SRF-Meteorologe
Flury: "Es sind
aussergewöhnlich viele
Hitzetage”

10 Minuten
25. Juli 2022

Der Davoser SRF-Meteorologe Gaudenz Flury redet über Hitzetage, seine Arbeit, die Klimakrise und seinen grossen Respekt für Klimaforscher Reto Knutti.

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Flury Hitzetage

SRF-Meteorologe Gaudenz Flury:“Mir ist es ab 25 Grad meistens schon zu warm!“  Bild: SRF

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Gaudenz Flury, die Hitzewelle hat Europa im Griff. Wie extrem ist dieses Wetter im Vergleich? Zum Beispiel mit 2003 und 2018?

Gaudenz Flury: An einigen Messstationen waren wir schon im Juni im Bereich der Rekorde, die aktuelle Hitzewelle ist sicher auch sehr aussergewöhnlich, für einen Vergleich mit anderen Jahren ist es aber noch zu früh, wir wissen ja noch nicht, wo und wie lange es so heiss bleibt.

Wie sehr beschäftigt Sie als Meteorologe die Klimakrise?

Das ist quasi mein täglich Brot – wir bekommen neue Wetterextreme ja in Echtzeit mit. Nehmen wir die Anzahl Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad: In Bern wurden letzten Sommer vier solche Hitzetage erreicht, in diesem Sommer sind es bisher schon über 10 solcher Hitzetage. Das ist aussergewöhnlich viel. Also gilt es für uns nach wissenschaftlichen Kriterien zu prüfen: Was ist jetzt Wetter, was Klimawandel?

Flury: „Eine Verdreifachung der Hitzetage in 60 Jahren“

Die Statistik zeigts uns klar auf.

Ja, sie zeigt eine sukzessive Steigerung der Anzahl Hitzetage. So gab es in Bern in der 30-jährigen Klimamessperiode 1961 bis 1990 im Mittel drei Hitzetage pro Jahr. 1981 bis 2010 waren es im Schnitt bereits sechs.  Und in den Jahren 1991 bis 2020 waren es im Schnitt neun Hitzetage. Das ist eine Verdreifachung innerhalb der letzten 60 Jahre. Die Klimaforschung hat dies bereits vor Jahren vorhergesagt: Die Anzahl Hitzetage nimmt zu und ist eine direkte Folge der globalen Erwärmung. Anders gesagt: Wenn bei Ihnen im gemütlichen Bad das Wasser immer häufiger über den Wannenrand schwappt, dann lassen Sie offensichtlich zuviel Wasser rein. Und dieses häufigere Überschwappen sehe ich als Meteorologe auch anhand meiner Daten. Das kann ich nicht ignorieren.

Sie beschäftigen sich beruflich damit. Was denken Sie als Privatmensch?

Auch ich habe Familie. Ich habe einen Bub, der sechseinhalb Jahre alt ist. Also frage ich mich schon, wie seine Zukunft aussieht. Denn sehen Sie: Dieser Trend der Erwärmung findet ja nicht nur bei uns statt, das ist weltweit der Fall. Und in anderen Klimazonen kommen die Menschen bezüglich Hitze bereits heute extrem an den Anschlag. Wir haben das beispielsweise jüngst wieder aus Indien gehört. Umso mehr würde auch ich mir wünschen, dass sich die Natur wieder einpendelt, und dass dies alles ganz «normale vorübergehende Wetterkapriolen» sind, wie dies uns manche Kommentar-Schreiber via E-Mail zum Thema Klimawandel klarmachen wollen. Doch als Meteorologe weiss ich, dass die Fakten und die Physik klar dagegen sprechen. Daher stimmen mich solche Aussagen oder Meinungen ziemlich pessimistisch. Denn ohne durchgreifende Massnahmen gegen den seit Jahrzehnten ungebremsten Klimawandel fahren wir unweigerlich gegen die Wand!

