Biodiversität: 28 Prozent aller
Tierarten vom Aussterben bedroht

4 Minuten
19. Dezember 2023

Aktuelle Studien zeigen, dass weltweit fast ein Drittel aller Tierarten vom Aussterben bedroht sind. Allein bei den Vögeln sind es in der Schweiz bereits 40 Prozent. Die auf Umweltthemen spezialisierte Journalistin Bettina Walch ruft in diesem Beitrag zum konkreten Handeln auf. Ob daheim für die Biodiversität im Garten oder im öffentlichen Raum.

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Biodiversität Tierarten

Die Turteltaube ist in der Schweiz stark vom Aussterben bedroht: Seit 1998 sind cirka 70 Prozent der Bestände verschwunden.  Bild: Birdlife Schweiz/Mathias Schäf

Gemäss IUCN (ehemals Weltnaturschutzunion) sind auf dem gesamten Planeten 28 Prozent aller untersuchten Tierarten bedroht. Noch schlechter sehen die Zahlen in der Schweiz aus, wo 35 Prozent aller Tierarten vom Aussterben bedroht sind. Am stärksten unter Druck sind die Amphibien. Gemäss den Daten von IUCN sind weltweit 41 Prozent aller Amphibienarten gefährdet und in der Schweiz gar 79 Prozent. In unserem Land sind auch satte 40 Prozent der Vogelarten stark gefährdet und weitere 20 Prozent auf der Vorwarnliste. Das ist dreimal höher als der weltweite Schnitt.

Generell gilt: Jede dritte Art, die in unserem Land lebt, verschwindet, wenn wir nichts ändern. Der Trend zum Biodiversitätsverlust ist also ungebrochen, in der Schweiz noch mehr als in vergleichbaren anderen europäischen Ländern.

Die Natur als Verbündete für Erhalt von Tierarten

Dabei wäre die Natur unsere beste und wichtigste Verbündete, um mit den Folgen des Klimawandels umzugehen. Es ist zu heiss? Grün gehaltene, natürlich beschattete Flächen kühlen die Bodenoberfläche und damit auch die Lufttemperatur merklich ab. Es ist zu trocken? Heimische Wildpflanzen erholen sich von Trockenperioden besser als exotische Zierpflanzen. Und wo die Flächen entsiegelt sind, kann das Wasser in den Boden sickern. Wird Regenwasser gar in einem Tank gespeichert, kann dieses wiederum für die Bewässerung genutzt werden, Leitungswasser wird gespart. Es schüttet ununterbrochen? Freigehaltene, natürliche Flächen saugen viel mehr Wasser auf, das entlastet die Kanalisation, es kommt zu weniger Überschwemmungen. Und was im Siedlungsraum die Schwammstadt ist, ist in der offenen Fläche das sogenannte Schwammland. Beides steigert die Lebensqualität dank mehr Natur.

Schwammstadt

Perfektes Beispiel: In Kopenhagen gibt es im Bereich von Siedlungen viele Flächen für Vögel, Insekten und Amphibien.  Bild: istock.com

Das nationale Parlament, namentlich der Ständerat, hat entschieden, dass es keine weiteren Massnahmen zur Förderung der Biodiversität braucht. So ist im Moment kein Gegenvorschlag zur Biodiversitätsinitiative in Sicht und es kommt voraussichtlich 2024 zur Abstimmung.

„Biologische Vielfalt ist kein Luxus, sondern die Grundlage allen Lebens“

Der Schutz der Natur steht in unserer Verfassung, wir haben internationale Verträge unterzeichnet und das Bundesamt für Umwelt, Bafu schreibt: «Eine reichhaltige biologische Vielfalt ist kein Luxus, sondern die Grundlage allen Lebens – also auch für uns Menschen». Eine intakte Natur verhilft uns zu sauberer Luft, sauberem Wasser dank natürlicher Filter, wir profitieren von Rohstoffen, Nahrungsmitteln, Katastrophenschutz – zum Beispiel bei Hochwasser oder Stürmen. Wenn wir der Natur nur genügend Platz geben, damit sie das alles tun kann.

