard van Dierendonck ist Fotograf, Journalist und Bergführer. Einst wollte er nie ein Auto besitzen, nun will er mit seinem Tesla Model 3 zum privaten Carsharing animieren und die E-Mobilität propagieren.
vandierendonck.ch

Kommentare

  • Martin:

    Zeigt mir ein einziges Auto in der Schweiz, das 300’000 km und 15 Jahre gefahren worden ist…
    Zusätzlich geht die Gleichung: Unvernunft in elektro = Vernunft nicht auf. Es müsste eigentlich heissen: kleiner, kürzer (Reichweite), leichter, schwächer, weniger. Also wenn es nicht ohne geht: Zoe oder C1, nicht aber Super x-Mega drive 6 Wheel, dafür in elektro .

    • Kevin Russi:

      Die Frage ist doch die: WENN/SOLANGE wir noch neue Autos bauen (egal ob gross oder klein, 2 oder 7 plätzig): sollen es batterieelektrische (BEV) oder verbrennerbasierte sein? Und die Antwort kann dann (bei einem Apfel mit Apfel Vergleich) nur lauten: BEV, da günstigER meist bereits nach < 5 Jahren, ressourcenschonendER, sauberER, langlebigER, wartungarmER. Es ist ja nicht so, dass wenn jemand sein Auto wechselt, das bisherige sich in Luft auflöst..

      Bin aber mit Dir @Martin: am Besten wäre kein Auto (zu nutzen/haben), wenn/wo möglich. Für die überwiegende Mehrheit ist dies aber keine Option.

      Oder was wären Deine konkreten Vorschläge zur Umsetzung der Energiewende für ne 5köpfige Familie mit nur 1 Auto?

  • Rolf Kretzer:

    Wir Menschen müssen umdenken, nicht nur „plaudern“ sondern handeln. Als „fast“ reichstes Land dieser Erde (wir haben nur diese Erde) müssen wir als reichstes Land voraus gehen und die erneuerbaren Energien ( Wind, Wasser, Sonne) nicht mit Worten fördern, sondern in Taten umsetzen. Windprojekte umsetzen, sprich bauen. Wasserkraftprojekte bauen, nicht nur davon „reden“. Solardächer überall bewilligen, auch auf „Weltkulturgebäuden“ wie dem Kloster St.Gallen.
    Taten vollbringen, flexibel werden. Die Zeitenwende ist da, wir Menschen sollten, Nein wir müssen handeln.
    Der Staat muss vorgeben, Parlament muss die Regierung unterstützen, nach zeitlich begrenzter Diskussion. Politiker müssen wieder lernen, ehrlich, glaubwürdig und nicht mehr nur „wiederwahlfähig“ zu bleiben. Auf das Wort folge die Tat.

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