Sie sagen Klimawandel, nicht Klimakrise. Warum?

Korrekt finde ich den Begriff «Globale Erwärmung», denn dies ist der zugrunde liegende Prozess. Klimawandel integriert dann die anderen Prozesse.

Wörter sind Macht. Alles wandelt sich. Die Mode, die Menschen. Wandel ist natürlich. Der Lauf der Dinge. Dann schlafen alle gut. Eine Krise ist aber etwas Negatives, zwingt uns zum Handeln. Müssten wir nicht alle ehrlich sein? Und sagen: Das ist eine Krise!

Ja, Wörter sind Macht, aber ich glaube, dass der Begriff Klimakrise von verschiedenen Seiten her politisch klar verortet ist. Ob Klimawandel oder Klimakrise spielt für mich aber letztendlich keine Rolle. Es geht um die Sache.

Sie glauben, es nützt nichts, «Klimakrise» zu sagen?

Das ist doch wie damals, als die einen nur von «Atom»-Kraftwerken» sprachen und die anderen konsequent von «Kern»-Kraftwerken». Ideologisches Geplänkel. Beim Klima geht es grundsätzlich mal um nüchterne Physik, um Atmosphärenphysik. Also verstehe ich meine Aufgabe als Meteorologe primär darin, die Prozesse aufzuzeigen und die Zusammenhänge zwischen den Treibhausgasen und der Erwärmung. Und dies eben möglichst fachlich und sachlich. Mit Ideologie und Politik hat das gar nichts zu tun – die kommen erst bei der Frage ins Spiel, mit welchen konkreten Massnahmen wir den Treibhausgasausstoss substanziell reduzieren sollen. Gegen die Klimakrise, den Klimawandel, die globale Erwärmung – wie immer wir es nennen.

Die Klimakrise führte diesen Sommer in Europa bereits zu überdurchschnittlich vielen Waldbränden.  Bild: istock.com

Ob Klimakrise mit Dürre und Hitze oder in einer Phase mit weniger Wetterextremen: Die Meteo-Sendung hat hohe Einschaltquoten. Warum? Ich kann das Wetter doch auf jeder App anschauen.

Wenn es Ihnen genügt zu erfahren, ob es an Ihrem Ort sonnig bleibt oder ob Regen aufzieht und bei welchen Temperaturen, dann sind mit der App bedient. Aber wissen Sie, was die Angabe von – sagen wir mal – einer 40-prozentigen Wahrscheinlichkeit für 18 mm Regen pro Stunde tatsächlich bedeutet? Wenn das nämlich runterkommt, dann gucken Sie gerne noch bei SRF Meteo rein um zu erfahren, was, wo, warum und wie weiter!

Besser als jede Wetter-App

Was ist wichtig beim Vermitteln des Wetters?

Zuoberst stehen fachliche Kompetenz und Glaubwürdigkeit – und die Freude am Job. Allein das nette Aussehen mag dir Pluspunkte bringen, aber auf die Dauer reicht das nicht. Für unser Publikum ist es wichtig, dass wir unsere Prognosen selber und im Team erstellen und daher genau wissen, wovon wir reden. Wir lesen auch nicht einen vorbereiteten Text ab, sondern bilden direkt und live unsere neusten Erkenntnisse ab. Wir gewichten die Fakten, ordnen sie ein – und relativieren gerne auch mal die Prognosen der Wetter-Apps.  Mit all dem können wir dem Publikum deutlichen Mehrwert bieten. Und ich denke, dass die Leute einer Fachperson letztendlich mehr vertrauen als einem Wetterbericht, der ausschliesslich von einem Automaten erstellt wird.

Wie hat sich die Vorhersage technisch entwickelt? Satellitenbilder gibt es ja schon lange, oder?