Wir müssen selbst Flächen schaffen

Nun, wenn die nationale Politik hinterherhinkt, müssen wir selbst Fläche schaffen für unsere Lebensgrundlage, für mehr Natur. Das können wir als Zivilgesellschaft, also jeder und jede von uns als Privatperson, als Angestellte, als Bürgerin, als Investorin, als Bäuerin, Wald- oder Immobilienbesitzer.

Was es braucht für die biologische Vielfalt? Fläche, Bewusstsein um die Zusammenhänge, Wille zum Handeln.

Wildbienen Biodiversität

Insektenhäuser und eine möglichst grosse Pflanzenvielfalt sind in städtischen Gebieten zwar im Vormarsch – aber das Potential ist noch lange nicht ausgereizt.  Bild: istock.com

Tierarten im Garten – es braucht mehr als Blumen

Klar, je grösser, desto besser. Doch zählt wirklich schon der kleinste Fleck, Hauptsache naturnah. Wer Küchenkräuter blühen lässt, wer eine Flockenblume aufs Fenstersims stellt, einen Klee – schafft schon eine Mini-Bienenweide. Dasselbe gilt für die Biodiversität im Garten, wobei hier noch Lebensraum für Wildtiere geschaffen werden kann. Zum Beispiel für Eidechsen, Igel oder Vögel. Wer Vögel liebt, gibt Insekten ein Zuhause und was zu Fressen dank heimischer Pflanzen. Insekten sind das optimale Vogelfutter. Im Winter helfen ihnen die schönen heimischen Wildsträucher mit ihren bunten Beeren zu Überleben. Es helfen Pfützen, Hecken, sandige Plätze – es braucht nicht nur Blumen.

Ein kleiner Teich oder Tümpel reicht schon

Wunderhübsch und wertvoll sind auch Teiche oder Tümpel. Weltweit sind 41 Prozent aller untersuchten Amphibienarten bedroht. In der Schweiz sind es 79 Prozent. Es reicht schon ein erstaunlich kleines Tümpelchen irgendwo am Gartenrand, um Libellen, Kröten oder gar Molchen und den verschiedenen hübschen Wasserpflanzen Platz zu schenken. Und sich selbst viel Freude beim Beobachten dieser Bewohner.

Sind die Flächen untereinander vernetzt, ist auch die genetische Vielfalt garantiert, Tiere und Pflanzen können wandern und den Genpool erweitern. So sind Grenzzäune oder gar Mauern oft unüberwindbare Hindernisse für Kleintiere. Wo möglich, sollten sie mit einer heimischen Wildhecke ersetzt werden, wenn es eine sichtbare Begrenzung des Grundstücks braucht.

Engagement für die Biodiversität auf Gemeindegebiet

Wer selbst keine Fläche hat, kann bei seiner Gemeinde vorstellig werden. Egal ob Kreisel, Spielplatz, Schulhof, Park, Waldstück, Siedlungsrand oder Landwirtschaftsfläche – es lohnt sich nachzufragen, wie es mit der naturnahen Gestaltung und insbesondere der Pflege derselben aussieht. Es gibt unzählige Ideen, die anschaulich illustrieren, dass damit auch die Lebensqualität der Bevölkerung steigt. Weil eine Wiese, in der es summt und Vögel etwas zu Fressen finden, schöner ist als eine überhitzte Asphaltfläche ohne Leben.

Anspruchsvoll wird es bei den grösseren Flächen ausserhalb der Städte und Dörfer. Die werden oft landwirtschaftlich genutzt. Auch hier gibt es so viele Ideen, wie man mit der Natur und nicht gegen die Natur Nahrungsmittel produziert. Das Angebot dieser Landwirte zu nutzen hilft schon. Wieso nicht bei der Gemeinde anklopfen und fragen, nach welchen Kriterien sie ihr Land verpachtet? Vielleicht lässt sich der Vergabekatalog nach ökologischen Kriterien beeinflussen.

Euer Quartier wird an ein Fernwärmenetzwerk angeschlossen? Fragt auf der Baustelle nach der zuständigen Behörde und klopft dort an, dass die Fläche direkt vor eurem Gebäude nicht mehr neu versiegelt wird, sodass der Boden wieder atmen und Pflanzen wachsen können. Keine Sorge, es gibt verschiedene Möglichkeiten, damit man mit seinem Auto oder Velo weiterhin drüberfahren kann.

Versiegelte Flächen aufbrechen? Meldet euch!

Ihr wollt konkret bei euch entsiegeln? Meldet euch! Ab 2024 bauen wir Asphaltknackerinnen ein Netzwerk auf, um in Schweizer Städten unnötig versiegelte Flächen aufzubrechen.

PV Anlage Begrünung

Die Solaranlage auf dem Dach, das dazu noch begrünt ist, bringt einen zusätzlichen Lebensraum für Insekten und Vögel.  Bild: istock.com

PV-Anlagen mit Begrünung helfen auch den Vögeln

Bei euch am Gebäude gibt es energetische Sanierungen für den Klimaschutz? PV-Anlagen auf dem Dach gehen auch mit natürlicher Begrünung und erbringen sogar bessere Leistungen. Die Hauswand kann auch mit Pflanzen verschönert werden und bietet wichtigen Lebensraum für Spatzen oder Amseln. Auch sie verschwinden langsam, aber stetig. 40 Prozent der Schweizer Vögel sind gefährdet, weitere 20 Prozent stehen auf der Vorwarnliste, schreibt Birdlife Schweiz.

Städte, die Massnahmen einer «Schwammstadt» umsetzen, lösen zwei Probleme auf einen Streich. Dann, wenn sie nicht nur in technischen Ingenieurlösungen denken, sondern die «blaugrüne Infrastruktur» nutzen, um natürliche Lebensräume für Mensch und Tier zu schaffen. Das wäre eine Antwort auf die Biodiversitätskrise und die Klimakrise.

Mehr Fläche für die Natur, weniger tierische Produkte konsumieren

Wer schuld ist an dieser globalen Krise, die auch bei uns ganz lokal spürbar ist? Wir. Wir und unser Druck auf den Raum. Wir verbreitern Strassen, bauen neue Siedlungen, brauchen Infrastruktur. Wir verdichten Städte, oftmals auf Kosten alter ökologisch wertvoller Gärten und Bäume, die nach und nach verschwinden. Dazu kommt die intensive Landwirtschaft. Monokulturen bieten wenig Raum für die Biodiversität, Pestizide vernichten sie weiter.

Würden wir nur noch halb so viele tierische Produkte konsumieren, hätten wir plötzlich 50 Prozent mehr Fläche. Diese könnten wir als natürliche Oasen für die biologische Vielfalt nutzen. Denn mein Essen beeinflusst die Biodiversität ganz konkret. Hier hilft, weniger Fleisch, Milchprodukte und Eier zu konsumieren. Gerade jetzt auf Weihnachten hin und vielleicht als Vorsatz im neuen Jahr, bevor man draussen wieder selbst anpacken kann? Denn möglichst oft pflanzlich essen nützt der Natur. Und gegen Vernichtungsmittel wie Insektizide oder Fungizide hilft es, biologische Produkte einzukaufen. Für die Natur selbst. Für mehr Tierarten. Für uns.

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Autor:in: Bettina
Walch
Die ehemalige SRF-Kaderfrau Bettina Walch leitete zwei Jahre lang das SRF-Projekt «Mission B» für mehr Biodiversität und setzt sich heute mit ihrer Geschäftspartnerin Isabella Sedivy und ihrem Team bei Plan Biodivers für naturnahe Lebensräume ein.
planbiodivers.ch
Kommentare
  • Avatar-Foto Annina B.:

    Es ist eine Schande, wie wir in der Schweiz mit der Natur umgehen. Und noch viel erbärmlicher ist der Schweizer Bauernverband, der sich gegen jede Vorlage stellt, die sich für den Schutz von Natur und Biodiversität einsetzt. Es wäre wünschenswert, dass die Bevölkerung hier einmal ein deutliches Zeichen setzt.

  • Avatar-Foto Kevin:

    Vielen Dank, gute Beispiele und Ideen für mehr Biodiversität. Und ja, der Bauernverband mit seinem Präsidenten ist einfach gegen alles, auch gegen die eigene Lebensgrundlage… aber dafür für viele Subventionen. Da sollte mal eine Kraft gefunden werden, die dagegenhält.

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