Die  Satellitenbilder in unserer Sendungen zeigen nur einen winzigen Teil dessen, was die Satelliten alles an Daten liefern. Plakativ gesagt: Wir zeigen ihnen lediglich den «Bass» der ganzen Satelliten-Musik. In den vergangenen Jahren hat die Satellitentechnik enorme Entwicklungen erfahren und kann heutzutage eine riesige Vielfalt an zusätzlichen «Ober-, Unter- und Zwischentönen» aus dem System Erde-Atmosphäre entnehmen. Dazu kam die ganze Computertechnologie mit ihren räumlich und zeitlich immer besser aufgelösten Modell-Berechnungen.

Was machen die?

Sie bilden das regional sehr unterschiedliche Wetter mit seiner komplexen Topografie immer genauer ab. Dank diesen technologischen Fortschritten wurde die meteorologische Prognostik überhaupt zu dem, was sie heute ist und kann! Wir sind beide noch jung, aber wenn meine älteren Kollegen mir erzählen, wie sie noch vor 20, 30 Jahren arbeiten mussten – kein Vergleich! Ich weiss nicht, ob ich allein mit den früheren Techniken und Methodiken heutzutage überhaupt eine Prognose wagen würde.

An einem normalen Morgen schauen Sie also Computermodelle an.

Genau. Ich gehe hin, schaue mir alle die Modelle an, vergleiche sie untereinander und sehe so, welches Modell mir welchen Vorschlag für die künftige Wetterentwicklung macht. Um 10 Uhr schalten wir Meteorolog:innen der verschiedenen Aufgabenbereiche uns alle zusammen. Wir arbeiten täglich zu fünft für ganz unterschiedliche Produktelinien – und machen eine ausführliche Wetterbesprechung.

Damit sich alle einig werden?

Ja. Dort gleichen wir uns ab, sodass letztendlich bei allen derselbe «Wetterfilm» im Kopf abläuft. Dann geht es in die Produktion. Je nach Schicht werden Fernsehgrafiken für die TV-Sendung erstellt, das Konzept für das nächste Radio-Live-Interview, Texte für schriftlichen Wetterberichte, Recherchen für eine Online-Story und so weiter. Ich habe mal grob ausgerechnet: Pro Tag versenden wir rund 70 verschiedene handgemachte Produkte auf all unseren Kanälen – an einem normalen ruhigen Wetter-Tag. Bei Unwetterlagen sind es deutlich mehr.

Trefferquote bei Vorhersagen von über 90 Prozent

Wie gross ist die Fehlerquote heute im Vergleich zu früher?

Kurz gesagt: Wir sind heute für den vierten Vorhersage-Tag gleich gut, wie meine Vorgänger vor 30 Jahren es noch für den nächsten Tag gewesen sind. Heisst: Die Trefferquote für den jeweils nächsten Tag ist massiv gestiegen und beträgt heute etwas über 90 Prozent. Wobei natürlich – dank immer mehr Messstationen, den verfeinerten Satellitendaten, den besseren Wetterradars und so weiter – auch die Kontrolle der Prognose immer detaillierter und regionaler möglich ist. Wichtig noch zu sagen, dass diese Fortschritte in der Prognosequalität nicht meine eigene Leistung ist: Wenn immer Sie mich auf dem Dach moderieren sehen, müssen Sie sich noch x-tausend Fachspezialisten, Informatikerinnen, Techniker, Ingenieurinnen, Meteorologen, Klimaforscherinnen der ganzen Welt neben mir vorstellen.

Wie oft sind Sie mit negativen Reaktionen konfrontiert, wenn die Vorhersage nicht ganz gestimmt hat? Gibt es das überhaupt noch?

Natürlich gibt es noch Fehlprognosen – die wird es auch immer wieder geben. Wenn auch weniger oft als früher und vor allem seltener komplett daneben. Wir stellen aber auch fest, dass negative Reaktionen oftmals auf Miss-Interpretationen unserer Prognosen oder auf falschen Erwartungen der Leute gründen. Wenn wir beispielsweise sagen «es schneit stellenweise bis ins Flachland», dann erhoffen Schneefreaks in ihrem Garten sofort einen halben Meter Pulverschnee – und sind dann natürlich masslos enttäuscht, wenn es nur für ein paar Flocken gereicht hat. Das Gleiche nach langer Trockenheit, wenn wir erste Schauer vorhersagen. Wehe, wenn es dann nicht ausgiebig regnet.

Werden die Leute aggressiv?

Dann können die Mails durchaus sehr gehässig tönen. Wir habe daher gelernt, bei solchen Wetterlagen explizit darauf hinzuweisen, dass es «…nicht überall nass wird» oder dass «lokale Schneeschauer» eben nur lokal sind.

Als SRF-Meteo-Konsument bin ich genervt, wenn es nach 10 Hitzetagen und einem Tag Gewitter heisst: «Aber morgen können Sie sich schon wieder auf schönes Sommerwetter freuen!» Es kommt so rüber, als ob bei SRF-Meteo Sonnenschein gutes Wetter bedeutet und Regen schlechtes Wetter. Eigentlich müssten wir doch – gerade in der Klimakrise – froh sein, wenn es weder heiss noch trocken ist.

Wir hören diesen Vorwurf ab und zu. Aber wir wissen jederzeit sehr gut, was die Klima-Norm bedeutet und was die Natur braucht und wo Mangel herrscht. Wir kennen die Pegelständen der Seen und Flüsse und informieren uns auch über die Grundwasserspiegel. Nennen Sie mir daher bitte ein konkretes Beispiel, wo wir derart unreflektiert das Wetter kommentiert haben.

„Kleiner Dämpfer beim Sommerwetter“ kann ein Ärgernis sein

Schauen Sie die SRF-Meteo-App von heute an. Dort steht «Kleiner Dämpfer beim Sommerwetter. Mehr Wolken und etwas weniger warm».

Okay, Punkt für Sie. Aber das war nach einer Phase mit unbeständigem Wetter und vielen und teils auch sehr kräftigen Gewittern. Auch die Pegelstände einiger Gewässer waren damals bereits etwas arg hoch. Da wurde jede etwas stabilere und wärmere Wetterlage dankbar entgegen genommen – und die nächste Front war dann durchaus wieder ein «Dämpfer». Wie gesagt: Wir orientieren uns bei der Formulierung ganz zuerst immer an die Aktualität.

Das Gefühl bleibt: Sie gehen mit der Mehrheit und freuen sich meist auf noch mehr Hitze und Sonne.

Wenn nach einer langen Hitzewelle ausgerechnet am 1. August eine Regenfront unser Land erfasst, dann kündigen wir die sicher nicht grad mit grösster Euphorie an. Vielleicht versuchen wir die Enttäuschung der Leute mit ein paar tröstenden Worten und dem Hinweis auf den grossen Durst der Natur etwas zu glätten. Aber gerade in solch zwiespältigen Momenten halten wir uns erst recht zurück mit subjektiven Kommentaren. Dann konzentrieren wir uns primär auf die meteorologischen Fakten. Und überlassen es gerne dem einzelnen Zuschauer und der Zuschauerin zu entscheiden, ob er oder sie dieses Wetter nun gut findet oder schlecht.

Ich habe noch nie gehört: Freuen Sie sich auf den fünftägigen Regen! Die Tiere brauchens, die Bauern, die Wälder und Wiesen. Und die Stauseen sind übrigens auch leer.

Dann sollten Sie genauer hinhören. Ich habe in diesem Jahr schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die Pegel der Seen – anhand des Beispiels Luganersee – viel zu tief seien. Manche Leute mag das nerven – gerade, wenn dadurch das Thema «Klimawandel» wieder hochkocht. Letztendlich muss die Balance stimmen. Andererseits sage ich bei langer Trockenheit ganz sicher nicht «Gewitterrisiko».

„Lange Regenperioden sind nicht immer ein Glücksfall“

Sondern?

Es besteht die «Chance» auf ein Gewitter. Das ist positiv formuliert, hat einen ganz anderen Effekt bei den Leuten. Aber was das fröhliche Ankündigen von langen Regenperioden angeht: Die sind auch nicht immer ein «Glücksfall». Vergangenen Sommer beispielsweise hat es die ganze Zeit immer wieder geregnet – und das viele Wasser wurde mitunter auch gefährlich. Und dieses Jahr…

…hatten wir den zweitwärmsten Mai seit Messbeginn.

Ja. Aber die Trockenheit war noch nicht so ausgeprägt. Im Gegensatz zur aktuellen Periode, wo wir jetzt mitten in einer Hitzewelle und Trockenperiode stehen.

Sie haben zuvor gesagt, sie bleiben beim Begriff Klimawandel. Egal wir wir es nennen: Es muss etwas passieren. Viele Menschen sagen aber: «Der Schweizer Anteil macht ja nur 0,1 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen aus. Nützt doch nix, wenn wir etwas tun!» Was denken Sie da als Privatmensch?

Diese Argumentation kann ich nicht nachvollziehen. Beim Kampf gegen den Klimawandel sind wir alle auf dieser Welt gleichermassen gefordert. Als kleines Land mögen wir im Vergleich zu anderen Ländern insgesamt besser dastehen, dafür importieren wir halt die Güter, und…

„Den Klimawandel meistern wir nicht mit Verbots- und Verzichtskultur“

…laut einer neuen Studie von McKinsey hat die Schweiz sogar viel höhere Emissionen. Unser indirekter Einfluss – auch über den Finanzplatz – wird mit 2-3 Prozent der weltweiten Emissionen geschätzt. Ähnlich viel wie Japan, Brasilien oder Indonesien ausstossen.

Ich kenne die Studie nicht im Detail. Unsere Pro-Kopf-Emissionen in der Schweiz zählen aber offenbar zu den höchsten der Welt. Wir müssen also auch etwas tun. Aber ich glaube, es funktioniert nicht über eine Verbots- und Verzichtskultur.

Stauseen Indien

Ein leerer Stausee in Nord-Karnataka in Indien – die Hitze hat auch in anderen Teilen der Erde einen grossen Effekt.  Bild: istock.com

Warum eigentlich? Die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer hat in einer Talkshow einen guten Punkt gemacht. Sie sagt: Das Konzept des Verzichts kenne jedes Kind. Jede:r müsse während eines Lebens auf Dinge verzichten. Es sei Teil der Kultur. Wir akzeptierten das in jedem Bereich. Ausser es betreffe das grösste Problem unserer Zeit, die Klimakrise. Dann werde Verzicht eine moralisierende Gängelei genannt.

Ich bin auch nicht gegen Verzicht. Eher gegen zu viele Verbote. Persönlich könnte ich problemlos mit Verboten und Verzicht umgehen. Ab morgen fliegen wir alle nicht mehr? Für mich okay! Ab morgen fahren wir keine Verbrennungsmotoren mehr? Für mich okay! Dann ist es halt so. Ich müsste mich auch einschränken, natürlich. Dies alles hätte gewaltige Auswirkungen auf die Gesellschaft und Wirtschaft. Und darum ist das nicht sofort und auf einen Schlag umsetzbar. Aber da sind wir bei der Politik, und da halte ich mich jetzt raus.

Übers Klima reden oder einen schönen Grillabend wünschen?

Wir sind abgeschweift. Aber darum, weil alles zusammenhängt. Sie können heute nicht mehr Tag für Tag einfach nur das Wetter durchgeben und dann einen schönen Grillabend wünschen. Das Klima steht wie ein Elefant im Raum.

Ein Sommerhoch zu prognostizieren und am Schluss einen schönen Grillabend zu wünschen ist genauso Teil meines Jobs wie die Einordnung von Wetter in den Kontext zum Klima und zu den Klimaprojektionen. Stets alles zu seiner Zeit, respektive: zum entsprechenden Wetter. Und vergessen Sie nicht: Ganz viel Wetter läuft bei uns in völlig normalem Rahmen ab, und nicht jedes Unwetter ist eine direkte Folge der globalen Erwärmung.

 

Wieviel wissen Sie übers Klima?

Nicht soviel wie ein Klimawissenschaftler. Aber genug, damit ich verstehe, was Reto Knutti von der ETH Zürich in seinen Studien schreibt. Und wenn ich etwas übers Klima am Fernsehen erzähle, dann stütze ich mich auch stets auf die neusten Erkenntnisse der Klimaforschung. Das sind wir unserem Publikum schuldig.

Obwohl: Für die Normalverbraucher braucht es doch nur simple Antworten auf simple Fragen. Beliebt ist: «Warum gibt’s denn soviel Schnee in den Bergen, wenn doch Klimakrise sein soll?»

Weil höhere Temperaturen im Winter tendenziell mehr Niederschlag bedeuten. Wenn alles so simpel wäre beim Wetter und beim Klima, dann würden wir dieses Gespräch nicht führen. Klar, wir Menschen mögen möglichst einfache «wenn-dann»-Beziehungen – so auch bei der Klimadiskussion. Beim globalen Temperaturanstieg und damit auch bei der Zunahme der Hitzetage oder beim Anstieg der Schneefallgrenze ist dieser Zusammenhang unbestritten. Aber bei ganz vielen anderen Wetterereignissen wird der rein thermische Antrieb durch dynamische Komponenten überlagert. Und da ist eine direkte Zuordnung eben nicht mehr so einfach. Das heisst: bei manchen Unwettern ist die reflexartige Aussage, das sei jetzt der Klimawandel, wissenschaftlich genauso unseriös wie die Aussage: Das hat es schon immer gegeben!

Schnee Schweiz

Schnee bis in die Niederungen wird seltener – eine Seegfrörni ist in Zukunft praktisch auszuschliessen.  Bild: istock.com

Jeder Ausschlag beim Wetter – egal in welche Richtung – wird sofort mit Klimawandel gleichgesetzt. Auch das ist falsch.

Die Klimadiskussion ist in der Öffentlichkeit leider oftmals sehr ideologisch geprägt: Die einen schlachten jedes einzelne Unwetter sofort als Folge der globalen Erwärmung aus, die andern propagieren das direkte Gegenteil. In diesem Spannungsfeld befinden wir uns von SRF Meteo. Für uns ist wissenschaftliche Sachlichkeit daher das oberste Gebot.

Warum gibt es denn mehr Frostschäden?

Vereinfacht gesagt: Weil diejenigen Pflanzen, die sich primär nach den Temperaturen und nicht ausschliesslich nach dem Sonnenstand richten, aufgrund der höheren Temperaturen immer früher beginnen zu knospen und auszutreiben. Sie sind daher just in der Phase am empfindlichsten, wo Kaltluftausbrüche noch gehäuft auftreten – Klimawandel hin oder her.

„Für eine grosse Seegfrörni wirds schwieriger“

Was gibt es heutzutage weniger oder nicht mehr?

Schneefall bis in tiefe Lagen respektive eine längere Phase mit Schnee ganz unten wird rar.

Gab es früher nicht auch mehr Nebel?

Das hat weniger mit dem Klimawandel zu tun, eher mit der besseren Luftqualität. Es hat weniger Russpartikel in der Luft als früher.

Was gibt’s auch nicht mehr?

Die Wahrscheinlichkeit von sehr lang anhaltenden Kältephasen ist markant zurückgegangen. Für eine grosse Seegfrörni – die es ja schon früher eher selten gegeben hat – wird es noch schwieriger.

Sie kommen aus Davos. Haben Menschen aus den Bergen ein anderes Verhältnis zum Wetter?

Ich denke schon. Ich bin auf der Redaktion der Einzige, der in den Bergen aufgewachsen ist. Das merke ich in Diskussionen. So wurde im November auch schon darüber diskutiert, ob es nun eine Rolle spielt, wie viel Schnee in den Alpen genau zu erwarten ist. Da musste ich dann eingreifen und sagen, dass das sogar eine grosse Rolle spielt. Für uns «Bergler» ist Schnee eine Art «Kulturgut» – und daher macht es schon einen grossen Unterschied, ob reichlich Schnee liegt oder nur einige wenige Zentimeter. Derweil sich die Flachländer zwar an Weihnachten Schnee erhoffen – aber dann bereits mit einem Zentimeter auf den Strassen ziemlich überfordert sind (lacht).

Wird darüber geredet, wenn in den Dolomiten ein Teil eines Gletschers abreisst und Menschen unter sich begräbt?

Ja, klar. Denn es sind natürlich tendenziell mehr Leute darunter, welche sich auch mal im Hochgebirge aufhalten. Dann denkst du: Das hätte auch ich sein können. In den Bergen ist weniger die Hitze das Thema, weil es nie ganz heiss wird. Aber die Gletscher und das Auftauen des Permafrosts beschäftigt die Leute.

Bis 2050 soll nur noch ein Drittel der Gletscher bestehen.

Es gibt solche Berechnungen. Und der Konkordia-Platz des Aletschgletschers ist irgendwann nur noch ein See.

Sie halten Vorträge. Gibt es da noch Leute, welche den menschengemachten Klimawandel anzweifeln?

In der Fragerunde kommt das fast immer. «Aber früher war es doch auch schon mal warm, und die Gletscher kleiner!» Ich erzähle dann immer denselben Vergleich: Ein Igel liegt tot am Waldrand. Die Polizei kommt, die Forensiker, die Tierärzte, alle möglichen Spezialisten verschiedener Disziplinen. Sie sehen das Auto gleich daneben, sehen einen Stachel des Igels im Pneu, machen eine DNA-Analyse. Alle kommen zum Schluss, dass der Igel vom Auto überfahren wurde. Für alle Spezialisten ist es keine Diskussion. Jetzt kommst du und sagst: Halt, das kann gar nicht sein, denn vor 500 Jahren, als noch keine Autos fuhren, gabs auch schon tote Igel am Waldrand. Genau gleich ists beim Klimawandel. Wenn ich das sage, wird’s meistens ruhig. Ich staune ja darum auch über Reto Knutti.

„Knutti hat die Geduld, alle in Seelenruhe zu widerlegen“

Warum?

Weil er die Geduld hat, jahrelang die immer gleichen Behauptungen gegen den Klimawandel in aller Seelenruhe zu widerlegen. Und ganz simple Zusammenhänge zu erklären. Das macht ihn für ganz viele Leute extrem vertrauenswürdig. Und dies zu Recht. Hier würde ich gerne einen Kuchen von seiner Gelassenheit abschneiden – ich bin in diesen Diskussionen viel zu emotional!

Warum macht Ihnen ihr Job trotz Klimakrise und Querdenkern Spass?

Wetter ist und bleibt spannend. Gerade auch, wenn ich ab und zu etwas Kompliziertes zum Wetter oder Klima so runterbrechen kann, dass es das Publikum versteht. Dann habe ich meinen Job erfüllt.

Der Davoser Gaudenz Flury, 42, moderiert für SRF die Meteo-Sendungen im Fernsehen und im Radio. Der ehemals ambitionierte Langläufer hat zwei Brüder, Christian und Stefan, und wohnt mit seiner Familie im Raum Zürich.

Autor:in: Christian
Bürge
Der Journalist ist Co-Founder und Chefredaktor des Magazins
Go Green.
www.christianbuerge.com

Kommentare

  • Sarah:

    Absolut lesenswert! Und die Igel-Story haut ganz schön rein😔

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